Schon als ich den ersten Fuß auf den Boden dieser Insel setze, spüre ich ihren Puls und nehme die sanfte und gleichzeitig urwüchsige Energie, die von ihr ausgeht, in mich auf.
Es ist kühl und ein bisschen windig. Durch graue Wolkenlücken schauen ein paar Sonnenstrahlen hervor und ich halte ihnen mein Gesicht entgegen. In diesem Augenblick legt sich ein selten erlebter Frieden in mein Gemüt, der mich während der Zeit auf dieser Insel nicht mehr verlässt.
Wir starten an der zerklüfteten Nordseeküste der Hauptinsel Mainland der Orkneys, einer Insellandschaft über der Nordspitze Schottlands. Die einzigartige Farbgebung der Klippen zwischen rotbraun und ocker beeindruckt mich genauso wie das wilde und dann wieder zärtliche Spiel zwischen Stein und Wasser. In dieser Intensität habe ich das bisher nirgendwo gesehen.



Ich bestaune die weitläufige Landschaft, die in den unterschiedlichsten frischen und saftigen Grüntönen vor mir liegt und nur hin und wieder durch Felder mit goldgelber Gerste unterbrochen wird, deren Halme sich im Wind sanft hin und her bewegen. Darüber ein Sonne-Wolken-Spiel wie in einem Gemälde von van Gogh. Es wird still in mir.
Nirgendwo ein Baum, kaum ein Strauch, nur hin und wieder ein Fleckchen mit roter Heide, aber Schafe satt. Unzählige Schafe, die frei und ungebunden ihre Insel unter sich aufteilen und jeden höheren Bewuchs gleich niederfressen. Nur die Hochlandrinder, pechschwarze Giganten, brauchen Eingrenzung; keine Zäune, nur einfach aufgeschichtete Steine trennen die Herden voneinander. Es gibt kaum Holz auf der Insel. Die vereinzelten Häuser und Gehöfte, auch aus grauem Naturstein gebaut, sind mit ihren zwei Kaminen an beiden Giebelseiten von weitem sichtbar. Es sind flache Eilande, die Orkneys, mit nur wenigen Hügeln, nie groß, nie hoch. Der Horizont ist immer sichtbar. Nichts stört. Eine Harmonie liegt über diesem Archipel eingebettet zwischen Nordsee und Atlantik. Mal karg und wild, energetisch und reizstark, urwüchsig und kraftvoll und dann doch wieder zart und sanft. Alles im Einklang miteinander.


Bei Skara Brae begrüßt mich die salzige Luft des Atlantiks. Ich genieße die Atmosphäre am Rande dieses Steinzeitdorfes. Auch hier spüre ich eine Feinheit gepaart mit Urtümlichkeit, die Ruhe ausstrahlt.
Die Orkneys haben eine lange Geschichte. Bereits vor über 5000 Jahren wurden Megalithen auf der Insel aufgestellt.



Der Ring of Brodgar beeindruckt auf einer Anhöhe mit einem gigantischen Kreis von 27 Steinen, die wie Wächter in den Himmel zeigen und für die Ewigkeit geschaffen sind. Schon von weitem spüre ich die Mystik, die diese prähistorische Stätte ausstrahlt. Wer hat sie errichtet? Waren es Versammlungsorte oder wurden hier religiöse Rituale abgehalten? Oder wurden sie für astronomische Beobachtungen genutzt? Niemand weiß es mehr. Vielleicht geht auch deshalb eine große Faszination von ihnen aus. Ich umkreise die Steine, diese rohen Elemente, langsam, mit Bedacht. Seit tausenden von Jahren trotzen sie den Naturgewalten. In der Mitte entfaltet sich ein leuchtender Teppich aus roter Heide über der ein elfischer Zauber liegt. Eine Magie geht von diesen Steinen aus. Ich male mir aus, welche Bedeutung sie für die Menschen seit frühester Zeit hatten. Wurden hier tatsächlich okkulte Rituale durchgeführt? Zugern hätte ich mich in die Mitte des Kreises gestellt, um dem nachzuspüren. Aber das ist nicht möglich.
Tief beeindruckt von diesen erhabenen Schönheiten und der geheimnisvollen Stimmung, die sie umgibt, verabschiede ich mich von den Orkneys, von Mainland, der Insel ohne Bäume – der Insel mit viel Ruhe, Harmonie und Einklang.
(c) Anette Kohs, 17.09.2025