In meinem Adventkalender vom Andere-Zeiten-Verlag gibt es zum Nikolaus immer etwas Besonderes. Eigentlich gibt es jeden Tag etwas Besonderes. Berührende Texte und wunderschöne Bilder. Aber zum Nikolaustag gibt es eben noch ein Geschenk. Dieses Jahr bekomme ich besondere Wörter geschenkt. Eine Seite aus extrastarkem Papier und die Worte sind so vorgestanzt, dass ich sie einzeln herausbrechen kann. Ich suche mir drei Worte aus und entscheide mich für: Frustschutz – Trostflimmern – Mutausbruch
FRUSTSCHUTZ
Was für eine schöne Idee. Wie oft bin ich gefrustet, weil Menschen mich enttäuschen, weil das Leben nun mal ungerecht ist und weil ich zu hohe Erwartungen an alle und alles vor allem aber an mich selbst stelle. FRUSTSCHUTZ bewahrt mich also davor Frust zu schieben. Ich stelle ihn mir vor wie eine große flauschige Jacke, in die ich mich einkuscheln kann. Ich liege mit meiner Frustschutz-Flauschjacke auf dem Sofa, in der Hand einen köstlichen Tee, der noch dampft und mir die Hände wärmt, Kerzenlicht und chillige Musik streicheln meine Seele und jeglicher Frust bleibt draußen.
TROSTFLIMMERN
Ich suhle mich gerade in Selbstmitleid. Mein Lebenstraum, eine Familie, die gerne Zeit miteinander verbringt, sich liebt und respektiert, hat nicht geklappt. Erst hat es mit dem Mann nicht funktioniert, dann wurden die Kinder unzugänglicher und die Enkelkinder wohnen weit weg. Ich kann nicht mal eben mit ihnen ins Theater oder Konzert gehen. Ich spüre, wie Tränen meinen Blick verschleiern. Doch dann muss ich blinzeln und da, ganz langsam entsteht ein noch unscharfes Bild. Ein Trostflimmern vor meinen Augen. Schau nicht auf die Wünsche, die so nicht in Erfüllung gegangen sind. Schau auf das, was du hast, und das ist eine ganze Menge. Genau genommen ein ungeheurer Reichtum. Nicht an materiellen Dingen, sondern an wunderbaren Menschen in deiner Umgebung, an deinen Kindern, die gut sind, so wie sie sind. An deinen Enkelkindern und die kostbare Zeit mit ihnen. An den vielen kleinen Glücksmomenten, die mir unerwartet geschenkt werden. Trostflimmern – es fühlt sich an, wie eine Umarmung.
MUTAUSBRUCH
Das, was mancher mir vielleicht als Mut anrechnet, ist in Wahrheit nur Pragmatismus. Tun, was getan werden muss. Das ist nicht mutig in meinen Augen. Hin und wieder wünsche ich mir einen richtigen MUTAUSBRUCH. Etwas tun, was mir gerade einfällt und Spaß macht. Auf einer Bühne ins Mikrofon singen oder als Straßenmusikerin. In der Fußgängerzone zu einem Lied, das irgendwo spielt, zu tanzen. Einen Fremden ansprechen und fragen, ob er mit mir einen Kaffee trinken geht. Im Restaurant deutlich sagen, wie mir das Essen wirklich geschmeckt hat. Meinem Gegenüber mitteilen, dass ich sein “Ich lüg mir mein Leben schön“ durchschaut habe und dass es mich langweilt.
Einen kleinen Koffer packen, ein Auto leihen und einfach mal losfahren und noch nicht genau wissen, wann ich zurückkomme. Oder zum Flughafen und das nächste Last-Minute-Angebot annehmen. Nachts am Strand liegen und die Sterne zählen. Ein tolles Kleid kaufen und damit abends in der Cocktailbar glänzen. Und dann satt und glücklich zu Hause am Schreibtisch sitzen und all die schönen Erlebnisse aufschreiben.
© Dagmar Schulze 12.2025