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Hochzeitsreise in den Achtzigern

Nach unserer Hochzeit fuhren wir nicht wie in den amerikanischen Filmen frisch verliebt winkend in die Flitterwochen. Wir lebten schon vier Jahre zusammen. Allerdings war das hier in der fränkischen Kleinstadt nicht ohne Probleme gewesen. Sowohl mit Vermietern als auch mit meinem Vorgesetzen gab es Schwierigkeiten. Geheiratet haben wir am 16.06.1982. Erstens gefiel mir das Datum. Ich wusste nicht, dass laut Statistik Ehen, die zu solch einprägsamen Daten geschlossen werden, unter einem schlechten Stern stehen. Zweitens war es ein verlängertes Wochenende und so für uns und alle Gäste organisatorisch einfacher. Ausgerechnet in diesem Jahr fand eine Fußballweltmeisterschaft statt. So mussten manche Gäste dringend die Spiele im Fernsehen ansehen. Aber letztendlich war es ein ausgelassener Polterabend und eine stimmungsvolle Hochzeitsfeier mit sehr vielen Gästen. Die Fotos sehe ich immer noch gerne. Meine Großeltern, meine Großtante mit ihrem Lebensgefährten, meine Patinnen mit Partner, alle lieben Menschen waren da und natürlich unsere Freunde von nah und fern. Die gesamte Organisation lag bei mir, aber es hat sich gelohnt und wir hatten ja viele helfende Hände.

Jedenfalls konnten wir erst im August verreisen, da wir beide an Betriebsferien gebunden waren. Wir hatten nur ein kleines Budget zur Verfügung und damals war das Campen noch eine sehr günstige Alternative. Aber Hotel war für meinen Mann sowieso indiskutabel gewesen. Mich begeisterte die Idee einer Frankreichrundreise, bei der wir die grobe Richtung festlegten und die einzelnen Übernachtungen dort, wo es uns gefiel und so lange, wie es uns gefiel. Ich hatte überhaupt keine Campingerfahrung, aber mein Mann war immerhin schon öfter mit Freunden und Zelt unterwegs gewesen und fühlte sich dem Ganzen sehr gewachsen. Meine Schwägerinnen, die vier älteren Schwestern meines Mannes, waren mit ihren Familien schon seit vielen Jahren mit dem Zelt unterwegs, allerdings mit genau festgelegten Routen und Besichtigungen. Aber mit Kindern ist ja auch alles anders.

Wir haben uns also ihre Erfahrungen zu Nutze gemacht. Zuerst haben wir ein Hauszelt gekauft. Ein Riesending mit großer Schlafkabine, Platz im Vorraum, falls das Wetter mal nicht so gut ist und mit kleinem Vorzelt. Zu zweit bietet dieses Zelt viel Komfort und es sollte ja auch später als Familienzelt geeignet sein. Kein Vergleich zu heutigen Zelten, die leichter, filigraner und einfacher zu handhaben sind. Obwohl, heute zeltet ja kaum noch jemand. Es gibt fast nur noch große Wohnmobile. Zelte sind exotisch geworden. Wie dem auch sei, unseres hatte viele Metallstangen und Verbindungsstücke, die mein Mann erstmal beschriftet hat, damit es beim Aufbau etwas zügiger geht. Das Überzelt über die Stangen zu hieven war jedes Mal Schwerstarbeit. Der Abbau und alles wieder in verschiedene Säcke verstauen war nicht weniger anstrengend. Ganz schlimm wurde es, wenn es vor dem Abbau geregnet hatte. Schon durch das Gewicht der verschiedenen großen Säcke mit den Zeltutensilien war unser kleiner Kadett schwer beladen.

Aber dann brauchten wir ja noch einen Herd mit zwei Platten und eine Gasflasche, um  die Kochplatten zu erhitzen. Alutöpfe, Pfannen, Geschirr und Besteck, einen Campingtisch und zwei Stühle sowie zwei Luftmatratzen und Schlafsäcke vervollständigten die Grundausstattung. Dazu die wichtigsten Grundnahrungsmittel.

Am 31. Juli ging es los. Sowas wie Navi gab es erst Jahrzehnte später. Wir kauften beim ADAC einen Schutzbrief, der uns oft gute Dienste leistete, einen Campingführer, in Papierform – Handy und Internet gab es auch noch Jahrzehnte nicht – und Reiseunterlagen und Kartenmaterial, dass man einmal pro Jahr kostenlos beim ADAC anfordern konnte. Weiteres wichtiges Hilfsmittel war mein Polyglott. Die Packerei für einen Campingurlaub ist gruselig und wurde später mit den Kindern natürlich noch mehr. Allerdings ist Campingurlaub mit Kindern super, wenn man dann endlich angekommen ist.

Ich war mit meinen Schwägerinnen in der Metro einkaufen gewesen und habe auf ihre Empfehlung passende Konserven gekauft, die dann den ganzen Boden unseres kleinen Opel-Kadett ausfüllten. Die allermeisten habe ich wieder mit nach Hause gebracht. Rouladen aus der Dose sind einfach nicht mein Fall. Im Gegensatz zu meinen Schwägerinnen brauche ich auch in der Sommerhitze keine Klöße. Nun gut, durch Erfahrung wird man klüger.

Für die täglichen Übernachtungen hatten wir uns noch eine „Dackelgarage“ gekauft, denn das Hauszelt konnte man unmöglich täglich auf- und abbauen. Der erste Halt war Trier. Der Campingplatz befand sich damals mitten im Rotlichtmilieu. Das war schon etwas befremdlich. Wir haben uns die üblichen Sehenswürdigkeiten wie die Porta Nigra, die Kaiser Therme etc. angeschaut und am nächsten Tag ging es weiter nach Luxemburg. Auch hier Besichtigung, aber keine Übernachtung, sondern weiter nach Reims. Gegenüber der schönen Kathedrale haben wir noch kurz einen Kaffee getrunken und weil wir gut in der Zeit waren, fuhren wir gleich weiter nach Paris. Nun begann das erste Abenteuer. Es wurde dunkel, das Benzin ging langsam aus, es gab wenige Tankstellen und diese wollten unsere EC-Schecks (!) nicht. Ich bin Buchhalterin, über Schecks und Scheckeinreichungen könnte ich eine Menge erzählen. Meine Güte wie umständlich das alles war und doch dachten wir damals, wie fortschrittlich wir sind. Wir hatten noch keine Franc getauscht, weil mein Mann der Meinung war, dass wir das irgendwann vor Ort erledigen. Irgendwie haben wir dann doch noch Benzin bekommen. Nun war es aber schon stockfinster und viel zu spät, um an dem Zeltplatz in Versailles anzukommen. Für meinen Mann kein Problem. „Wir schlafen am Waldrand.“ Hm, bei einer vierspurigen Schnellstraße war es gar nicht so einfach eben mal an den Waldrand zu kommen. Schließlich gelang es und weil es in dem Auto so unbequem war, schlugen wir noch schnell das winzige Zelt auf und natürlich mussten dann auch noch die Luftmatratzen aufgeblasen werden.

Endlich im Schlafsack, doch an Schlaf war nicht zu denken. Ständig raschelte und knackte es. Unnötig zu sagen, dass ich mich gefürchtet habe. Mein Mann legte sich mit dem Campinghammer in der Hand und mit dem Kopf in Richtung Zeltausgang und versuchte irgendwas zu erkennen. Fehlanzeige! Ein paar Mal ging er auch raus, um nach dem Rechten zu sehen. Auch nichts! Es wurde eine unruhige Nacht. Am nächsten Morgen dann die Auflösung der nächtlichen Geräusche. Ganz in der Nähe unseres Zeltes war ein großer Weißbrotberg angehäuft. So entsorgten die Wirte wohl damals ihr altes Baguette. Eine wunderbare Futterstelle für alle möglichen Tiere, die aber bei Tageslicht nicht zu sehen waren.

Logischerweise ungeduscht ging es in den nächsten heißen Sommertag. Das ist meine einzige Erfahrung, was das Wildcampen angeht. Nie wieder, selbst jetzt sträuben sich noch meine Haare bei dem bloßen Gedanken. Ich habe mich künftig strikt geweigert und immer bevor wir einen Platz gebucht haben, prüfte ich die sanitären Anlagen.

Über Paris und Versailles brauche ich nichts zu schreiben. Jeder kennt die Schönheiten. Nach zwei Tagen fuhren wir weiter nach Rouen. Nach der Kathedrale von Reims und Notre Dame steht in Rouen eine weitere wunderschöne Kathedrale. Von dort fuhren wir nach Caen. In der Normandie war es dann vorbei mit dem sonnigen Wetter. Kann sich jemand vorstellen, wie das ist, bei Regen und nassem Boden in so eine „Dackelgarage“ zu kriechen. Trocken zu bleiben ist quasi unmöglich. Auch im Zelt ist dann alles irgendwie klamm und kalt.

Am nächsten Tag waren wir mit unseren Freunden Maria und Siegfried verabredet, um ein paar gemeinsame Urlaubstage zu verbringen. Die beiden hatten sich während ihres Studiums in Bamberg kennengelernt und wollten ebenfalls in Frankreich Urlaub machen. Caen, Bayeux, St. Malo und Mont St. Michel lagen auf unserer gemeinsamen Route. Abgesehen von den sehr interessanten Sehenswürdigkeiten, sind mir zwei Dinge in deutlicher Erinnerung geblieben. Wir suchten mittags ein Restaurant in Caen. Siegfried hatte seinen Michelinführer in der Hand und bestand auf einem Lokal, das dort aufgeführt war. Die Männer aßen standardmäßig Schnitzel, aber Maria und ich wollten etwas Typisches. „Tripes à la Mode de Caen“ hörte sich doch super an. Oh weh! Tripes sind Innereien, und zwar alles, auch so was wie Pansen etc. Das Ganze in Brühe gekocht. Wir begnügten uns an diesem Tag mit Salzkartoffeln!

Unseren letzten gemeinsamen Abend auf dem Zeltplatz in St. Malo, habe ich ebenfalls in Erinnerung. Mein mir frisch angetrauter Ehemann und unsere Freundin diskutierten darüber, ob es denn wirklich den oder die Eine/Einen gibt und die damit verbundene große Liebe. Beide sind eher pragmatisch veranlagt und kamen zu dem Schluss, dass es bei den vielen Millionen Menschen auf der Erde sicher auch eine Vielzahl an potenziellen Partner:innen gibt, die ebenfalls gut passen würden. Sachlich sicher richtig, aber Siegfried und ich haben ganz schön geschluckt. Will ich das auf meiner Hochzeitsreise hören? Das ich das heute noch so erinnere zeigt, wie übel ich das meinem Mann genommen habe.

Am nächsten Tag ging es für uns weiter an die Loire. Wir wollten uns einige Schlösser ansehen. Das Wetter war schön, der Zeltplatz auch und so beschlossen wir ein paar Tage zu bleiben und erstmals unser Hauszelt aufzubauen.  Interessiert beobachteten unsere Nachbarn wie wir die Unmengen Zeltstangen auspackten, zu einem imposanten Gerüst aufbauten, schließlich heißt es nicht umsonst Hauszelt. Man kann ganz bequem darin stehen. Als nächstes hängten wir die Schlafkabine ein, um dann alles wieder abzubauen, weg zu fahren und mit einem einfachen Drei-Mann-Zelt, das wir im Ort gekauft haben, wieder zurück zu kommen. Für unsere Nachbarn gab es einiges zu staunen, gesagt hat keiner was. Was war passiert? Mein Mann hatte leider vergessen das Überzelt einzupacken und ein ganzer Urlaub in der winzigen „Dackelgarage“ ging gar nicht. Wir wollten ja noch weiter in den Süden. Die Laune meines Gatten war auf dem Tiefpunkt, zumal die Zeltausstattung einzupacken in seiner Verantwortung lag.

Wir haben dann noch viel gesehen und erlebt. Im Zentralmassiv in einem urigen kleinen Lokal konnten wir die handgeschriebene Speisekarte nicht entziffern und es bedurfte einiger Anstrengungen der Tischnachbarn uns verständlich zu machen, dass es sich zum Hasenfleisch handelte. Das war eine sehr lustige Aktion. In Carcasonne erlebten wir ein Fest auf dem Marktplatz. In St. Marie de la Mer blieben wir eine Woche und besuchten Nimes, Avignon, Arles und das verwunschene Les Baux in der Abendsonne und lernten, dass man in Frankreich nicht so spät zu Abend isst, wenn man einen Tisch im Lokal haben will.

Meine größte Bewunderung aber gilt den Französinnen. In der Camargue war es wirklich heiß, aber die Französinnen sahen immer aus wie aus dem Ei gepellt und waren auch auf dem Campingplatz stets mit Stöckelschühchen unterwegs. Als ich gegen Abend zum Duschen ging, traf mich fast ein Hitzeschlag. Im Vorraum der Duschen hatten sie ihr Bügelbrett aufgebaut, um ihre Garderobe zu glätten.

Schließlich ging es weiter über Aix au Provence durch den Grand Canyon du Verdon.  Landschaftlich ein Traum. Leider kann ich Kurven und Berge beim Autofahren nicht vertragen. Ich habe sehr gelitten, traute mich aber nicht die engen Kurven selbst zu fahren.

In Annecy war unsere letzte Übernachtung. Ein bezauberndes Städtchen in der Schweiz. Dann durch die Schweizer Alpen nach Hause. Mein Mann wollte mir unbedingt die Schönheit der Alpen näherbringen. Leider regnete es und war so neblig, dass ich keinen einzigen Berg gesehen habe.

Nun fast genau dreiundvierzig Jahre später fällt mir die Symbolik in der Geschichte auf. Eine Hochzeitsreise, bei der das gemeinsame Dach fehlt und die im Nebelgrau endet.


(c) Dagmar Schulze 08.2025