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Lebenswandel

Lebenswandel

Das altmodische Wort Lebenswandel wird fast ausschließlich im Zusammenhang mit liederlichem Lebenswandel gebraucht. Warum eigentlich? Kommt die Bezeichnung Lebenswandel den tatsächlichen Ereignissen nicht sehr viel näher als Lebenslauf oder Lebensführung? Was meine eigene Lebensgeschichte betrifft, so folgte sie weder einem geradlinigen Verlauf, noch habe ich sie bewusst in eine bestimmte Richtung gelenkt.  Was es aber gab, waren viele Wandlungen und Veränderungsprozesse.

Ich wurde mittels eines Kaiserschnittes auf die Welt geholt. Meine Querlage war der Anlass für den noch im Jahre 1961 gebräuchlichen, senkrechten Schnitt in den Bauch meiner Mutter. Hatte ich mich damals schon den Ansprüchen der Welt quergelegt?

Ich war das dritte Kind und nach den zwei Buben das heißersehnte Mädchen. Angeblich haben sich auch meine beiden älteren Brüder auf ihr kleines Schwesterlein gefreut. Meine Mama hatte ihre Muttermilch schon größtenteils für die Buben verbraucht und für mich blieb nicht genug übrig, so wurde mir Milupa zugefüttert. Die Babynahrung war anscheinend damals sehr zuckerhaltig, denn ich wurde ein recht dicker Säugling mit ordentlich Speck auf den Rippen. Das freute die ganze Verwandtschaft. Ein dicker, pausbäckiger Nachwuchs galt nach damaliger Meinung als gesund und robust.  Auf den wenigen Fotos aus dieser Zeitspanne schaue ich relativ skeptisch in die Welt. Ein süßes Baby war ich definitiv nicht. Sobald ich Laufen konnte, war der Babyspeck weg und ich war genauso dünn wie der Rest der Familie.

Meine Kindheit verlief ruhig und behütet. Ich entwickelte mich zu einem fröhlichen Mädchen, das gerne hüpfte und auf Bäume kraxelte, aber auch ausdauernd die Wolken am Himmel betrachten konnte. Ich spielte gelegentlich mit Puppen, viel lieber noch mit meinem großen Teddybär, den ich gerne im Kinderwagen spazieren führte. Auch die Hauskatze bezog ich in mein Spiel ein. Ich versuchte, ihr Puppenkleidung anzuziehen, freilich wehrte sie sich, kratze mich regelmäßig und lief meist halb angezogen davon. Unseren beiden Kanarienvögeln „Bubi und Zieri“ gönnte ich ebenfalls etwas Abwechslung und Frischluft. Ich schnappte mir den Vogelkäfig und stolzierte damit in der Nachbarschaft umher. Mir war das nicht peinlich, meiner Familie schon. Bis zum Volksschulalter hatte ich kaum Freunde oder Freundinnen. Meine älteren Brüder waren meist mit den Buben aus der Nachbarschaft unterwegs, und ich spielte gerne alleine, meist im Blickfeld meiner Mama, im Haus oder im Garten. Meine Erinnerungen daran fühlen sich wohlig an. Ich hielt mich gerne in ihrer Nähe auf. Ihr liebevoller Blick begleitete mich. Kaum war Papa zu Hause, nahm ich auch ihn in Beschlag. Ich kletterte auf seinen Schoß und war rundum zufrieden. Diesen familiären Mikrokosmos wollte ich freiwillig nicht verlassen, ähnlich wie als Baby die Gebärmutter. Ich hielt mich an der imaginären Nabelschnur fest, die mich mit meiner Familie verband. Heute denke ich, dass ich diesen Überfluss an Fürsorge und Geborgenheit vorausschauend voll ausgekostet habe, so als hätte ich bereits gewusst, dass dieser Fluss bald versiegen würde.

Es benötigte Druck von Kindergarten und Schule, um mich auf ein Leben außerhalb der gewohnten Umgebung einzulassen.

Ich war ein unkompliziertes Schulkind und fand alsbald Freundinnen. Ich ging gerne in die Volksschule, die Lehrerin war freundlich, auch wenn sie mich manchmal Hirnchristl nannte, weil ich öfter mal was vergaß oder unaufmerksam war. Das Schönschreiben fiel mir schwer, zum Ausgleich malte ich unter die Hausaufgabe freiwillig mehrere bunte Zierleisten. Das Vorlesen war auch nicht meine Stärke, da ich mich vor Aufregung leicht verhaspelte und die Buchstaben verdrehte. Aus heutiger Sicht ist es mir klar, dass ich unter einer leichten Form von Legasthenie litt. Damals hieß es, ich neige zu Flüchtigkeitsfehler und solle lernen, mich zu konzentrieren. In der vierten Klasse habe ich es jedoch geschafft im Zeugnis nur einen Zweier und sonst lauter Einser zu haben. Ich durfte somit ohne Aufnahmeprüfung ins Gymnasium wechseln. Von meinen Freundinnen ging niemand in die Hauptschule, daher war mir das so wichtig. Außerdem waren in der Hauptschule Buben und Mädchen in getrennten Klassen und im Gymnasium war Koedukation angesagt. „Das ist viel lustiger“, war die allgemeine Meinung in meinem Freundeskreis.

Es waren die Siebzigerjahre angebrochen und die rote Regierung steckte viel Geld in die Bildung. So war es mir als Arbeiterkind möglich, eine höhere Schule zu besuchen.

Der Wechsel von der Volksschule ins Gymnasium, dazu der Hormoncocktail der Pubertät und das Körperwachstum waren tiefe Einschnitte. Sehr viele Herausforderungen körperlicher und seelischer Art in geballter Form für ein behütetes Kind wie mich. Die engen Familienbande dehnten sich aus, wurden locker, fast nicht mehr spürbar. Neue Freundschaften entstanden, die große weite Welt lockte, der Lebenshunger war groß. Jeder Tag brachte neue Erkenntnisse und Erfahrungen. Das war nicht immer angenehm und oft fühlte ich mich auch überfordert und zog mich in mein Schneckenhaus zurück. Kopf, Herz und Bauch waren noch nicht im Gleichgewicht und die Synchronisation mit der Außenwelt gerade mal am Anfang.

Als ich durch Zufall mit Dreizehn das Buch Die Verwandlung von Franz Kafka in meine Finger bekam, war das für mich ein einschneidender Moment. Ich konnte das Gefühl, in einem Panzer zu stecken, nachvollziehen. Ich fühlte mich ebenfalls eingeengt, wie in einem Kokon aus Wünschen und Erwartungen eingesponnen. Nicht handlungsfähig. Die große Freiheit war noch entfernt, aber ich konnte sie schon wittern und meine Flügel begannen zu zittern. Die Verwandlung zum Schmetterling fand nicht über Nacht statt, sondern war ein längeres Unterfangen. Die Flügel mussten erst langsam entfaltet und die starren Glieder mit viel Geduld geschmeidig gemacht werden. Danach hieß es Kräfte sammeln und beobachten, was so alles in der Luft lag. Ich sah die Höhenflüge der anderen, lernte die Bewegungsmuster, Rückenwind und Gegenwind kennen und schwang mich schließlich auch in die Lüfte. Es fühlte sich herrlich und erschreckend gleichzeitig an.

Ich lernte meine große Liebe kennen und sollte bald darauf meine Ausbildung abschließen. Die Vorfreude auf das wirkliche Leben prickelte aufregend, wie Prosecco, auf meiner Zunge. Das Abenteuer Freiheit konnte endlich beginnen, die Zukunft lächelte mir verheißungsvoll zu. Da rollte mir am Tag meiner letzten Diplomprüfung ein großer Stolperstein vor dir Füße: Meine Mama hatte einen Schlaganfall und meine heißersehnte Freiheit schrumpfte auf ein Minimum. Die seidenen Fäden des Kokons hatten mich wieder fest eingewickelt. Traurigkeit, Überforderung und Zorn zerrten an mir. Mein Leben wurde binnen einer Minute in eine völlig neue Richtung gedrängt.

Ich versuchte den Haushalt zu führen, für meine Mama da zu sein, Papa zu unterstützen und meinen ersten Arbeitsplatz im Labor des örtlichen Krankenhauses mit Engagement anzugehen. Es gelang mir mal besser, mal schlechter und ich haderte mit dem Schicksal. Irgendwie schaffte ich es, meine Lebenslust zu erhalten und trotz der traurigen Umstände das Leben so gut wie möglich auszukosten.

Als meine Mama dann zwei Jahre später starb, war das noch einmal ein Schock für mich. Ich hatte das Gefühl, viel zu wenig getan, vieles nicht gefragt und noch viel mehr nicht gesagt zu haben. Ich versuchte, für Papa da zu sein und gemeinsam mit meinen zwei Brüdern die fehlende Mutter irgendwie zu ersetzen. Ich zehrte von meinem Liebesvorrat, den ich während meiner unbeschwerten Kindheit gesammelt hatte. Das erhoffte Schmetterlingsdasein musste noch warten.

Langsam fand ich mich in meinem neuen Leben zurecht und bekam wieder Lust, meine Fühler in die Welt auszustrecken. Gemeinsam mit meinem Liebsten und mit Freunden kostete ich vom aufkommenden Lebensgefühl der Achtziger in Wien. Punkmusik, schrille Kleider und Frisuren, auffällige Outfits aus Tüll und Lackleder, neue Lokale mit spärlicher Einrichtung und cooler Musik – plötzlich gab es da eine Szene, die die Stadt aufrüttelte. Im Kino liefen Arthouse-Filme, die „Neue Deutsche Welle“ putzte den faden Mief aus den finsteren Ecken. Diese unbeschwerte Lebenseinstellung zog mich in ihren Bann.Vor allem, wenn die Tage mühsam gewesen waren, verwandelte ich mich in einen Nachtfalter und tauchte ein in die Lichterwelt der Großstadt.

Doch plötzlich wurde in meinem Freundeskreis geheiratet, Nester gebaut und Nachwuchs stand auf dem Plan. Das war so gar nicht mein Lebensentwurf. Mein Liebster und ich widmeten uns der Welt der Bücher, der Musik und den bewegten Bildern. Wir tasteten uns an die italienische Sprache heran und begannen, die Lebensfreude und die Kultur Italiens aufzusaugen. Es schien wieder die Sonne und es trübte kaum ein Wölkchen den weiten, blauen Himmel.

Der Mauerfall 1989 passte in unsere gute Stimmung und wir freuten uns über die neue Freiheit und das vereinte Europa. Das milderte die Zukunftsängste, die durch den Störfall von Tschernobyl, fünf Jahre zuvor, entstanden waren. Es schien, als hätte ein Umdenken stattgefunden und die Zukunft wäre wieder glänzend und nicht strahlend.

Mein Papa hatte eine Lebensgefährtin gefunden und war in guten Händen und meine Brüder hatten ihm die ersehnten Enkelkinder beschert.

Als Kind bewegte ich mich sehr gerne und war auch im Turnen nicht ungeschickt. In meinen Zwanzigern war ich eher am Müßiggang interessiert. In den Neunzigerjahren entdeckte ich als Mittdreißigerin den Sport wieder für mich. Ich fing an zu joggen, später kamen noch Aerobic und Krafttraining im Fitnessstudio dazu. Ab diesem Zeitpunkt sickerte der Sport langsam, aber dauerhaft in mein Leben ein und ist ein Teil von mir geworden. Auch, oder vielleicht gerade in sehr stressigen Zeiten war mir das körperliche Training immer ein Fixpunkt und treuer Begleiter.

Es ging mir rundum gut. Kleinere Sorgen oder Streitereien brachten manchmal Unruhe in meine feine, kleine Welt. Es waren aber nur Kinkerlitzchen.

Als sich die Neunzigerjahre dem Ende zuneigten, endete auch meine unbeschwerte und prolongierte Jugendzeit. Im letzten Jahr vor der Jahrtausendwende erkrankte meine Schwägerin an Krebs. Ich war Achtunddreißig und mein Weg wurde wieder etwas holprig. Ich versuchte ihr, meinem Bruder und den Kindern eine Stütze und Begleiterin zu sein. Der Leidensweg und ihr Tod 2001 rissen zwar meine alte Verlustwunde wieder auf, ich schöpfte aber auch aus der Erfahrung Kraft und konnte so den Kindern etwas Nähe und Trost vermitteln. Vielleicht habe ich durch diese zweite Begegnung mit dem Tod eines mir nahen Menschen, meinen Ur-Schmerz noch einmal durchlebt und besser verarbeitet. Mein Leben war nicht mehr unbeschwert, doch es hatte an Sinnhaftigkeit gewonnen. Da ich selbst keine Kinder hatte, konnte ich Erfahrungen machen, die mir ansonsten verborgen geblieben wären. Meine mütterliche Seite bekam die Gelegenheit, sich zu entfalten. Es wurden prägende Jahre.

In meiner langjährigen Arbeitsstätte, dem Labor des Krankenhauses, wurde mir genau zu dieser Zeit die Teamleitung angeboten. Ich liebte meine Arbeit, doch Leitung war nie mein Ziel. Ich nahm die Herausforderung dennoch gerne an. Das war schon ganz schön viel auf einmal.

Die Liebe zu Italien blieb meinem Liebsten und mir erhalten. Sie wurde ein Fixpunkt und eine unentbehrliche Zeit der Zweisamkeit und der Entspannung. Mindestens einmal im Jahr verbrachten wir mit dem Erkunden einer Region, egal ob am Meer oder im Hinterland, in den Bergen oder an einem See. Nach dem Mauerfall bereisten wir auch gerne grenznahe Gebiete der Tschechei und der Slowakei. Besonders gerne auch die ehemalige DDR. Wir durchstöberten mit großer Freude die Buchläden, genossen die herrlichen Seenlandschaften, die Ostsee und das köstliche Schwarzbier.

Mein Alltag bestand aus beruflichem Engagement und Weiterbildung, Besuche bei den Kindern, bei meinem Papa, oder beim Sport. Zuhause genoss ich die Zweisamkeit mit Musik und Büchern und gutem Essen. Im Sommer verbrachten wir viel Zeit im Garten. Ausgehen war nicht mehr so im Vordergrund. Hie und da mal eine Ausstellung, mal Kino oder ein Treffen mit Freunden.

Gegen Ende der Nullerjahre drängte mein schöpferisches Potenzial auf Verwirklichung. Ich begann  Schneckenhäuser zu bemalen. Bei meinen wöchentlichen Waldläufen fand ich immer wieder leere Schneckenhäuser. Ich reinigte sie und bemalte sie mit Acrylfarben. Es entstanden zauberhafte Kleinode. Putzte ich damit das leere Schneckenhaus meiner Jugend heraus?

Die Farbreste verwendete ich für bunte Bilder. Mit diesen experimentierte ich, indem ich sie zerschnitt und wieder neu zusammensetze. Der Anfang für meine Collagenliebe war gemacht. Zu meinem fünfzigsten Geburtstag plante ich ein großes Fest. Die bemalten Schneckenhäuser bildeten die Tischdekoration. Ich wollte mich mit diesem Fest bei meiner Familie, Freunden und Wegbegleitern bedanken. An der Dankesrede feilte ich lange und es kamen mir immer mehr erwähnenswerte Erinnerungen in den Sinn.

Die Rede gelang mir gut, doch konnte ich gar nicht alle meine Gedanken und Erinnerungen einflechten!

Ich war sehr froh, diese Ansprache gehalten zu haben und auch, dass ich mich ausführlich bei meinem Papa für die glückliche Kindheit und seine selbstverständliche Hilfe in allen Lebenslagen bedanken konnte. Von ihm habe ich gelernt, mir meinen Humor und die optimistische Weltsicht auch in schwierigen Zeiten zu bewahren. Ich konnte aus seiner Lebensgeschichte viel Kraft ziehen. Als er 2014 starb, war meine Trauer groß, doch er hat mir so viel Lebensmut und schöne Erinnerungen hinterlassen, dass ich ihn leichter gehen lassen konnte als meine Mama. In mir reifte der Wunsch, meine Dankbarkeit und Liebe in schriftlicher Form auszudrücken.

Meine Schreiblust war schon bei der Vorbereitung meiner Geburtstagsrede geweckt worden und nach und nach entstanden Gedichte und kurze Geschichten.

Nach einigen Jahren des Sammelns entstand mein erstes Buch. Die Triebfeder war, es meinen Eltern zu widmen. Der Titel lautet: „Die Freude zeigt mir ihr Gesicht“ und die Widmung „Für meine Eltern, die mir gezeigt haben, wie man das Schicksal annimmt und das Leben humorvoll gestaltet“.

Das Schreiben hilft mir, Erinnerungen aufzuspüren, mit ihnen zu spielen, sie zu formen und mit frischem Blick zu betrachten. Auch alltägliche Begebenheiten oder gesellschaftliche Themen, die mich beschäftigen, kann ich schreibend mit frischem Blick betrachten. Ich entdecke dabei Zusammenhänge, verknüpfe sie mit meiner Lebenserfahrung oder mit neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen und lerne mich dabei selbst besser kennen. Und manchmal kann ich das, was ich dadurch erkannt habe, auch weitergeben.

Ich weiß nicht mehr, wie es begann, aber irgendwann fing ich an, Wörter und Bilder aus Zeitschriften auszuschneiden und daraus poetische Bildgeschichten zu gestalten. So finden die Wörter in fantasievollen bunten Bildern eine neue Heimat. Meine Collagen fügen sich zu leichten, tanzenden Erzählungen, Sprache und Bild vermischen sich, befruchten einander – und manchmal habe ich das Gefühl, sie drängen darauf, endlich geboren zu werden.

Ich bin ein analoger Menschentyp. Das digitale Leben ist lange an mit vorbeigegangen. In der Arbeit musste ich mich zwar damit auseinandersetzen, doch im Privatleben wollte ich ohne Internet auskommen. Als dann das Smartphone aufkam, erlaubte ich mir nur minimalen Zutritt in das „weltweite Netz“.

Mit Corona änderte sich das schlagartig. Zoom-Konferenzen wurden auch in meiner Berufswelt zur Normalität. Ich nahm mir fest vor: „wenn ich in Pension gehe, schwöre ich der digitalen Welt ab.“

Ganz so ist es dann nicht gekommen. Eine Weile plagte ich mich noch mit dem Smartphone ab. Doch schlussendlich legte ich mir doch einen Laptop zu.

Den Abschied von meinem Berufsleben hatte ich mir viel spektakulärer vorgestellt. Er fiel mir relativ leicht. Obwohl ich sehr gerne gearbeitet habe, freute ich mich auf diesen neuen Lebensabschnitt. Endlich würde ich mehr Zeit für meine kreative Arbeit haben. Ich musste mich nicht mehr um 5:45 Uhr aus dem Bett quälen und war Herrin meiner Zeit. Mein Liebster war schon zwei Jahre vor mir in Pension gegangen und genoss die neugewonnene Freiheit in vollen Zügen. Gemeinsam warfen wir die schweren Sandsäcke ab und schwangen uns auf in eine neue Welt: Jeden Tag genießen und auskosten. Keine Zeitverschwendung mehr. Zeiträuber wurden in die Verbannung geschickt. Unsere Euphorie war groß.

Ich begann, meine Geschichten auf einer Onlineplattform zu veröffentlichen, stellte meine Collagen in einer Online-Galerie aus und wurde Mitglied des örtlichen Kulturvereines. So schloss ich doch noch Frieden mit der digitalen Welt. Mein schönstes Erlebnis ist jedoch die Freundschaft und der Spirit von Schreibverbunden, einer Gemeinschaft von Frauen, die leidenschaftlich gerne schreiben, einander inspirieren, Texte besprechen, Anthologien herausbringen, Videos mit vorgetragenen Geschichten bei YouTube einstellen und sich dadurch gegenseitig bereichern.

Stolpersteine gibt es natürlich immer wieder. In der Familie mehren sich Pflegefälle und Verluste. Krankheit schleicht sich in die Partnerschaft und in den Freundeskreis. Um geistig und körperlich fit zu bleiben, braucht es heute mehr Aufwand als früher.

Die schönen Dinge überwiegen jedoch. Ich sammle jede Menge neue Lebenserfahrung, habe meine schöpferische Kraft entdeckt, entwickle Resilienz und eigene Strategien, um mit Hindernissen besser zurecht zu kommen. Der Wandel meiner Persönlichkeit hat sich in Etappen vollzogen. Mein jüngeres Ich war nicht glücklicher als mein älteres. Ich habe versucht, mein Schicksal in die Hand zu nehmen und die Veränderungen willkommen zu heißen.

Wenn ich an meine Kindheit denke, sehe ich mich im Gras liegen und die Wolken betrachten. Ich bemühe mich, die Gebilde zu benennen, bestaune Elefanten, Elfen oder Einhörner. Oder ich sitze im Kirschbaum und beobachte die Welt aus der Vogelperspektive. Ich esse genussvoll die süßen Herzkirschen, die sich mit einem knackigem Plopp vom Stiel lösen und spucke die ausgelutschten Kirschkerne in einem weiten Bogen bis fast vor die Füße meiner Mama. Sie sitzt im Schatten auf der Gartenbank und ist in ihre Handarbeit vertieft, lächelt mir nun aber kurz zu. Oder ich sehe mich auf der Hutsche mit viel Schwung hochschaukeln und ich schreie laut: „ich fliege, ich fliege …“ Mama hebt den Kopf und ruft: „Nicht so hoch, du Wildfang!“

Was diese Bilder verbindet: Ich lebe im Hier und Jetzt und verschwende keinen Gedanken an die Zukunft – bin einfach rundum zufrieden. Ich glaube, ich habe mein Leben lang Sehnsucht nach dieser Selbstverständlichkeit des Glücks verspürt, die mir als Kind ganz natürlich erschien. Je älter ich werde, umso besser gelingt es mir, diesen Zustand wiederzufinden.

Mein Lebenswandel ist manchmal ein Rennen, manchmal ein Warten oder eine mühselige Sisyphusarbeit, aber auch oft pure Lebenslust und kreative Erfüllung. Mein Optimismus ist das Herzstück meines Lebens. Im respektvollen Umgang mit Mensch und Natur steckt mein Herzblut.

Ein glückliches Leben – das ist für mich die Aneinanderreihung vieler einzelner Glücksmomente. Wenn ich diese Glücksperlen auf meinem Lebensfaden auffädle, entsteht eine sehr lange wunderschöne Kette mit bunten, glänzenden, eckigen, runden, großen und kleinen Steinen und ihren einzigartigen Geschichten.

Mein Motto für die Zukunft? Lustwandeln.


(c) Christine Hagelkrüys, 22. August 2025