Es ist der erste Advent und Paulchen und Mia wollen mit ihren Eltern einen Spaziergang über den Weihnachtsmarkt machen. Die beiden freuen sich schon. Als Paulchen in seine Schuhe schlüpfen will, findet er vor der Wohnungstür in seinem linken Schuh einen zerknitterten Zettel. „Mama, Mama schau mal, was ich da gefunden habe.“
Verblüfft faltet Mama das Stück Papier auseinander und liest daraus vor: „God dag, meine liebe Familie. Darf ich mich vorstellen? Mein Name ist Jonte. Ich bin ein seeehr ulkiger Wichtel und komme aus Schweden, um einmal freundlichst nachzuforschen, wie es bei euch in der Weihnachtszeit so zugeht. Ich bitte höflichst darum, eine kleine Weile bei euch wohnen zu dürfen – na sagen wir – bis Weihnachten vielleicht? Ich verspreche, ihr werdet einen Heidenspaß mit mir haben.“
„Was ist ein Wichtel?“ Die Neugier der Kinder ist geweckt.
„Ein Wichtel ist ein winziger Kobold“, erklärt Mama.
„Und was macht ein Wichtel?“, will Mia wissen.
„Manchmal bringt er kleine Geschenke vorbei und ab und zu treibt er auch ein wenig Schabernack!“
„Au ja“, rufen die beiden, „lassen wir ihn bei uns wohnen.“ „
Na gut. Wir stellen heute Abend eine Laterne vor die Tür. Dann weiß der Wichtel, dass er willkommen ist.“
Mia und Paulchen können es kaum erwarten bis es dunkel wird und reden den ganzen Tag von nichts anderem. Endlich ist es soweit und sie zünden eine Kerze in der Laterne an. Abends im Bett fragen sie ihre Mama, wie denn so ein Wichtel wohl aussieht.
„Das weiß ich nicht so genau“, sagt sie. „Sie kommen nur nachts aus ihrem Wichtelversteck, das sie sich in einer Wohnung einrichten. Niemand weiß, was sie dann so alles unternehmen. Man darf einen Wichtel niemals zu Gesicht bekommen, denn sonst verliert er seine Zauberkraft.“ „
Wie schade“, murmelt Paulchen, „aber vielleicht bringt er mir ja etwas Schönes?“
Plötzlich fällt Mia ein, dass sie in der Bibliothek neulich ein Wichtelbuch gesehen hat. „Mama, der Wichtel in dem Buch ist sehr klein. Er hat ein gelbes Hemd an mit lila Punkten drauf und eine grüne Hose, die ihm viel zu kurz ist. Auf dem Kopf trägt er eine rote Zipfelmütze, unter der wirre dunkle Locken hervorgucken.“
Jonte, der längst eingezogen ist, schmunzelt. Er möchte Mia und Paulchen erst einmal eine Freude machen, zaubert zwei kleine Wichtelspielfiguren, die genauso aussehen wie Mia sie im Wichtelbuch gesehen hat, und steckt sie in ihre Schuhe. Als die beiden die witzigen Figuren am nächsten Morgen entdecken, tanzen sie mit ihren kleinen Wichteln durch die Wohnung und singen: „ Jonte ist da, der Jonte ist da!“ Von nun an kommen Paulchen und Mia morgens schnell aus ihren Betten. Jonte denkt sich jede Nacht etwas anderes aus und beide können es nicht erwarten zu entdecken, was der Wichtel wieder angestellt hat. Beim Frühstück reden sie natürlich ausgiebig darüber.
In der Nacht zum zweiten Advent ist es bitterkalt. Jonte nimmt das zum Anlass, wunderschöne Eiskristalle an die Fenster zu zaubern. Mit großen Augen bestaunen die Kinder morgens diese märchenhaften Kunstwerke. Sie laufen von Zimmer zu Zimmer und können sich nicht sattsehen.
Als Paulchen sich endlich anzieht und die Zähne putzen will, findet er ein Spielzeugauto im Waschbecken. „Wow, das wünsche ich mir ja schon so lange. Woher weiß Jonte eigentlich was mir gefällt?“, denkt er und möchte es am nächsten Tag unbedingt mit in den Kindergarten nehmen. Mia entdeckt in der Küche unter ihrem Stuhl eine Packung mit Buntstiften. Sie freut sich sehr und lässt die Stifte sofort in ihrem Schulranzen verschwinden. Mia ist in der ersten Klasse und malt unglaublich gern.
Als sie ein anderes Mal morgens aufwachen und nachsehen, was der Wichtel nachts getrieben hat, lachen sie sich halb kaputt. Er hat sämtliche Strümpfe aus den Kleiderschränken geholt und der Reihe nach in der ganzen Wohnung aufgereiht. Auch Mama grinst und kann Jonte einfach nicht böse sein.
Dann wieder findet Mia plötzlich ein JoJo in ihrer Jackentasche, dass sie gerne haben wollte und Paulchen wird mit Bastelknete überrascht. Aber am meisten freuen sie sich über den Unsinn, den Jonte immer wieder treibt. Einmal umwickelt er über Nacht alle Küchenstühle mit Klopapier, bemalt die Mandarinen mit lustigen Gesichtern und versieht sie mit Augen aus Nelken und Haaren aus Zimtstaub. Der weihnachtliche Duft breitet sich in der ganzen Wohnung aus. Zu gern erzählt Paulchen im Kindergarten den anderen, welch ein Quatsch dem Wichtel immer wieder einfällt. Paulchen freut sich sehr darüber, dass seine Freunde es auch kaum erwarten können, etwas Neues vom Wichtel zu hören.
Am dritten Adventssonntag kommen alle nach und nach noch etwas müde in die Küche. Der Frühstückstisch ist gedeckt und als Mama die dritte Kerze auf dem Adventskranz anzünden will, kippt sie fast vom Stuhl. Jonte hat alle vier Kerzen gegen Karotten ausgetauscht. Paulchen und Mia prusten los und können nicht aufhören zu lachen. Papa holt sein Handy und macht ein paar Fotos. Es ist ein lustiger Morgen und alle haben gute Laune.
Am letzten Tag vor Heiligabend werden Paulchen und Mia durch ein helles Klirren wach. Sofort stürzen sie aus den Betten und laufen aus ihrem Zimmer. Mama steht in der Wohnzimmertür und kichert. Alle Kugeln, mit denen sie bereits abends zuvor den Weihnachtsbaum geschmückt hat, liegen zerbrochen auf dem Boden. Sprachlos und etwas erschrocken schauen die beiden sie an. Mama aber freut sich: „Jetzt hat der Wichtel doch tatsächlich auch meinen Wunsch erraten. Ich mag diese Kugeln schon lange nicht mehr und werde gleich heute neue kaufen.“
Nun ist es endlich Heiligabend und der Weihnachtsbaum sieht mit den neuen Kugeln besonders schön aus. Nach der Bescherung kuschelt sich die Familie auf‘s Sofa. Den ganzen Abend reden sie darüber wie schön es mit Jonte ist und was für einen Schabernack er immer wieder treibt. Die ausgepackten Geschenke sind dieses Mal gar nicht so wichtig. Als Mia ein Plätzchen aus der Gebäckschale nimmt, entdeckt sie darin einen Zettel. Es ist ein Abschiedsbrief vom Wichtel in dem steht:
„Liebe Familie, ihr seid einfach toll. Ich, der Wichtel Jonte, bedanke mich sehr für die freundliche Beherbergung und verspreche nächstes Jahr wiederzukommen. Nun muss ich aber schnell zurück nach Schweden, bevor der Weg dorthin noch eingeschneit wird. Ich wünsche allen God jul und sage Hej da alle zusammen!“
Die Kinder rufen ihm nach: „Gute Reise, Jonte, bis zum nächsten Jahr!“
In diesem Moment rieselt Glitzerweihnachtsstaub wie aus einer Wolke auf den Brief herunter, der darin verschwindet.
(c) Anette Kohs 2024