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Paris!

Irgendwann Anfang des Jahres war ich mit Margit wieder einmal zu einem Spaziergang verabredet. Als sie kommt, sagt sie: „Du, Alexander und ich wollen nach Paris fahren. Ich hatte die Idee mal nach der renovierten Notre-Dame zu sehen. Kommst du mit?“

Spontan sagte ich zu. So wie damals, als ich mit ein paar Freunden den Grand Prix angesehen hatte in der Hoffnung Lena würde tatsächlich eine Chance haben. Als sie dann wirklich gewonnen hatte, beschlossen wir weinselig am nächsten Morgen nach Hannover zu fahren, wo Lena am Nachmittag erwartet wurde. Haben wir gemacht und sind noch am selben Tag zurück, da wir am Montag wieder arbeiten mussten. Ungefähr so fühlte sich das jetzt auch an. Nach Paris fahren, um zu sehen, ob sie Notre-Dame gut restauriert haben, nach diesem verheerenden Brand. Als Präsident Emanuel Macron damals sehr vollmundig versprach die Kirche innerhalb von 5 Jahren wieder aufzubauen war ich sehr skeptisch.

Ende Februar trafen wir uns, um die Reise zu buchen. Alexander hatte schon ein Hotel in der Nähe der Gare de l’Est gefunden. Bezahlbar und vom optischen Eindruck gut. Nun mussten wir noch ein Reisedatum festlegen. Es wurde Mai. Sehr gute Entscheidung wie sich später rausstellte. Das Hotel schickte eine Bestätigung und nun noch die Züge buchen. Die Franzosen machen es richtig. Bucht man eine Fahrkarte im TGV bekommt man automatisch einen Platz zugewiesen, den man sich allerdings nicht aussuchen kann. So saßen Margit und Alexander schließlich in einem anderen Waggon. Ursprünglich wollten wir Montag los, aber da waren die Fahrkarten schier unbezahlbar. Siehe da, am Dienstag kosten sie beinahe nur die Hälfte. Schnell merkten wir, dass eine Nacht doch ein bisschen stressig ist bei insgesamt gut sieben Stunden Zugfahrt. Also haben wir zwei Nächte gebucht. Auch das stellte sich im Nachhinein als perfekt heraus.

Nun konnten wir uns bis Mitte Mai auf unsere Reise freuen. Ich packte kurz vorher sogar nochmal mein Büchlein „Französisch für Touristen“ aus und freute mich, dass das eine oder andere noch da war. Schließlich liegt meine Schulzeit schon ganz lange zurück. Letztendlich habe ich mich dann aber doch nicht getraut zu sprechen. Margit spricht gut Französisch und übernahm das. Aber ich freute mich doch immer wieder mal etwas zu verstehen. Ich war das letzte Mal 1982 in Paris und Frankreich. Da war es noch so, dass man mit Englisch gar keine Chance hatte. Das ist heute alles ganz anders.

Dann war es so weit; Koffer packen. Das Wetter sollte schön werden, also alles kein Problem. Mir fiel ein, dass ich gar nicht wusste ob Margit und Alexander eher später aufstehen und so packte ich meinen Reisewasserkocher ein. Überflüssig! In jedem Zimmer gab es einen. Überhaupt wusste ich eigentlich nichts über die Reisegewohnheiten der beiden. Ich habe schon ein paar Mal schlechte Erfahrungen gemacht, aber Paris, da ist doch die Stimmung automatisch gut.

Dann noch ein Schreck! Ich zog mich am Vorabend der Reise um für die Chorprobe und entdeckte am unteren Bauch eine Entzündung, die plötzlich auch juckte und brannte. Schwarzer Punkt mit rotem Kreis. Oh je, eine Zecke? Ich habe da keine Erfahrung, aber es sah nicht gut aus. Was tun um 18:30 Uhr und morgen auf Reisen? Dann fiel mir ein, dass es in unserer Fahrgemeinschaft eine Ärztin gibt. Ich bat sie, da mal drauf zu schauen. Sie vermutete ein Abszess und richtig nach der Chorprobe öffnete und versorgte sie es fachmännisch und riet mir am nächsten Morgen vor Reiseantritt noch Jod und Desinfektionsspray zu besorgen. Große Erleichterung auf meiner Seite. Jetzt stand Paris nichts mehr im Wege.

Die Reise beginnt

Dienstagmorgen zur Apotheke und dann mit dem Regionalexpress nach Frankfurt. Am Bahnhof treffe ich Margit und Alexander und los geht’s. Der Regionalexpress fährt vergleichsweise schnell bis Würzburg, aber dann zuckelt er und hält an unzähligen Haltestellen. In Frankfurt angekommen steht der TGV bereits am Gleis bereit. Wir haben noch Zeit einen Kaffee zu kaufen und dann suchen wir unseren Waggon??? Ein netter Schaffner erklärt jedem neuen Passagier, dass die Wagenanzeige erst leuchtet, wenn der Zug fährt. Ach so, alles klar und dann sagt er uns, wo wir einsteigen müssen.

Um 17:00 Uhr steigen wir in Paris Gare de l’Est aus und prompt fängt es an zu regnen. Als es heftiger wird, stellen wir uns unter eine Markise vor einem Käseladen mit einer Käseauswahl, die mir sofort Appetit macht. Mit dabei ein Pärchen, die im selben Zug waren und wie sich herausstellt auch im selben Hotel gebucht haben. Der Regenschauer ist vorbei, die Sonne ist wieder da und wir verabreden am Abend zusammen loszuziehen. Später gibt es noch eine große Überraschung. Es stellt sich heraus, dass Susanne und Margit im selben kleinen Ort in der Nähe von Würzburg aufgewachsen sind und noch eine unglaubliche Entdeckung, eine Cousine von Susanne hat Margits Bruder geheiratet! Die Welt ist eben doch klein, Weltstadt hin oder her.

Wir essen schließlich bei einem Asiaten, weil der so schön seine Nudeln selbst herstellt, wie man im Schaufenster sehen kann. Anschließend noch ein bisschen Wein und Käse in einem Hinterhof mit Marktständen, vielen jungen Leuten und guter Stimmung. Auf dem Rückweg zum Hotel entdecken wir dann den Canal Saint-Martin. Genau meine Location. Viele kleine gut besuchte Straßenlokale und direkt an der Kanalmauer viele Leute, die dort picknicken. Mittlerweile ist es dunkel. Die schönen Jugendstillaternen spiegeln sich im Wasser und perfektionieren das romantische Ambiente. Zu dem auch die vielen alten Brücken, die sich für Schiffe öffnen können, beitragen.  Der Kanal taucht plötzlich auf, weil er weitgehend übertunnelt, ist. Es ist schön hier, lebendig, ich genieße das Leben und Treiben der Großstadt. Bamberg ist sehr schön, aber manchmal eben auch sehr beschaulich.

Neue alte Notre-Dame

Nachdem ich am nächsten Morgen den Kampf mit dem hoteleigenen Fön mehr oder weniger gewonnen habe, ging es um kurz nach 8:00 Uhr zum Frühstück. Schräg gegenüber dem Hotel hatten wir eine kleine Bäckerei entdeckt mit gutem Gebäck. Der Kaffee war auch okay. Alexander hatte bereits einen Zeit Slot für Notre Dame gebucht mit einer „freiwilligen“ Spende von mindestens 1 €, denn der Eintritt in die Kathedrale ist kostenlos. Das Wetter ist herrlich und der Himmel strahlend blau. Wir genießen Paris! Auf dem Platz vor Notre Dame ist eine kleine Tribüne aufgebaut, die zum Verweilen einlädt oder eben bis unsere gebuchte Zeit beginnt. Endlich ist es so weit, der Andrang überschaubar und wir dürfen rein.

Ich war 1982 mal zwei Tage in Paris, schon wirklich ewig her und so genau kann ich mich an den Kirchenraum nicht erinnern. Die Kathedrale ist hell, riesig und imposant. Zwischen den Säulen rechts und links von der Bestuhlung wunderschöne Kronleuchter. Die Rosetten ebenfalls riesig, geben ein schönes Licht. Sie sind heil geblieben bei dem Brand, an den hier wirklich nichts erinnert. Alle Nischen und Seitenaltäre, und davon gibt es tatsächlich viele, sind renoviert. Besonders gefallen mir die Wandmalereien, die wie Tapeten anmuten. Beeindruckend die Vielfalt. Jede Nische ist anders. Zum Teil sind die Bögen farbig. Nach vorne eine ewige Flucht von gotischen Bögen, nach oben mehrere Stockwerke und doch wirkt die Kirche nicht kalt. Ob das von den warmen Farben und dem neuen Lichtkonzept mit den unzähligen LED-Lämpchen kommt? So langsam verstehe ich, warum es ca. 2500 Restauratoren gebraucht hat, um alles wieder herzustellen. Wenn ich jetzt hier erahne, was da alles nötig war, um diesen Glanz wieder herzustellen, bin ich mehr als beeindruckt, dass Emanuel Macron sein vollmundiges Versprechen halten konnte.

Mit Heiligen kann ich nichts anfangen. Ein Mensch spricht einen anderen Menschen 100 Jahre nach dessen Tod heilig. Das ist mir suspekt. Aber die künstlerische Ausstrahlung einer Heiligenfigur, wenn vorhanden, berührt mich schon. Der riesige goldene Schrein zur Aufbewahrung der Dornenkrone Christi interessiert mich nicht. Noch weniger irgendwelche Reliquien. Im Aachener Dom wird alle 5 Jahre eine Windel Christi gezeigt. Nun ja…

Immer wieder ziehen mich die vielen Seitenaltäre an. Die mit dem goldenen Schrein hat eine Sternendecke und die gotischen Bögen sind farbig. In einer anderen entdecke ich ein Bild von Maria mit dem Jesuskind. Das Besondere ist, die Maria hat ein asiatisches Aussehen. Neben dem Bild sind rechts und links entsprechende Schriftzeichen.

Insgesamt ist es schon ein starkes Gedränge im Kircheninneren, 2.500 Besucher dürfen eintreten und dieser große Stand mit Devotionalien hätte doch sicher auch irgendwo am Rand Platz gehabt. Vielleicht nehme ich beim nächsten Mal an einem Gottesdienst teil. Ich glaube, dann erlebt man nochmal eine ganz andere Atmosphäre.  Aber auch so bin ich sehr beeindruckt von dieser Kathedrale, die schon etwas ganz Besonderes ist. Wir sind alle drei der Meinung der Wiederaufbau ist gelungen. Es ist immer noch eine Kirche und kein Museum.

Solange ich denken kann, gehe ich gerne in Kirchen. An viele kann ich mich nicht mehr erinnern und manche fand ich kalt oder hoffnungslos überladen und erdrückend. Aber wenn der Kirchenraum etwas ausstrahlt, berührt mich das. Der Kölner Dom, der Dom in Siena, die kleine schlichte katholische Kirche in Bad Kissingen, die Holzkirche in Braunlage, die Inselkirche auf Langeoog und die Kirche meiner Heimatpfarrei hier in Bamberg. Ab sofort gehört auch Notre-Dame dazu.

Weiter geht’s …

Trotz der vielen Eindrücke schauen wir noch bei der kleinen gotischen Kapelle Sainte-Chapelle vorbei. Sie ist berühmt für ihre außergewöhnlichen Buntglasfenster. Keine Chance ohne Voranmeldung da hineinzugelangen. Vielleicht gut, so bleiben die Eindrücke von Notre Dame präsent und wir haben noch einen Grund wieder nach Paris zu fahren. Als wir an der Seine entlanglaufen, hat Margit die Idee aufs Boot zu steigen und sich Paris vom Wasser aus anzuschauen. Ein Traum! Wir fahren gemütlich auf der Seine, unter den vielen Brücken hindurch, schauen vom Wasser aus nochmal auf Notre- Dame, sehen den Eingang zum Jardin des Plantes, ziehen am Hotel de Ville vorbei, sehen den Eiffelturm aus verschiedenen Perspektiven und steigen schließlich am Musée d’Orsay aus. Bei herrlichem Sonnenschein stärken wir uns in bzw. vor einem typisch französischen Lokal und besuchen dann das Musée d’Orsay.

Allein das Gebäude von außen und von innen ist schon ein Besuch wert. Die Kunstschätze erst recht. Wir haben Glück, es ist früher Nachmittag und der Besucherstrom hält sich in Grenzen. Das Museum war ursprünglich ein Bahnhof für den Fernverkehr und wurde 1900 anlässlich der Weltausstellung gebaut. Ah, das erklärt diese unglaubliche Halle, früher Haupthalle des Bahnhofs. Auf Initiative des französischen Präsidenten Valéry Giscard d’Estaing wurde er zum Museum umgebaut. Sehr eindrucksvoll. Die restaurierte, goldverzierte, riesige Bahnhofsuhr hängt noch an der Stirnseite. Die Jugendstillampen gefallen mir ganz besonders. Der Gesamteindruck ist, wie schon gesagt, beeindruckend.  Entsprechend ist auch die Sammlung der Kunst, die man eigentlich häppchenweise genießen sollte, damit man alles aufnehmen kann. Irgendwie unmerklich steigt man viele Stockwerke nach oben, während man die Kunst in den Ausstellungsräumen bewundert. Dazwischen gibt es Flure mit großen Fenstern und einen Blick auf Sacre Coeur.

Nach so viel Input, angefangen mit Notre-Dame über die Fahrt auf der Seine und schließlich das Museum beschließen wir eine Ruhepause im Hotel einzulegen. Bevor ich auf mein Zimmer gehe, kaufe ich mir noch ein himmlisches Erdbeertörtchen bei „unserem“ Bäcker über der Straße.

Später genießen wir einen Aperitif in einem der vielen Straßenlokalen und beobachten das Treiben um uns herum. Herrlich, fühlt sich richtig wie Urlaub an. An diesem Abend essen wir in einem kleinen Lokal mit feiner Speisekarte. Alles frisch zubereitet, aber mal auf ganz andere Weise. Sehr schmackhaft. Wein und Brot sind ebenfalls köstlich und weil ich das so schön finde, bestelle ich mir zum Dessert noch einen Käse. Zum Essen kamen auch wieder Susanne und Stefan dazu. Sie waren mit den städtischen Leihrädern unterwegs und wir tauschen uns über unsere Erlebnisse aus. Auf dem Rückweg zum Hotel nochmal den Canal Saint Martin genießen.

Letzte Stunden in Paris

Nachdem wir am nächsten Morgen gefrühstückt haben, wieder bei „unserem Bäcker“ und unsere Koffer an der Rezeption abgestellt haben, brechen wir auf, um der Basilika Sacre Coeur einen Besuch abzustatten. Der anschließende Bummel durch Montmartre fällt aus, da die Geschäfte erst spät öffnen. Wie gesagt, wir kommen wieder.

Stattdessen laufen wir durch die Pariser Straßen zu den Galeries Lafayette. Ich lese nach, dass es sich um eine Warenhauskette mit 65 Standorten handelt, Stammsitz Paris. Vorher bewundere ich aber noch die vielen kleinen Läden auf dem Weg. Es gibt einfach alles, obwohl die Franzosen schon 1982 ihre Hypermarchés vor den Toren der Städte hatten. Ich sehe auch keine Leerstände wie in unseren Innenstädten. Natürlich gibt es auch hier viele Nagelstudios. Eines hat besonders lange spitze Krallen im Schaufenster und ich mache ein Foto.

Das Kaufhaus ist ein Traum, besonders die riesige bunte Jugendstilkuppe in der Mitte. Fast waren wir versucht ein französisches Parfum zu kaufen. So nach dem Motto: „Direkt in Paris gekauft.“ Aber der Verkäufer war uns zu schnöselig. Es schien, als wäre Bedienen unter seiner Würde. Na ja, dann nicht. Oben auf der Dachterrasse nochmal ein Blick auf Paris und direkt vor uns die Oper. Dann wird es Zeit unsere Koffer zu holen. In Bahnhofsnähe gibt es ein typisches französisches Lokal, Bouillon Chartier. Auch eine Kette. Gegründet, damit Arbeiter ein günstiges Mittagessen bekommen können. Ein großes Lokal mit vielen kleinen Tischen, der typische schwarz-weiße Fußboden, gediegene Einrichtung mit Nostalgieflair und Kellner in schwarz-weiß gekleidet. Es gibt eine kleine Auswahl an Gerichten, die quasi fertig sind und fast sofort serviert werden, genau richtig für eine Mittagspause oder wenn man noch etwas Zeit hat bis das der Zug fährt.

Fazit

Ein rundum gelungener Kurztrip. Alles hat gepasst und mit Margit und Alexander kann man sehr entspannt reisen. Au revoir Paris! Wir kommen wieder.


04.06.2025