So viel Schnee wie dieses Jahr, noch dazu pünktlich zum ersten Adventssonntag, hatten wir schon lange nicht mehr. Gestern hat es große, dicke Flocken geschneit, der Schnee war schwer und patzig, er blieb auf der Schneeschaufel kleben. Die Bäume ächzten unter der Schneelast und wir rüttelten an den erreichbaren Ästen, um sie ein wenig zu entlasten. In der Nacht rasselten die Temperaturen in den Keller und sie kamen tagsüber auch nicht wieder hoch. Der Schnee haftete wie angeklebt an den Bäumen, am Boden war er jedoch pulvrig und knirschte so wunderbar unter den Schuhsohlen.
Die Sonne schien und ich startete einen Schneelauf in die nahegelegene Au. Der Himmel war blitzblau, die Luft kalt und klar, die mit Schneeschmuck überladenen Bäume glänzten in der Sonne und beugten unter der großen Last devot ihre Häupter. Sie bildeten ein Spalier für mich, es sah so aus, als wollten sie sich vor mir verneigen. Ich fühlte mich geadelt.
Viele Äste waren abgebrochen und auch einige Bäume hielten der Last nicht stand. Ich sprach tröstende Worte zu den verletzten Bäumen: „Eure Wunden werden wieder heilen.“ Die am Boden liegenden Äste berührte ich sanft und versprach ihnen ein sinnvolles Weiterleben in der Nahrungskette der Kleinsttiere.
Alle Menschen, denen ich an diesem Tag begegnete, lächelten mir zu, mit einigen sprach ich ein paar Worte. Es schien so, als würde die weiße Pracht die Schönheit der Menschenseele hervorlocken.
Wieder zu Hause fühlten sich meine Füße nass und kalt an. So beschloss ich, ein warmes Fußbad mit Ingwersud zu nehmen. Es fühlte sich herrlich an, der Ingwer hat die Eigenschaft, die kleinen Kapillargefäße zu öffnen und lässt auf diese Weise die Wärme rasch eindringen. Als ich meine schon rot gewordenen Füße betrachtete, stieg das Bild meiner Oma, die im Garten auf der Bank sitzt und die Füße im Lavoir badete, langsam in mein Bewusstsein auf.
Meine Oma sieht in meinen Kindheitserinnerungen immer gleich aus. Sie hatte ein dunkles Kleid an, darüber eine Kleiderschürze in gedeckter Farbe, die dünnen Beine steckten in Strümpfen, die mit rosa Strumpfbändern ungefähr zwei handbreit über dem Knie gehalten wurden. Das stahlgraue Haar zu zwei dünnen Zöpfen geflochten und am Hinterhaupt mit Haarnadeln befestigt. Selten barhäuptig, meist mit Kopftuch, das tief in die Stirn gezogen war. Sie sprach wenig, hatte aber einen gütigen Blick und ihr Händedruck war knochig.
Meine Oma litt unter einer Anomalie ihres linken Großzehennagels, dieser wuchs anstatt in die Länge in die Höhe. Ob das vererbt, dem schlechten Schuhwerk oder einer Verletzung geschuldet war, ist mir nicht bekannt. Das war natürlich schmerzhaft und hinderlich beim Gehen. Fußpflege gab es damals nicht, zumindest war es in Arbeiterfamilien nicht üblich. Zum Arzt ging man nur, wenn man wirklich krank war. Also musste selbst Hand angelegt werden. Das war Aufgabe meines Vaters. Er schliff vorher sein Messer mit dem Wetzstein, dann setzte er sich zu Oma, nahm vorsichtig ihren Fuß aus dem Wasserbad, trocknete ihn ab und legte ihn zwischen seine Knie. Nun begann er in hauchdünnen Schichten den Nagel abzutragen. Ich sah nur aus der Ferne zu, ich weiß nicht mehr, ob die beiden alleine sein wollten oder ob der Rest der Familie absichtlich diesem Schauspiel fernblieb. Das Bild des Sohnes, der seiner Mutter behutsam den Zehennagel in Form bringt, ist ein sehr friedliches und idyllisches.
Ich hab meinen Vater einmal gefragt: „Wieso schneidest gerade du der Oma die Fußnägel?“ Er hat lächelnd und mit einem Augenzwinkern geantwortet: „Ich hab ja nicht umsonst Hufschmied gelernt.“ Das war eine typische Papa-Antwort, die immer etwas Witz, Leichtigkeit, Wahrheit und eine achselzuckende Selbstverständlichkeit enthielt.
Ich nahm meine Füße aus dem nun schon lauwarmen Wasser, trocknete sie ab und beäugte kritisch, aber auch schmunzelnd meinen linken Zeh. Der Ingwer hatte nicht nur die Kapillargefäße, sondern auch eine Erinnerungsschleuse geöffnet.
(c) Christine Hagelkrüys – Eine Geschichte aus dem Band „TAGE VOLLER GLANZ UND SCHATTEN“, entstanden im Winter 2024