Prall und in bunter Vielfalt präsentierte sich die Natur noch im goldenen November. Nun haben die Spätherbststürme alle Blätter von den Sträuchern gefegt, die ersten Fröste fallen ein und zähe Nebelfelder legen sich über das Land.
Wenn die Bäume ihren Saft einziehen und alles Grün zu Braun wird, wird so manchem von uns schwer ums Herz. Die Dunkelheit kommt rasch und beinahe überfallartig daher, zu einer Stunde, wo uns vor einigen Wochen noch die Sonnenstrahlen ins Freie lockten.
Doch jede Jahreszeit hat ihren besonderen Reiz. So kann ich auch dem scheinbar so lebensfeindlichen Winter etwas Angenehmes abgewinnen. Es ist die Zeit der inneren Neuausrichtung. Jetzt können wir einen Gang zurückschalten und es uns im kuscheligen Heim gemütlich machen.
Während der langen Winternächte muss ich oft an den Mythos Persephone denken. Das Götterkind, das in seinen jungen Jahren „Kore“ genannt wurde, war die Tochter von Göttervater Zeus und der Fruchtbarkeitsgöttin Demeter. Wohin immer sie ihren Fuß setzte, verwandelte sich das Umfeld in einen betörend duftenden, farbenfrohen Blumengarten.
Während einem ihrer Streifzüge begegnete sie Hades, dem Gott des Totenreichs, der gerade seines Wegs wanderte, weil ihm die Einsamkeit in seiner unterirdischen Heimat so zu schaffen machte. Ob Kore sich ebenso heftig in ihn verliebt hat wie er sich in sie, bleibt ein Geheimnis. Die Geschichte besagt zwar, er habe sie entführt. Doch vielleicht folgte sie ihm auch freiwillig in die Unterwelt und wurde dort zu seiner Gattin Persephone.
Göttinmutter Demeter wurde vor Gram um das verlorene Kind ganz kalt ums Herz und alles fruchtbare Land gefror zu Eis. Den Lebewesen auf der Erde drohte eine große Hungersnot. „Dieses Leid muss ein Ende haben!“ forderte Zeus, der Göttervater, eindringlich. Ein Götterrat wurde einberufen und schließlich einigten sich alle Repräsentanten der kosmischen Mächte auf einen Kompromiss: So darf Persephone jedes Jahr für vier Monate zu Hades in die Unterwelt zurückkehren. Und während der restlichen Zeit kümmert sie sich zusammen mit Demeter um das Wachstum der Pflanzen auf der Erde.
So geschieht nun Jahr für Jahr der Wechsel unserer Jahreszeiten: Nach Monaten der Fülle, wenn es langsam wieder Zeit wird für die Reise in die Unterwelt, gibt Demeter für Persephone ein Abschiedsfest. Der Obst- und Gemüsetisch ist reich gedeckt und die Blätter an den Bäumen ziehen ihre bunten Roben an. Der Wind lässt sie fröhlich durch die Lüfte tanzen.
Nicht nur die Pflanzen und viele Tiere gehen anschließend zur Ruh‘. Auch für uns Menschen kommt jetzt eine Zeit der Stille und Besinnlichkeit. Wir finden Einkehr in uns selbst. Bis Persephone im nächsten Frühjahr wiederkommt und mit ihrer Blütenpracht alles neu verzaubert.
(c) 2024 | Helga Thalmeier | Eine Geschichte aus dem Kurzgeschichtenband „TAGE VOLLER GLANZ UND SCHATTEN“ – entstanden im Winter 2024