Ich liege. Fast immer.
Liege in meiner kleinen Welt, festgehalten in einem Schweigen, das mich schon lange kennt. Wie ein Schleier ruhe ich auf dem Glasgrund, während draußen eine größere Welt atmet, von der mich nur eine dünne Wand trennt. Ich liege dort, als wäre ich ein Gedanke, der nicht zu Ende gedacht wurde. Ein Schweigen, das lange niemand bemerkt.
Doch dann – ein Erschüttern.
Eine Hand, die nicht nach mir greift und mich dennoch berührt, ein Stück verschiebt. Ich, das zarte Etwas, werde aufgewirbelt, ohne gefragt zu werden. Ein feiner Staub in mir löst sich, tanzt auf, widersteht dem zögerlichen Sinken, als hätte ich alles vergessen und erinnerte mich nun wieder – an mich selbst.
Ich kippe. Ungehalten.
Ich stürze, falle nach unten, kreise, verliere mich in Richtungen, die keinen Namen tragen. Für einen Moment bin ich Choreografie und Zufall zugleich. Ich bin wuselig wie hundert Gedanken, die sich nicht erklären wollen, und steif wie der Moment, bevor man begreift.
Ruhe.
Da ist sie: die Ankunft. Eine Zeit, die vorgibt, sanft zu sein, aber in Wahrheit glitzern will, funkeln, gesehen werden. Der Tisch jenseits meines Glashauses wird geschmückt, als wolle er meinem leisen Leuchten Konkurrenz machen. Für heilige Minuten schüttelt jemand mein kleines Universum, und alles, was ich bin, gerät in Bewegung – nicht aus Absicht, sondern aus Besinnlichkeit.
Ich steige auf und falle wie ein Sternenregen.
Der Atem der Welt dringt durch das Glas zu mir, verwandelt meinen Staub in Illusion, und legt sich als Glanz in die Augen. Nicht, weil ich Licht hätte. Sondern weil ich: Falle – Schwebe – Existiere.
Wieder Stille.
Ich sinke. Langsam. Gegen meinen Willen oder mit ihm – ich weiß es nicht. Alles findet seinen Platz wieder, als würde die Welt mich sanft hinlegen.
Ich liege. Fast wie immer.
Doch in diesem kurzen Schweigen nach dem Schütteln – in der Sekunde, in der ich noch halb in der Luft hänge, halb schon auf dem Boden ruhe – weiß ich: Ich war Schnee.
Ich war Bewegung. Ich war.
(c) Christiane Maerten für schreibverbunden