Der Duft meiner Kindheit
Im Sommer schickten mich Mama und Papa schon seit frühester Kindheit jedes Jahr zu den Eltern meiner Mutter. Sie wohnten etwa eine Autostunde von uns entfernt. Ich war ein sehr zartes Kind. Meine Eltern dachten, die Luftveränderung würde mir gut tun und meinen Appetit anregen. Ich war gerne dort und freute mich jedes Mal auf die Tage, die ich ganz alleine bei Oma und Opa verbringen durfte.
Meine Großeltern wohnten in einer kleinen Stadt in einem zweistöckigen Mietshaus, ein Altbau mit großen Fenstern. Schon im Eingang nahm ich den Geruch des Treppenhauses auf. Die alten Holztreppen waren mit einem grün-braun-rötlich gemusterten Linoleumbelag überklebt. Ich nehme an, dass meine Großmutter die Treppenstufen mit einer Art Bohnerwachs reinigte. Es war ein Duft, der oft in den großen städtischen Altbauten aus der Vorkriegszeit zu finden war. Kaum angekommen stürmte ich die Treppe hinauf zur Oma. Sie erwartete mich, stets mit einer Schürze bekleidet, in der offenstehenden Tür. Ihr liebevolles Lächeln habe ich heute noch vor Augen. „Da bist du ja, mein Kind!“ Mit diesen Worten begrüßte sie mich jedes Mal und ich schlang meine Ärmchen um ihre Hüften. Aus der Küche roch es nach der feinen Suppe, die nur Oma so gut zubereiten konnte. Der Suppentopf stand auf einem großen gusseisernen Herd, der noch mit Holz geschürt wurde und immer eine angenehme Wärme verbreitete. Hier in der Küche spielte sich bei Oma das Leben ab. Nachdem wir gegessen hatten, packte meine Mutter meinen Koffer aus. Ich durfte im Gästezimmer schlafen. Neben einem riesigen Schrank befand sich in der Zimmerecke ein Waschtisch mit einem dreiteiligen Spiegel darüber. Davor stand ein Hocker. Auf dem Tisch stand eine Schüssel mit einem Krug. Das Lavabo war aber nur noch ein Schmuckstück. Gewaschen wurde sich in der Küche, ein Badezimmer gab es nicht. Nur der Luxus eines Wasserklosetts war in der Wohnung zu finden. Am meisten freute ich mich, in dem riesigen Bett zu schlafen. Es war aus dunklem Holz und reich verziert. In den mächtigen Kissen verschwand ich kleines Kind, aber ich fühlte mich darin wohl und geborgen. Ich erinnere, wie ich mein Gesicht tief in die weißen Damast Kissen vergrub, die einen Duft von Lavendel verströmten. Darin schlief ich immer sofort ein.
Ein bisschen traurig war ich schon, als meine Eltern wieder fuhren. Mein Opa nahm mich dann an die Hand und wir spazierten zum Feuerteich, der mitten in der Stadt lag. Opa hatte immer eine Tüte mit alten Brotkrumen dabei. Die warf ich den Enten zu. Ich lachte laut, wenn sie mit großem Geschnatter auf mich zu schwammen, als hätten sie ewig nichts mehr zu fressen bekommen. Ich weiß noch wie ich mit ihnen redete: „Nein, nein, du hast schon genug. Du da hinten hast noch nichts abbekommen!“, und ich versuchte, die Krumen so weit es geht zu werfen. Opa saß schmunzelnd auf einer Parkbank und schaute mir zu, wie ich vor Vergnügen am Ufer herumsprang und nicht genug davon bekommen konnte, mit den Wasservögeln zu sprechen und mit ihnen spielte. Als die Tüte leer war gab ich sie Opa zurück, der sie aufblies und dann mit der anderen Hand kaputt schlug. Bei dem Knall jauchzte ich vor Vergnügen.
Der Weg zurück führte uns über einen schmalen, mit Gras bewachsenen Wall, an dem der Schrebergarten meiner Großeltern lag. Opa überließ es mir das hölzerne Tor, das mit einem Schloss versehen war, zu öffnen. Vorsichtig nahm ich den Schlüssel, steckte ihn ins Schloss und war jedes Mal stolz, wenn es aufsprang. Hier im Garten duftete es ganz anders als in der Stadt. Ich atmete den zarten und süßlichen Duft der Sommerblumen und den grasigen der frisch gemähten Wiese ein. Ich hüpfte vorbei an den Stachelbeersträuchern und roch schon von weitem das fruchtige Aroma der schwarzen und roten Johannisbeeren, die reif und prall an den dünnen Ästen hingen. Hier, in Opas Garten, vergaß ich die Zeit. Ich schlüpfte unter den Büschen hindurch, durfte überall naschen und für Oma eine Schüssel Johannisbeeren ernten. Am Gartenzaun stand noch eine Hecke mit Himbeeren. Die kleinen Stacheln an den Trieben pieksten mich immer an meinen Händen, aber das machte mir nichts aus. Himbeeren waren einfach das Beste. Später half ich Opa beim Gießen der Pflanzen. Das Wasser holten wir aus einem kleinen Gartenteich an dem wunderschöne gelbe Wasserlilien blühten. Hierfür hatte Opa mir extra eine kleine Gießkanne besorgt. Voller Begeisterung schöpfte ich wieder und wieder das Wasser aus dem Teich und goss die Pflanzen auf die mein Opa wies. Er lächelte dabei und sagte: „Das machst du sehr gut. Du bist mir wirklich eine große Hilfe.“ Ich strahlte ihn an und arbeitete voller Eifer weiter und fühlte mich enorm wichtig.
Als wir die Beete und Pflanzen mit Wasser versorgt, die Früchte geerntet und ich einen großen Teil davon verspeist hatte, setzte sich Opa auf die Bank vor dem Gartenhäuschen. Das war für mich der Moment, auf den ich mich am meisten freute. Nun nahm Opa aus seiner Zigarrenschachtel eine Zigarre, die er mit einem tiefen Atemzug genüsslich einmal unter seiner Nase durchzog. Sein weißgrauer Schnäuzer, der an den Ende in einem Bogen nach oben geschwungen war, zitterte leicht dabei. Dann griff er zu einer silbernen zierlichen Zange und zwickte damit ein Ende der Zigarre ab. Und jetzt kam ich mit ins Spiel, jetzt kam mein Part. Ich nahm aus einer großen Streichholzschachtel ein langes Streichelholz und versuchte es anzuzünden. Das gelang nicht immer gleich auf Anhieb, aber Opa hatte Geduld. Als das Streichholz endlich brannte, hielt ich es an Opas Zigarre, die er mit ein paar paffenden Zügen zum Glühen brachte. Jetzt durfte ich endlich auf Opas Schoß klettern. In der einen Hand hielt er seine Zigarre, die hatte nur noch zwei Finger und den Daumen, zwei waren ihm im ersten Weltkrieg weggeschossen worden. Den anderen Arm legte er um mich und ich kuschelte mich an ihn. So saßen wir eine ganze Weile ohne ein Wort zu sprechen.
Ich weiß nicht mehr, was ich mehr genoss, den würzigen Duft seiner Zigarre oder den Frieden, der uns in diesem Moment umgab.