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Ein neues Leben

  • Beitrags-Kategorie:Anette Kohs
  • Lesedauer:7 Min. Lesezeit

Mein Vater ist im Sommer von uns gegangen. Er verstarb leise innerhalb von einer Woche. Zwei Jahre zuvor war bei ihm Demenz diagnostiziert und meine Mutter versorgte ihn in dieser Zeit noch zuhause. Eine immense Leistung für eine alte Frau. Natürlich hatte sie auch Hilfe. Jeden Tag kam jemand vom Pflegedienst vorbei, der ihr die Hausarbeit abnahm. Mein Neffe und seine Lebensgefährtin kümmerten sich ebenfalls gut um die beiden, was mir, die weit vom Elternhaus entfernt wohnt, eine große Hilfe war. Aber der Reihe nach.

Meine Mutter ist im Februar einhundert Jahre alt geworden und beschließt für sich, nicht mehr die Kraft zu haben, das alles noch zu bewältigen. Wer will es ihr verübeln. Wir alle haben seit geraumer Zeit damit gerechnet. Gut, dass ich bereits vorgesorgt und meine Fühler ausgestreckt habe, um meine Eltern, wenn es nötig wird, im nahe gelegenen Seniorenzentrum unterzubringen. Nun ist es soweit: „Ich kann nicht mehr und ich will nicht mehr!“, eröffnet sie uns im Frühjahr. „Mit hundert Jahren muss ich auch nicht mehr.“ Ich nehme diese Ansage mit Erleichterung auf und versuche sofort, alles Nötige in die Wege zu leiten. Wir haben Glück und es wird relativ schnell ein Doppelzimmer für meine Eltern im Heim frei. Es bleiben uns nur zehn Tage, um den Umzug vorzubereiten. Mein Bruder, der in Berlin lebt, und ich wollen den beiden dabei behilflich sein und reisen ein paar Tage vor dem Termin an. Meine Mutter hat bereits angefangen, alles Mögliche auszusortieren und wegzuschmeißen. Sie hat sämtliche Kleidungsstücke, die sie mitnehmen will, schon zurechtgelegt und wirkt fast heiter und sehr geschäftig, als wir in unserem Elternhaus ankommen. 

Mein Vater hingegen wirkt in sich zusammengesunken und murmelt mantramäßig vor sich hin: „Muss ich hier weg? Nein, nein, ich will das nicht, lieber sterbe ich.“ Wir versuchen ihn zu beruhigen, aber die Angst sitzt ihm im Nacken. Er will keine Veränderung mehr. Mein Bruder und ich sind sehr besorgt und ahnen, dass wir wahrscheinlich unseren Vater verlieren werden, um unsere Mutter zu retten. Und so kommt es dann auch. Mein Vater zieht noch mit um ins Heim, aber drei Tage später müssen wir ihn ins Krankenhaus bringen, wo er dann kurze Zeit später friedlich einschläft.

Wir sind sehr bestürzt und sorgen uns nun um unsere Mutter. Natürlich trauert sie um ihren Mann, mit dem sie fast siebzig Jahre lang zusammen gelebt hat. Oft, so heißt es, geht in dem Alter der eine dem anderen schnell hinterher. Die Tage bis zur Beerdigung ist meine Mutter sehr still. Dann haben wir erneut Glück, dass gleich zwei Einzelzimmer im Heim frei werden und sie sich eins davon aussuchen kann. Der Leiter des Heims zeigt uns zuerst ein Zimmer mit Blick auf den Garten. „Hier haben Sie Ihre Ruhe und können friedlich Ihren Lebensabend genießen.“ Meine Mutter ist sehr zierlich und gerade mal 1,56 m groß. Sie richtet sich auf ihren Stock gestützt auf, blickt den Heimleiter streng an und sagt mit ernster Stimme: „Wer sagt Ihnen, dass ich meine Ruhe haben möchte? Zeigen Sie mir das andere Zimmer.“ Dieses Zimmer zeigt zur Straße hin, mit Blick auf ihr Haus und das der Nachbarn. „Hier will ich wohnen, hier ist was los und ich kann noch am Leben teilnehmen.“ Wir schmunzeln. „Das ist unsere Mutter!“, sagen wir uns. Ihr Lebenswille ist ungebrochen. Sie will immer noch dabei sein und am besten nach wie vor alles kontrollieren.

Wir richten ihr das Zimmer mit ein paar ihrer gewohnten Möbelstücke schön und gemütlich ein und von ihrem Tisch am Fenster aus kann sie die ganze Straße überblicken. Nach ein paar Tagen reisen wir beruhigt ab. Meine Mutter findet im Speisesaal sehr schnell Anschluss, hat nach kurzer Zeit neue Freundinnen und fühlt sich sichtlich wohl. Im Heim wird jeden Vormittag etwas anderes für die alten Leute angeboten. Einen Tag Sport, die nächsten Tage Bingo, Gedächtnistraining, Singen, Spielen und einiges mehr. Mama nimmt an allem teil und blüht geradezu auf. Die Sporteinheit Montag morgens gefällt ihr besonders gut. Da sie bis zum achtzigsten Lebensjahr Yoga praktiziert hat, ist sie immer noch sehr gelenkig und ihr Trainer nimmt ihr das Alter zunächst nicht ab. Das gefällt ihr und sie lässt es sich nicht nehmen, mit ihren hundert Jahren zu kokettieren. Es dauert nicht lange und alle im Heim kennen sie, die rüstige alte Dame, die für jeden ein nettes Wort übrig hat.

Sie kann aber auch anders. Meine Mutter liebt die Wärme. Als der Sommer Fahrt aufgenommen hat und die Temperaturen über dreißig Grad steigen, lassen die Pfleger und Pflegerinnen morgens gleich die Rollläden in ihrem Zimmer herunter. Das ärgert meine Mutter. Sie geht auf die Barrikaden. Erstens kann sie nicht mehr das Geschehen auf der Straße verfolgen und zweitens liebt sie die Sonne und die Wärme. Nachdem sie mehrmals darum gebeten hat, das zu unterlassen und sie trotzdem jeden Morgen nach dem Frühstück ein verdunkeltes Zimmer vorfindet, schnappt sie sich kurzerhand ihren Rollator und geht in die Verwaltung direkt zum Leiter des Hauses. „Herr Abelmann“, beginnt sie „Sie möchten doch sicherlich, dass ich mich bei Ihnen wohlfühle.“ „Aber sicher!“, antwortete der Geschäftsführer. „Dann veranlassen Sie doch bitte umgehend, dass mein Zimmer nicht mehr jeden Morgen ohne meine Zustimmung abgedunkelt wird. Ich möchte das nicht. Ich brauche das Licht und die Wärme. Kann ich mich auf Sie verlassen?“ Dem kann Herr Abelmann nichts entgegensetzen und von nun an wird auch bei großer Hitze das Zimmer meiner Mutter mit Sonne durchflutet.

Wir Kinder freuen uns über ihren neuen Lebensmut. Trotzdem versuchen wir sie natürlich so oft wie möglich anzurufen. Leider erreichen wir sie meistens gar nicht, denn morgens nimmt sie an den angebotenen Aktivitäten teil und nachmittags trifft sie sich mit ihrer Gang im Garten des Seniorenzentrums. Abends sitzt sie mit ihren zwei neuen Freundinnen oft noch draußen auf der Terrasse. Gern erzählen sie sich dann aus ihrem Leben und sie berichtet mir davon mit einem Lachen ausgiebig in unseren Telefonaten, wenn ich sie mal erreiche.

Vor zwei Wochen wurde eine ihrer Mitbewohnerinnen auf der Etage neunzig Jahre alt. Es ist dort üblich, dies nach dem Frühstück mit einem kleinen Sektumtrunk zu feiern. Mama erzählt mir ein paar Tage später: „Also, ich bin ja die Älteste hier und musste dann wohl mal was organisieren. Ich habe eine Karte besorgen und alle unterschreiben lassen. Und vor dem Anstoßen habe ich dann ein Geburtstagslied angestimmt und alle haben mitgesungen. Macht ja sonst keiner.“ Frau Wagner hat sich sehr gefreut darüber.

Meine Mutter ist einfach nicht zu bremsen und lebt nun das , was sie in den letzten Jahren so vermisst hat. Sie liebt das Leben und macht in ihrem hohen Alter das Beste daraus. Endlich kann sie tun und lassen, was sie will, ohne dass sie für irgendjemanden die Verantwortung übernehmen muss.

Bald ist Weihnachten und Mama freut sich darauf. Im adventlich geschmückten Speisesaal singen sie Weihnachtslieder und erzählen sich gegenseitig, wie sie das Fest früher gefeiert haben. Am Telefon sagt sie mir: „Das wird vielleicht mein letztes Weihnachten sein.“ Ich aber antworte. „Nein, das glaube ich nicht, ich wünsche dir jedenfalls noch einige Weihnachtsfeste in deinem neuen Leben.“ Sie lacht: „Ich hoffe, du hast recht. Das wünsche ich mir auch.“


(c) Anette Kohs – Eine Geschichte aus dem Kurzgeschichten an „TAGE VOLLER GLANZ UND SCHATTEN“ – entstanden im Dezember 2024