Nach meiner Scheidung war ich erstmal glücklicher Single und um es gleich vorwegzunehmen, ich bin es noch heute. Aber wie das so ist, nach ein paar Jahren stach mich der Hafer und ich dachte, es wäre doch ganz schön es nochmal zu versuchen. Es könnte doch sein, dass ich jemanden finde, mit dem es angenehm ist Zeit zu verbringen. Die Voraussetzungen sind doch gut, wenn man keine Familie mehr gründen will, jeder seine eigene Wohnung hat und man sich nicht mehr um herumliegende Socken streiten muss.
Durch Zufall stieß ich auf eine Plattform, die irgendwas mit Platin … hieß. Für Menschen ab 50. Fand ich gut. Tatsächlich habe ich auch mit einigen netten Männern geschrieben, mit denen es aber dann doch nicht passte. Dann schrieb mich einer an, der ganz offen eine Geliebte suchte. Er sei glücklich verheiratet, liebe seine Frau und die zwei Kinder, sei erfolgreich im Beruf mit Haus und Garten, aber sexuell nicht ausgelastet. Er betonte wie gut er im Bett sei und im Grunde sei es ein großes Geschenk an mich, wenn er mich diesbezüglich verwöhnen würde. Seine langjährige Geliebte ginge zurück in ihre Heimat und nun suche er Ersatz. Er war übrigens kein Einzelfall, ich lernte noch mehr von der Sorte – verheiratet, gut situiert und jetzt noch ein bisschen prickelndes Abenteuer – kennen. Aber keiner war so hartnäckig wie dieser.

Mehrere andere suchten ein Bratkartoffelverhältnis. So nannte man das früher, wenn Männer an dem Ort, wo sie arbeiteten von Montag bis Freitag eine Unterkunft mit Verpflegung und Anschluss hatten. Ganz so offen kommunizierten sie das natürlich nicht, aber man konnte es unschwer erraten.

Eine On–off-Beziehung
Das erste wirkliche Date begann schon etwas holprig. Beim ersten Mal fühlte er sich unpässlich, beim zweiten Mal verpassten wir uns, bevor es dann im dritten Anlauf in einem Café tatsächlich zu einem Treffen kam. Eine Stunde lang erzählte er nur von sich und seiner Ehe, die gerade auseinanderfiel. Als ich heimging, war ich der festen Überzeugung, ihn nicht wiedersehen zu wollen. Leider blieb ich nicht dabei. Es wurden zehn Jahre, in denen ich mich immer wieder trennte, weil er mir zu viel Energie raubte. Mal kam er aus der Deckung, dann zog er sich wieder zurück. Ja, nein, vielleicht, Bindungsangst nannte er das. Einmal waren wir über drei Jahre getrennt, bevor es nach einer erneuten Annäherung endgültig vorbei war. Ich liebte es, wie er mich zum Lachen bringen konnte und wir hatten durchaus gute Zeiten, aber unterm Strich war es einfach sehr anstrengend und oft auch enttäuschend. Da hatte ich alleine mehr Spaß.
Kuppelversuch
Ein anderes Mal versuchte eine Freundin mich zu verkuppeln. Hätte klappen können, aber auch dieser Mann hatte so viele eigene ungelöste Probleme, dass ich gleich wieder die Reißleine zog. Gelernt habe ich aus beiden Begegnungen, Männer mit schwierigen Mutterbeziehungen und Bindungsängsten, sollte ich weiträumig aus dem Weg gehen.
Einer wollte gleich ein Haus mit mir bauen. Zum einem wüsste ich nicht, was ich mit einem Haus soll, jetzt wo die Kinder ihr eigenes Leben leben, und zum anderen waren wir beide nicht gerade Großverdiener. Er erklärte mir unumwunden, wenn man wie ich so lange verheiratet gewesen ist, dann muss es doch bei der Scheidung einen Geldregen gegeben haben.

Mittlerweile hatte ich mir mein Leben als Single gut eingerichtet. Ich habe einen Freundeskreis, der aus sehr lieben Menschen besteht und dafür bin ich sehr dankbar. Außerdem pflege ich einen großen Bekanntenkreis. Ich bin neugierig, offen und sehr an kulturellen Dingen interessiert und viel auf Reisen. Aber dann kam die Corona-Pandemie und auf einmal wurden wir alle sehr eingeschränkt. In dieser Zeit habe ich mich oft einsam gefühlt. Ich hatte Glück. Ich wurde nicht krank und ich möchte mir auch gar nicht ausmalen, wie es gewesen wäre, wenn ich mich infiziert hätte. Für manche waren es furchtbare Jahre und nicht jeder überlebte sie.
Danach versuchte ich es nochmal mit dem Online-Dating. Wieder hatte mir eine Freundin eine Plattform empfohlen. Oh je, inzwischen deutlich älter geworden bekam ich jetzt andere Zuschriften.

Gerne von verwitweten Männern, die sich vor ihrem Wohnzimmerschrank in Eiche rustikal ablichteten und allein nicht zurechtkamen, vor allem mit der Hausarbeit, wie mir schien. Oder die anderen, geschüttelt von ihrer Midlifecrisis in professioneller Montur und Mountainbike im unwegsamen gebirgigen Gelände unterwegs. Beides nicht mein Fall.

Ein Mann mit sehr vielen Altlasten
Da war die Zuschrift von einem Mann, der mir vorschwärmte, wie gut er sein Leben nach der Trennung im Griff habe, eine willkommene Abwechslung. Er habe einen großen Freundeskreis, den er regelmäßig besuche, viele Interessen und reise gerne. Bei unserem ersten und letzten Telefonat stellte sich heraus, dass er zwar getrennt, aber nicht geschieden ist, aus finanziellen Gründen wegen dem Haus usw. und natürlich kümmere er sich regelmäßig um seine Frau und habe sowieso zu allen Frauen, mit denen er jemals zusammen war, ein gutes Verhältnis und guten Kontakt. Was stellte er sich vor? Dass ich mich hintenanstellte? Nein, danke.

Der Prepaid-Karten-Mann
Der nächste Mann tischte mir ungefragt gleich sein ganzes Leben auf. Erst in Mails auf der Plattform und dann über WhatsApp. Staunend erfuhr ich seine Geschichte, die sich wie ein schlechter Groschenroman anhörte. Sein Vater habe die Familie verlassen, als er drei Jahre alt war und die Mutter, aus Bremen, habe daraufhin beschlossen nach Kanada auszuwandern. Dort sei er nun in der Geschäftsführung eines Weltkonzerns tätig. Seine Frau sei vor ein paar Jahren gestorben und da es erst spät mit einem Kind geklappt hat, habe er nun noch einen vierzehnjährigen Sohn, der zurzeit bei seiner Schwägerin lebe. Er wohne gerade in der Fränkischen Schweiz und überlege sich hier selbständig zu machen, weil seine Mutter ihm auf ihrem Sterbebett das Versprechen abgenommen hatte, wieder nach Deutschland zu gehen. Demnächst würde er seinen Sohn holen, der allerdings leider kein Deutsch spricht. Das war meiner Ansicht nach eine sehr skurrile Geschichte. Noch mehr wunderte es mich, dass er mir den ganzen Tag WhatsApp-Nachrichten schickte und mich informierte, was er gerade tat. „Bin die nächsten zwei Stunden in einem Zoom-Meeting, gehe spazieren, muss einkaufen oder mache ein Mittagsschläfchen“, gerne mit Fotos von sich. Tatsächlich stimmte zumindest äußerlich der Mann auf den Fotos mit dem Geschäftsführer des Weltkonzern überein. Denn natürlich googelte ich ihn. Ich traute ihm trotzdem nicht, hielt mich einfach zurück und wartete auf die nächsten Nachrichten, die ja auch prompt kamen. Er müsse zu einem sehr wichtigen Termin nach Kopenhagen. Später ein Foto von der Abflughalle und noch später eins vom noch leeren Konferenzraum. Du liebe Güte, was sollte das alles? Dann ließ er langsam die Katze aus dem Sack: Er benötige unbedingt eine ganz bestimmte Prepaid-Karte, die er gewöhnlich in jedem Supermarkt bekommt, hier in Kopenhagen aber leider nicht, ob ich ihm diese wohl besorge. Ich antwortete ihm, dass er in seiner Position doch wohl Mitarbeiter hätte, die dies übernehmen könnten. Nein, das ginge nicht und er braucht unbedingt eine Karte, die für Deutschland gültig ist und hier gibt es nur dänische. Mittlerweile schwante mir um was es ging, und als ich meinen Sohn fragte, bestätigte er es: Es handelte sich um Onlinespiele für die man ein Guthaben braucht und tatsächlich las ich auf entsprechenden Seiten im Internet, dass man diese für ein bestimmtes Land ordern muss. Aus Neugier ging ich in einen Laden und sah mir diese Karten an. Einen jungen Mann, der neben mir stand, fragte ich wie denn das funktioniere. Na so, wie eine Prepaidkarte fürs Telefon. Man kauft eine Wertmarke, bekommt einen Code und kann dann das entsprechende Guthaben aufladen. Ich fragte ihn, ob das denn wie bei den Telefonkarten auch online geht und er bestätigte mir das. Also fragte ich meinen WhatsApp-Mann, warum er denn seine Karten nicht online bestelle. Nein, er kaufe sie immer im Laden und ich soll das doch unbedingt für ihn erledigen. Für mich lag der Fall nun klar. Mit seinen Geschichten hatte er versucht Vertrauen aufzubauen, weil er Geld brauchte, um seine Spielsucht zu befriedigen. Weniger ist oft mehr. Seine Stories waren einfach zu fantastisch.

Die Kontaktanzeige
Vor nicht allzu langer Zeit startete ich mein letztes Projekt. Ich bin oft mit dem Zug unterwegs und die Wartezeit beim Umstieg verbringe ich gerne in Bahnhofsbuchhandlungen. Dort fiel mir ein Heft im Format DIN A 5 auf mit dem Namen „Das Magazin“. Ich blätterte ein bisschen und befand, dass es irgendwie nicht Fisch und nicht Fleisch ist. Ich konnte mir nicht vorstellen an welche Zielgruppe sich dieses Magazin richtet. Wie das so ist: irgendwann stieß ich wieder auf diese Zeitung und dieses Mal kaufte ich sie, um mir den Inhalt genauer anzusehen. Er ist wirklich kunterbunt. Für jeden etwas und auch immer ein paar erotische Fotos, mal Männer, mal Frauen, wie ich in einem weiteren Heft feststellte und tatsächlich erotische Fotos keine schmierigen. Beim zweiten Heft vorne drauf die Schlagzeile „auf vielfachen Wunsch jetzt wieder mit großem Kontaktanzeigenteil. Ich wurde neugierig. Nun, wie Menschen sich anpreisen, ist ja meistens von lustig bis schräg, so auch hier. Aber, eine Anzeige hatte ich noch nie aufgegeben und nun wollte ich es probieren. Das Magazin stammt ursprünglich aus dem Osten, wird bundesweit vertrieben und ist nur in Bahnhofsbuchhandlungen zu bekommen.
Ich suchte nach einem witzigen Text und ließ mich von einer Freundin beraten. Schnell noch eine neue Email-Adresse installiert und los gings. Die Antwort der Redaktion, dass meine Anzeige im nächsten Heft erscheinen würde, kam prompt. Schon kam die erste Reaktion. Es scheint zwei große Lager von Männern zu geben. Die einen, die ständig unterwegs sind, als hätten sie kein Zuhause und die anderen – eher Couchpotatoes. Der erste Kandidat gehörte zu der Gruppe immer unterwegs. Ein Konzert jagt das andere, zwischendurch Schwimmbad und dann Treffen mit Freunden usw. Dabei schrieb er von seinen Interessen und vergaß nach meinen zu fragen, ganz mit sich selbst beschäftigt. Er wohnt sogar ganz in meiner Nähe, aber ich hatte kein Interesse.

Der Landarzt
Als nächstes schrieb ein Landarzt. Er habe eine große Praxis auf dem Land, 80 km östlich von Bamberch. Ähnlich vage blieben viele Angaben und warum er Bamberg mit ch schrieb, verstand ich auch nicht. Meine diesbezügliche Frage blieb unbeantwortet. Große Landarztpraxis imponiert mir Null. Ich dachte da eher an wenig Freizeit. Nein, bekam ich zur Antwort, das sei alles eine Frage der Prioritätensetzung und des verbesserten Zeitmanagements. In einer späteren Mail erfuhr ich, dass er außerdem gelernter Historiker, Germanist und studierter Philosoph sei und neben seiner großen Landarztpraxis auch noch als Notarzt unterwegs sei. Außer Fachzeitschriften lese er gerne Hochliteratur und liebe Lyrik und Sonett. Familie sei negativ besetzt. Seine Frau vor langer Zeit gestorben, keine Kinder. Jede Mail, die er gerne mitten in der Nacht schrieb, endete mit der Bemerkung, dass er nun leider allein ins Bett gehe, dass er leider allein am Wochenende schwimmen gehe, dass er leider allein demnächst in den Urlaub fahre. Puh, das war mir eindeutig zu viel Gejammer und nach einem Telefonat in genauso einem Ton, beendete ich es.

Frauen sind habgierig!
Danach bekam ich noch eine Mail von einem Mann aus den östlichen Bundesländern. Sehr zögerlich, hm ja er weiß nicht … Ach herrjeh. In der zweiten und dritten Mail wusste er zwar immer noch nicht, aber er beklagte sich über seine geldgierige Exfrau, die dafür gesorgt habe, dass er nun bescheiden dastehe. Als nächstes verallgemeinerte er, dass Frauen ja nur auf Geld und Häuser stehen usw. Ich habe ihm geantwortet, dass ich bereits beim ersten Mal verstanden habe, dass er seine Exfrau nicht besonders schätzt und das mir aber diese negativen Verallgemeinerungen auf den Keks gehen. Ich habe es nicht ganz so direkt formuliert, aber schon deutlich. Daraufhin kamen drei E-Mails zurück. Jede wurde im Ton schärfer als die vorherige, eine einzige Schimpftirade.

Der zugereiste Rheinländer
Der letzte Kandidat war der Knaller! Er konnte gut schreiben und ist wohl ein Familienmensch. Um nach der Trennung von seiner Frau seinen beiden Töchtern nah zu sein und unkompliziert mit ihnen Kontakt zu haben, wechselte er die Stadt. Von der Nordsee ins Rheinland. Das und dass er in der Nähe meiner alten Heimat wohnte, gefiel mir. Wir tauschten Fotos aus. Was ich auf seinen Fotos sah, ging eindeutig über meine Toleranzgrenze. Für ein Festival hatte er sich einem Clown nicht unähnlich zurecht gemacht. Er gefiel sich offensichtlich, aber selbst für meine rheinische Frohnatur war das etwas zu heftig. Dazu schrieb er, dass er ein Nachtmensch sei. Abends treffe er sich regelmäßig mit Freunden und ab 22 Uhr besuche er interessante Konzerte, denn die guten Sachen beginnen ja erst um diese Zeit. So zwischen 1 und 3 Uhr nachts gehe er für gewöhnlich ins Bett und vor 11 bis 12 Uhr mittags dürfe man ihn keinesfalls stören. Und das jeden Tag. Ich bin auch gerne unterwegs und viele Jahre lang habe ich mir nicht vorstellen können, am Wochenende zu Hause zu sein. Aber ich denke, ich habe mich ausgetobt. Gerne mal ein Konzert und eine durchgequatschte Nacht, allerdings eher als Ausnahme und nur wenn es wirklich interessant ist. Ich schrieb zurück, dass ich ja eher so der Morgenmensch bin. Ups, und dann lernte ich ihn richtig kennen. Ob man denn in Franken schneller altert? Und überhaupt würde ich ja auf das Beste verzichten, das nämlich nur nachts stattfindet … Da versuchte doch tatsächlich so ein Clown mir mein Leben schlecht zu reden.
Ach ja, einen Krimi-Autor, der das Tageslicht meidet und erst am späten Nachmittag aufsteht, habe ich auch mal kennengelernt.
Natürlich habe ich nur die skurrilen, lustigen oder merkwürdigsten Kontakte beschrieben. Es gab auch ganz banale, langweilige oder sehr nette Männer, die aber einfach nicht passten. Alles in allem fühle ich mich darin bestätigt glücklicher Single zu bleiben, es sei denn ein ganz besonderes Exemplar fällt mir direkt vor die Füße, dann überlege ich es mir vielleicht nochmal.

(c) Dagmar Schulze, 6.9.2025 –
Diesen Beitrag finden Sie auch als Hörfilm auf dem YouTube-Kanal „Schreibverbunden“ https://youtu.be/8QK2_9dmzMc?si=kMcqfDXr60AV_z1d