Es war kurz vor Weihnachten. Ich war so ungefähr vier oder fünf Jahre alt, als es an der Haustüre klingelte. Da mir langweilig war, öffnete ich neugierig die Türe, gespannt, wer uns besucht.
Da stand ein Mann mit einer Aktentasche in einem schäbigen Mantel, den er offen trug. Ich rief nach meiner Mutter und sie kam gleich – missbilligend, dass ich die Türe ohne ihre Erlaubnis geöffnet habe. Sie sagte ihren Standardsatz: „Wir brauchen nichts.“
Der Vertreter lächelte und sagte: „Gnädige Frau, Sie wissen doch gar nicht, welch wundervolles Geschenk ich für Sie habe.“
Das war das erste Mal, dass meine Mutter nicht sofort die Tür zuschlug, sondern erwiderte: “Machen Sie schnell, ich habe keine Zeit.“
„Gnädige Frau, ich habe das beste Weihnachtsgeschenk, dass Sie sich für Ihre Kinder vorstellen können. Ein Märchenbuch mit glänzenden Bildern und auserlesenen Geschichten.“ Er zog das Buch aus seiner verbeulten Tasche. Dieses Buch war in DIN-A3-Format und der Einband war in einem strahlenden Blau. Ein gelb glänzendes Wesen war auf der Vorderseite abgebildet, so schön und so lieblich, dass ich dieses Buch sofort haben wollte. Die Sehnsucht danach spürte ich in jeder Zelle meines Körpers, meines Seins. “Ja, Mama kaufe es“, rief ich begeistert.
„Es ist zu teuer. Das können wir uns nicht leisten!“, sagte sie lapidar.
Enttäuschung breitete sich in mir aus. Ich wusste, dass ich nicht weinen darf, sonst würde ich geschimpft und in die Wohnung zurückgeschickt. Ein paar Tränen liefen mir trotzdem hinunter und ich versuchte zu schlucken und biss meine Zähne ganz fest zusammen.
Warum auch immer, ich weiß es bis heute nicht, kaufte meine Mutter das Buch und es war das einzige Mal, dass ich Zeugin bei einem Haustürengeschäft war. Nachträglich denke ich, dass das Wort „Gnädige Frau“ der Eisbrecher für meine Mutter war.
Selig malte ich mir aus, das blaue Buch in meinen Händen zu halten. Mit der Zeit vergaß ich es und war sehr überrascht und enttäuscht, als es an Weihnachten auf dem Gabentisch meiner Schwester lag. Rosemarie gefiel ihr Geschenk auch sehr und sie ermahnte mich auf das Schärfste, dass dies ihr Buch sei und ich es nicht anzurühren habe. Traurig und betrübt, dass mir dieser Schatz verwehrt wurde, konnte ich mich über meine Geschenke nicht mehr freuen und ging mit schwerem Herzen ins Bett.
So mit der Zeit fiel mir ein, dass meine Schwester in die Schule muss und ich dann Zeit habe, mir dieses Glanzstück in Ruhe anzusehen, denn des Lesens war ich noch nicht mächtig. Eines Tages erwischte mich meine Schwester mit ihrem Buch und war sehr ungehalten. Aber manchmal, wenn sie gut gelaunt war, las sie mir ein Märchen vor und ich versank in die Welt der Phantasie und des Lichtes. Am liebsten hätte ich mich auf Dauer darin versteckt.
Jahre später, als meine Schwester auszog, nahm sie das blaue Buch mit und lies mich verwaist zurück. Im Laufe unseres Lebens wurde dieser Band immer mal wieder Gesprächsstoff. Vor allem mein Lieblingsmärchen „Zistl im Körbel“. An den Inhalt des Märchens kann ich mich gar nicht mehr erinnern, aber es hat meine Kindheit begleitet.
Als meine Schwester mit 55 Jahren plötzlich starb, erbte ich das blaue Buch und ich würde viel darum geben, dass es noch in ihrem Besitz wäre.
Als meine Freundin mit ihrem kleinen Sohn zu Besuch war und er dieses Buch mit strahlenden Lächeln entdeckte und darin vorsichtig blätterte und mich mit leuchtenden Augen ansah, da konnte ich nicht anders und habe es ihm geschenkt. Bücher finden ihren Weg. Ich weiß, in Anton habe ich einen würdigen Buchnachfolger.
(c) Dezember 2023 | Dank an Sinziana Susa für das Foto auf Unsplash