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Heute geschlossene Gesellschaft

  • Beitrags-Kategorie:Christine Hagelkrüys
  • Lesedauer:3 Min. Lesezeit

Im Vorbeigehen lese ich bei meinem Wirt ums Eck: „Heute geschlossene Gesellschaft.“ Irgendwie trifft das auf einen Nerv in mir und ich beginne über die Begriffe offene Gesellschaft und geschlossene Gesellschaft nachzudenken.

Meinem Empfinden nach kehrt unsere Gesellschaft tendenziell der Offenheit den Rücken und sucht verstärkt nach Abschottung, nach Grenzen, Zäunen, Mauern, Sicherheit. Teilweise mit ausladenden Gesten und Taten, aber auch mit der feinen Klinge. Aus der großen Hoffnung, dem engen Mief der Fünfzigerjahre zu entkommen und ein buntes und engagiertes Leben, in einer respektvollen und emanzipierten Welt des multikulturellen Miteinanders zu führen, ist allenfalls ein geduldetes Nebeneinander geworden. Es gibt noch einige Biotope wo Gemeinschaften gut funktionieren, doch vermisse ich die bedingungslose Bereitschaft, für eine gerechte und offene Gesellschaft einzutreten. Zivilcourage, Mitgefühl und Humanismus sind selten geworden, keine Selbstverständlichkeit mehr.

Haben wir seit den Kreuzzügen des Mittelalters nichts dazugelernt? Glauben wir immer noch, dass wir in Europa der Nabel der Welt sind und alles besser wissen? Außer natürlich Amerika, die können das noch besser! Anfangs war es die Religion, später dann der Gott der Wirtschaft, des Geldes, des Konsums, der in alle Welt getragen und angebetet werden musste. Das kurze Zeitfenster der Offenheit der Sechziger Jahre bis 1989, wo der Mauerfall noch einmal eine große Euphorie auslöste, begann sich spätestens im neuen Jahrtausend langsam wieder zu schließen. Man trifft immer öfter auf geschlossene Augen, die das Unrecht nicht sehen wollen, auf verschlossene Ohren, die lieber drahtlos ihre Lieblingsmusik hören, als das Raunen der Benachteiligten, auf stumme Münder, die entweder keine Meinung haben, oder sie nicht öffentlich kundtun, sondern anonym in den Äther blasen.

Apropos Blase, die digitale Gesellschaft ist gerade dabei in autonome Luftblasen, die zwar schön schillern, aber sehr filigran sind, zu zerplatzen. Dieser unspezifische brummende Unterton wird immer lauter und konkreter.

Viele Erfahrungen aus meinem persönlichen Umfeld lassen mich in nachdenklicher und gedrückter Stimmung zurück. Da ist der junge, intelligente und gut integrierte afghanische Flüchtling, der abgeschoben wurde, die Mutter, die nach einer Hüft-OP keine adäquate Mobilisation erhält, der demente Vater, der keinen Heimplatz bekommt, Operationen, die mehrmals verschoben werden, psychiatrische Kliniken, die übervoll sind. Kinderärzte fehlen, Fachärzte fehlen, Ambulanzen quellen über, Personalengpässe wohin man schaut. Wie haben wir es geschafft das System so auszuhungern?

Und das sind erst die kleinen Probleme, die wirklich großen globalen Krisen werfen ihre ersten Schatten auch auf die vom Glück verwöhnte alte Welt und wir täten gut daran, uns in Solidarität und Bescheidenheit zu üben und alle Ressourcen mit offenem Herzen und Verstand gerecht zu verteilen.

So wie das digitale Netzwerk die Welt umspannt, sollten auch Fäden aus Liebe, Respekt und Verantwortung eine schützende Hülle bilden.


(c) Christine Hagelkrüys, 1.9.2024