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Das Tal der Tempel

Die Fahrt nach Agrigento dauert nicht lange und wir werden mit einem Blick belohnt, der uns den Atem anhalten lässt. Hier sind sie, die Tempel, die Goethe in seiner Italienischen Reise beschreibt: Wir steigen aus und lösen uns eine Karte, um das Tal der Tempel besichtigen zu können. Da stehen sie jetzt direkt vor mir. Warum weiß ich nicht, mir fällt ein Satz aus dem Alten Testament ein:

„Ziehe deine Schuhe aus, denn du betrittst heiligen Boden.“

Für mich ist die Szenerie ehrfurchtsgebietend. Ichlaufe auf Wegen, die seit dem Jahr fünfhundert vor Christus angelegt wurden und schaue mir die verschiedenen Andachtsorte an, die den griechischen Gottheiten geweiht sind. Eine besondere Atmosphäre umgibt mich und katapultiert mich in eine längst vergangene Zeit zurück. Wie lebten die Menschen in dieser Tempelanlage, waren es nur Priester und Priesterinnen? Gab es Hilfspersonal? Wie war der Tagesablauf? Vor mir eröffnete sich eine andere Welt, die meine Fantasie anspricht und es kommen immer mehr Bilder in meinem Inneren hoch, die sich zu einer Geschichte verweben. Ich schüttle mich, um wieder im hier und jetzt zu sein. Was bleibt, ist Hochachtung für die Heiligtümer, die immer noch fortleben und ein Anziehungspunkt sind.

Nach stundenlangem Gehen und Schauen sind wir so müde und durstig, dass wir uns auf den Weg zum Auto machen. Erst jetzt spüre ich die versengende Hitze wieder. Merke, dass ich auf dem Arm einen Sonnenbrand habe und creme mich sofort ein und ziehe eine langärmlige Bluse an. Von der Gewalt des Erlebten bin ich erschöpft und muss mich hinlegen, es sacken lassen, um mich wieder in den Alltag einzufinden.

Eduard, der auch die ganze Zeit schweigsam war, scheint es ähnlich zu gehen. Er setzt sich an den Tisch im Bus und schaut ins Weite. Es braucht keine Worte.

Nach einer Rast fahren wir weiter nach Syracusa. Wir sind uns einig, dass wir heute keine Sehenswürdigkeiten mehr anschauen, denn sonst würden die Eindrücke verlöschen. Also sehen wir uns wie normale Touristen die Stadt an, sie ist charmant. Auch von hier aus ist der Ätna nicht zu übersehen. Wir ruhen uns bei einem Glas Wein aus und planen ein Stück weiterzufahren, um einen Schlafplatz mit schöner Aussicht zu finden.

Inzwischen sind es fünfundvierzig Grad. Diese Temperatur ist gewöhnungsbedürftig dabei ist es schon 19 Uhr. Wir hoffen auf Abkühlung in der Nacht. Trotz allen Warnungen vor den Gefahren, die das Wildcampen mit sich bringen kann, lassen wir nachts die Schiebetüre und die Heckklappe auf, um wenigstens das Gefühl eines Hauches bewegter Luft zu bekommen. Am nächsten Morgen um 6 Uhr hat es immer noch 30 Grad Celsius. Wir wissen, dass heute wieder ein sehr heißer Tag wird und ich überrede Eduard einen Tag Ruhepause einzulegen, um im Meer schwimmen zu gehen. Er stimmt mir zu und ich bin erleichtert von dieser Aussicht und dem kühlenden Meerwasser. Er findet wie meist eine schöne Badebucht, die fast menschenleer ist. Eduard umgeht das Steckenbleiben im Sand dadurch, dass er Bretter, die er unterwegs gesammelt hat, wann immer er eines fand, unter die Räder legt und so können wir hier auch übernachten. Dann macht er sich sofort daran, das Sonnensegel, (bestehend aus einem weißen Betttuch), vor die Schiebetüre zu spannen, damit wir für unseren Gartentisch etwas Schatten haben. Uns gefällt es an diesem Ort so gut, dass wir ein paar Tage bleiben. Ich bin selig.