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Mohnpüppchen

Es ist Anfang September, Schulbeginn und es hat 35°C. Mir scheint, die lang andauernde Hitzeperiode bremst sogar die überschäumende Energie der Kinder und die sonst so prickelnde Atmosphäre des ersten Schultages.

Ich habe mich in meiner Volksschulzeit immer auf den Schulanfang gefreut. Er bot Gelegenheit die neue Herbstbekleidung auszuführen, Freundinnen wieder zu treffen und Geschichten auszutauschen. Ich ging nicht in die Schule, ich tänzelte und hüpfte. So sehr ich mich auch über den Anfang freute, das Schulende mit den vor mir liegenden langen Ferien konnte er nicht überbieten.

Dabei waren meine Ferien nach heutigen Maßstäben urlangweilig. Wir machten keinen Urlaub am Meer oder an einem See, fuhren auch nicht in die Berge oder wenigstens zu Großeltern auf Besuch. Ich war die meiste Zeit zu Hause. Vormittags begleitete ich meine Mama in den Garten – da gab es immer was zu tun. Ich durfte frische Himbeeren, Erdbeeren, Weinbergpfirsiche und Ribisel naschen. Auch die jungen zarten Erbsen, die ich so gerne aus den Schoten pulte und sofort genüsslich verschlang. Ebenso gerne aß ich knackige Karotten, frisch aus der Erde gezogen und im Wasserfass gut abgewaschen. Während Mama im Garten arbeitete und ich die Früchte des Gartens genießerisch verzehrte, beschrieb sie mir das Aussehen und die Funktion von Kräutern, erklärte mir Nährwert von Obst und Gemüse und die Schönheit der Blumen, so ganz beiläufig und nebenbei. Beim Kochen war es ähnlich, sie erzählte mir Geschichten und ich sah ihr gerne beim Hacken, Schneiden, Würzen und Abschmecken zu. In meiner Puppenküche kochte ich dann auch mit den Kräutern, schnippelte und rührte um, nur ohne Wasser und ohne Strom.

Die Kräuter und Blüten streute ich mir später auf ein Butterbrot und fand es natürlich köstlich.

Manchmal lag ich einfach nur im Gras und beobachtete die Wolken oder ich fütterte unsere Schildkröte Hansi mit Erdbeeren oder Hibiskusblüten. Das schrammte schon hart an der Langeweile vorbei, fühlte sich aber trotzdem gut an. Die Katze Schnurli streicheln, den zwei Kanarienvögel vergeblich das Sprechen beibringen oder auch bei Schlechtwetter Briefträger spielen klingt auch nicht gerade aufregend, war aber ein fixer Bestandteil meines Tagesablaufes.

Nachmittags saß meine Mutter gerne mit ihrer Handarbeit im Garten. Entweder sie strickte Pullover für die Familie, häkelte Spitzendeckchen für das „traute Heim“ oder bestickte riesengroße Tischdecken. Ich konnte mich nicht so dafür begeistern, meine Strick- und Häkelversuche waren meist keine Schmuckstücke.

An einem schönen Tag im Juli machten Mama und ich einen kleinen Spaziergang. Wir entdeckten Mohnblumen und Mama pflückte Knospen und schon verblühte Samenkapseln. Ich war verwundert, doch sie meinte nur: wir machen daraus Mohnpüppchen. Ich konnte mir nichts darunter vorstellen.

Zu Hause angelangt, setzten wir uns in den Garten und Mama nahm eine Knospe in die Hand, zeigte mir die Nahtstelle der zwei grünen borstigen Blütenhüllen, die sie vorsichtig mit dem Fingernagel öffnete und auseinander schob. Darunter kamen dann die roten zerknitterten Blütenblätter zum Vorschein. Behutsam zupfte sie nun mit Daumen und Zeigefinger das Kleidchen zurecht. Die zwei Blütenhüllen schmiegten sich wie ein Cape um das rote bauschige Blütenkleid. Als Kopf diente die Samenkapsel. Diese wurde von unten leicht mit einem Zahnstocher angebohrt und auf den Stängel gesetzt. Falls das nicht funktionierte, wurde der Zahnstocher als Stabilisator zu Hilfe genommen. Ich war begeistert und wollte das natürlich auch können. Ganz so einfach war es nicht, aber nach ein paar Fehlversuchen klappte es ganz gut. Meine Freude mit der Puppenschar war groß, doch leider auch vergänglich. Sie waren etwas ganz Besonderes und so konnte ich mich jedes Jahr schon auf die Mohnblüte freuen.

Zu Schulanfang fragte uns die Lehrerin, was unser schönstes Ferienerlebnis gewesen sei. Meine Mitschülerinnen erzählten vom Tauchen im Meer, von Muscheln und Seesternen, riskanten Autofahrten und Bootsausflügen. Und ich gab meinen Mohnpuppen eine Bühne.


Aus dem Buch EIN JAHR – NEUN FRAUEN – 66 GESCHICHEN