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Oma sein

Eine Kollegin in unserer Gruppe Schreibverbunden inspirierte mich dazu ebenfalls meine Geschichte des Oma werdens aufzuschreiben. Eine gewaltige Sache, ein großes Geschenk. Ich war längst bereit Oma zu werden. Diskussionen wie allein der Ausdruck Oma mache alt und dann womöglich noch die Überlegung welche Bezeichnung man finden könnte, die jünger klingt, fand ich von jeher absurd.

Bei meinem Sohn habe ich bis heute die Hoffnung nicht aufgegeben, dass auch er mir irgendwann mal Enkelkinder beschert. Ich nehme auch sehr gerne angeheiratete. Bei meiner Tochter sah ich die Entwicklung so aus der Ferne und obwohl es doch immer wieder Anzeichen gab, glaubte ich nicht daran bald Oma zu werden. Sie arbeitete in einer Führungsposition und studierte nebenbei. Das würde dauern. Da hatte ich meine Tochter aber gewaltig unterschätzt. Sie war schon immer der Meinung Kinder und Job, das geht selbstverständlich. Tatsächlich sind die Voraussetzungen dazu heute sehr viel besser als zu meiner Zeit, aber noch lange nicht gut und gleichberechtigt. Vor allem muss der Partner mitziehen und so einen hatte sie sich ausgesucht. Außerdem war ihr Ziel spätestens mit 30 das erste Kind zu haben und das hat sie haarscharf hingekriegt.

Ich jedenfalls lebte in dem Glauben, das wird noch lange nichts. Gerade hatte mein Schwiegersohn in spe seine Doktorarbeit fertiggestellt und das wollten sie gebührend feiern mit einer längeren Reise durch Australien. Die Wohnung in Münster wurde untervermietet und los gings. Beide sind sehr sportbegeistert und hatten sich auf dem anderen Kontinent viel vorgenommen.

Ich liebe es Postkarten aus aller Welt zu bekommen. Meine Tochter erfüllt mir diesen Wunsch, indem sie im Internet Fotos hochlädt, daraus eine Postkarte bastelt und diese landet dann irgendwie in meinem Briefkasten. Kaum waren die beiden in Melbourne bekam ich also eine Karte. Ich war an diesem Abend sehr spät heimgekommen, sehr müde und begriff überhaupt nicht was der Text zu bedeuten hatte. Ob die Briefmarke, auch ein Foto aber klitzeklein, nicht toll wäre? Ich konnte nichts erkennen. Bluttests, die sie gemacht hatten oder machen mussten. Was braucht man, um in Australien einreisen zu dürfen? Keine Ahnung. Zum Schluss: „Jetzt beginnt das größte Abenteuer unseres Lebens!“ Wie, was für ein Abenteuer. Meine Tochter war mit ihrer blonden langmähnigen Freundin als Bagpacker in Indien und Maylaysia unterwegs gewesen. Was für ein Abenteuer wollte sie nun mit ihrem Lebensgefährten in Australien erleben. Wie gesagt, ich war müde. Trotzdem schrieb ich zurück und wünschte ihnen eine schöne Zeit.

Am anderen Morgen sah ich die Nachricht meiner Tochter auf WhatsApp, ob das alles wäre, was ich dazu zu sagen hätte. Ich las den Text ein zweites Mal, aber so richtig Sinn ergab er nicht. Dann holte ich eine Lupe und besah mir die Briefmarke nochmal genauer. Ein positiver Schwangerschaftstest! Endlich ergab auch der Text einen Sinn. Wahnsinn, was für eine Freude und zugleich ein banges Gefühl. Sie war gerade maximal weit weg, in Australien. Aus den sportlichen Aktivitäten der beiden wurde nichts, aber es gibt ja noch mehr, was man in Australien so anstellen kann.

Meine Tochter lebt in Münster. Von ihrer Schwangerschaft bekam ich nicht viel mit. Ab und zu mal ein Foto. Einmal war ich zu Besuch in Münster und bekam eine Ahnung, wie der Alltag so ablief. Sie war sofort freigestellt worden. An Zeit mangelte es ihr also nicht. Sie füllte diese, indem sie Nähen lernte und wunderbare Sachen für das Baby nähte. Bezaubernde kleine Bodys und Schlafanzüge zum Beispiel. Erstaunlich, früher konnte meine Tochter keinen Knopf annähen. Leider plagte sie ihre Hausstauballergie furchtbar und ihr Lebensgefährte putzte ständig, um es ihr erträglicher zu machen, denn sie konnte während der Schwangerschaft keine Medikamente nehmen.

Die Ankunft des Babys war für Anfang August errechnet worden. Zwei Wochen vorher feierte meine Tochter ihren 30. Etwas zurückhaltender als eigentlich geplant. Sie hatte wohl selbst nicht damit gerechnet, dass sie so schnell schwanger würde. Ich hatte für mein erstes Kind sogar mehrere Jahre gebraucht. Am liebsten habe ich Babys noch im Krankenhaus, auf jeden Fall aber noch sehr frisch. Das ist einzigartig. Ich beschloss also Mitte August nach Münster zu fahren, so dass der Feiertag (Maria Himmelfahrt, nur in Bayern) miteinbezogen wäre. Dann wäre das Kind so 10 – 14 Tage alt. Tja, aber das Kind hatte anderes vor. Meine Tochter musste exakt an dem Tag in die Klinik, als ich im Zug auf dem Rückweg nach Bamberg war.

Es dauerte sehr lange, die Geburt war nicht einfach. Dann war sie da, das kleine Wunder mit dunklen Haaren! Das erste Foto, auf dem sich Mutter und Kind so innig anschauen, habe ich als ihr Profilfoto in meinem Handy. Ich konnte es kaum erwarten die Kleine zu sehen und auf den Arm zu nehmen. Viele Gedanken gingen mir durch den Kopf. Familie das war immer mein größter Wunsch. Zwei Kinder (mehr hätte ich mir nie zugetraut) und die Hoffnung später auch mal Enkelkinder zu haben. Diese aufwachsen zu sehen und mit ihnen entspannt Zeit zu verbringen, stellte ich mir wundervoll vor. Aber es kamen auch andere Gedanken. Wie lange würde ich die Kinder begleiten können? Den Schulabschluss, die Berufswahl, die ersten Jahre als junge Erwachsene? Ich beschloss das meine dazu zu tun, um möglichst lange gesund zu bleiben.

Ein paar Wochen später durfte ich die Kleine besuchen. Ich fuhr zu meiner Mutter, der Uroma, nach Köln und gemeinsam stiegen wir in den Zug nach Münster zu einem kurzen Besuch. Wunderbar! Jede Oma hat selbstverständlich das hübscheste, goldigste Enkelkind der Welt. Als ich sie auf den Arm nahm, kuschelte sie sich mit dem Köpfchen an meinen Hals, die Beine angezogen, wie in Embryostellung. Am liebsten hätte ich sie stundenlang so rumgetragen. Aber wir mussten zum Zug und die junge Familie brauchte Ruhe.

Sie war ein unruhiges Baby, das viel weinte und als der Urlaub des Vaters vorbei war, fuhr ich nach Münster, damit meine Tochter entlastet wurde. Als Oma hat man mehr Ruhe und das spürt das Kind. Lange konnte ich nicht bleiben, denn ich war damals noch berufstätig. Aber ich fuhr immer mal wieder nach Münster und fuhr die Kleine im Kinderwagen spazieren. Wenn sie unruhig wurde redete ich mit ihr, bis wieder einschlief.

Einmal kam meine Tochter nach Bamberg. Übernächtigt, weil sie viel zu wenig Schlaf bekam. Nun hatte ihr Lebensgefährte in Münster ein paar ruhige Nächte und meine Tochter bei mir in Bamberg. Allerdings war die Fahrt mit dem Zug auch lang und anstrengend. Nachts trug ich die Kleine auf dem Arm in meinem Schlafzimmer umher erzählte und zeigte ihr alles Mögliche, bis sie schließlich auf meinem Bauch einschlief. Was für ein Glücksgefühl. Am Tag nahm ich sie ins Tragetuch und ging mit ihr spazieren.

Meine Tochter hat mir oft Videos geschickt und so habe ich die Fortschritte meiner Enkelin beobachten können. Als sie etwas größer wurde hatte meine Tochter die Idee, dass ich der Kleinen Geschichten vorlesen könnte mit der Tonie App. Meine Tochter fand es seltsam, dass ich meine Enkelin immer erst ansprach bevor ich anfing zu lesen. Aber die Kleine liebte es. Außerdem hatte es den Vorteil, dass sie nie fremdelte, wenn ich zu Besuch kam. Sie kannte ja meine Stimme. Und mir machte das Vorlesen viel Freude.

Drei Jahre später kam mein zweites Enkelkind zur Welt. Der kleine Bruder, ein blonder Lockenkopf in unserer dunkelhaarigen Familie! Ein süßer, äußerst charmanter Fratz. Kurz vorher war die Coronapandemie ausgebrochen und so habe ich dieses Enkelkind ganz anders erlebt und vor allem seltener gesehen. Aber sobald es möglich war, habe ich versucht auch mit ihm Zeit zu verbringen. Jetzt wird er bald fünf und hat gerade eine Phase, in der er gerne mit mir telefoniert, während die Große schon sehr selbstständig ist mit ihren acht Jahren und Telefonate mit der Oma nicht mehr so spannend findet. Aber noch verbringen beide gerne Zeit mit mir und die genieße ich.


(c) Dagmar Schulze 4.9.2025