17. Okt. 2025 – 2. März 2026
War das erste Bild, das ich von ihm gesehen habe, die brennende Kerze? Oder der Akt auf der Treppe? Oder doch die Lesende? Ich habe jedenfalls lange nicht gemerkt, dass all diese Bilder in Öl gemalt und nicht fotografiert sind.
Eigentlich liebe ich eher abstrakte Kunst, deshalb habe ich mir die fotorealistischen Bilder von Gerhard Richter nie live angesehen. Durch einen Film wurde ich auf die abstrakten Wandbilder von ihm aufmerksam, die mit einer auf mich martialisch wirkenden „Rakel“-Technik ausgeführt worden sind. Die Ergebnisse gefielen mir nicht recht und zogen mich doch magisch an. Mein Interesse für diesen Maler war geweckt. Noch brachte ich die zarten, gemalten Bilder nicht mit ihm zusammen.



Dann, vor über zehn Jahren, sahen mein Mann und ich mehr oder weniger zufällig in einer Kunstausstellung in Basel hundert seiner Werke – die berühmtesten. Kurz danach las ich, dass ein abstraktes Gemälde von ihm für 42 Millionen Euro versteigert wurde – es war ein Rekordpreis für einen lebenden Künstler. Nun, es ist ein unverkennbares Bild. Doch wenn ich mir ein Bild von ihm kaufen würde, wäre es nicht dieses gewesen.
Zehn weitere Jahre später findet eine Ausstellung mit 270 Werken in Paris statt. Sie zeigt Gemälde aus all seinen verschiedenen Schaffensperioden – von den Anfängen bis zu seinem letzten Pinselstrich. (Er lebt zwar weiterhin in Köln – aber er malt seit 2017 nicht mehr. Er widmet sich nur noch dem Zeichnen.) Eine derart umfassende Ausstellung wird es wohl nie mehr geben. Je höher die Preise für seine Werke sind, desto unerschwinglicher wird der Transport. Also machten mein Mann Alexander und ich uns mit dem Zug auf nach Paris. Zwei Freundinnen begleiteten uns.
Die Ausstellung fand in der Stiftung Louis Vuitton statt – einem seit 2014 bestehendem Privatmuseum in Paris. Es liegt idyllisch am Rand des Bois de Boulogne – einem Waldgelände, das mich wegen seiner Unberührtheit und Ursprünglichkeit an die Donauauen in Stockerau bei Wien erinnerte, die wir im letzten Herbst kennengelernt haben. Das Gebäude steht in krassem Gegensatz zur unberührten Natur. Es erinnerte mich sofort an das Guggenheim-Museum in Bilbao. Und tatsächlich ist der Architekt derselbe: Frank Owen Gehry, ein Kanadier. Das charakteristische Metall-Gebäude hat einen Namen: „Das Glasschiff“ – der Architekt nannte es in seinen Plänen jedoch „Glaswolke“. Nun, ich hätte mit einigem Abstand evtl. Schiff oder Wolke erkennen können – wenn das Gebäude nicht so groß wäre, dass ich es gar nicht in seiner Gänze erfassen konnte. Meine Abneigung gegen mit Handtaschen und Luxusartikeln erwirtschafteten Reichtum hielt mich bisher von einem Besuch dieses Museums fern. Doch ich hätte etwas verpasst. Nicht nur die Richter-Ausstellung war sehenswert, die Architektur ist es genauso. Und was mich wieder etwas milder stimmte, war, dass der Besitz des Gebäudes nach 50 Jahren an die Stadt Paris übergeht.



Wir mussten durch eine Sicherheitsschleuse. Ich weiß nicht, ob seit dem Kunstraub im Louvre im Oktober 2025 die Sicherheitsvorkehrungen derart erhöht worden sind – ich vermute es. Vor mir wartete eine Frau, die eigentlich irgendwo in der Mitte Frankreichs lebt und gerade ihren Sohn in Paris besuchte. Sie beschwerte sich und erzählte, dass man in Frankreich „leicht hysterisch“ wäre, was Museen betrifft. Im Frühling sei sie im Munch-Museum in Oslo gewesen: Alles sehr entspannt! Welcher Zufall! Wir waren zur selben Zeit dort. Diese nette Begegnung verkürzte die lange Anstehzeit auf angenehme Weise.
Eintrittskarten hatten wir online besorgt. Ab der Eingangshalle ging alles einfach und wir begannen mit der Besichtigung im Erdgeschoss der vierstöckigen Ausstellung. Eine hauseigene App leitete uns und erklärte die bedeutendsten Exponate – eine tolle Auswahl mit Informationen genau in der richtigen Länge, mit sympathischer Stimme gesprochen! Mein Mann und ich bewegten uns unabhängig voneinander schweigend vorwärts, jeder für sich, um dann doch gemeinsam in den folgenden Raum zu wechseln. Auf magische Weise klappte das immer und wir verloren uns nicht. Am Ende fragten wir uns – wie nach jeder Ausstellung – welches Bild wir mit nach Hause nehmen möchten … diesmal einigten wir uns auf eines der grauen Landschaftsbilder. So viele Lebendigkeit und so viele Nuancen der Farbe Grau faszinieren uns. Wir würden nie müde werden, es zu betrachten.
Gerhard Richter ist 1932 in Dresden geboren, er ist sechs Jahre jünger als mein Vater. Mit 29 Jahren ging er mit seiner ersten Frau in den Westen, kurz vor dem Bau der Mauer. Was mir besonders imponiert, ist, wie er sich immer wieder neu erfunden hat. Die Themen Farbe oder Nicht-Farbe, realistisch malen oder abstrakt, durchsichtig oder undurchsichtig, ziehen sich zwar wie ein roter Faden durch sein gesamtes Schaffen, aber er drückte das Spannungsverhältnis in seinen unterschiedlichen Schaffensperioden auf neue Weise aus. Dreimal war er verheiratet. Jedesmal waren es Künstlerinnen. Seine dritte Frau war Schülerin der letzten Klasse, die er als Professor an der Kunsthochschule angenommen hat. Insgesamt hat er vier Kinder, drei Töchter und einen Sohn. Sie stehen alle vier nicht in der Öffentlichkeit – über ihre Berufe ist nichts bekannt.
Die Kinder Gerhard Richters waren immer wieder Gegenstand seiner Bilder. Betty, seine älteste Tochter, ist elf Jahre jünger als ich. Das bekannteste Porträt von ihr heißt „Betty“. Es zeigt sie als junge Frau, von hinten mit einem rot-weiß-gemusterten Kleid.
In der Ausstellung begegnete ich auch dem Autor Gerhard Richter. In einem Raum ist ein Buch ausgestellt, in dem er über die Rolle der Kunst, das Sehen und das Spiegeln des Gesehenen schreibt. Ich bereue, dass ich mir den Text nicht fotografiert habe. In der Ausstellung verstand ich gar nicht, was ich da las. Es war eine eigene Grammatik und eine ganz spezielle Ausdrucksweise, zu der ich dort keinen Zugang hatte.
Amüsant fand ich, dass der Künstler im Jahr 1979 – da war er 47 Jahre alt – für die Kreisberufsschule Soest zwei monumentale Werke gemalt hat. Erst vor kurzem verschwanden die Originale an einen sicheren Ort – aber sie hingen 45 Jahre lang dort in der Eingangshalle eines ziemlich zweckmäßig wirkenden Gebäudes. Dieser Umstand muss den internationalen Kunstdieben entgangen sein.
Übervoll von all den Eindrücken gelangten wir in den vierten Stock und auf das Dach des Pariser Museumsgebäudes mit seiner ungewöhnlichen Dachkonstruktion aus Holz, Stahl, Glas und Treppen. An einer Stelle blitzte der Eiffelturm durch – davor stand ein Mann, der ein Selfie mit Pariser Wahrzeichen machte. Alexander fotografierte ihn – ein Bild im Bild im Bild.



Vor dem Hinuntergehen ins Foyer und in die Cafeteria trafen wir unsere Freundinnen. Sie gingen schon mal vor und bestellten ein Glas Wein. Eigentlich hätten wir uns einen Champagner gönnen sollen – nach diesem wunderbaren Erlebnis – aber der war etwas überteuert. Er kostete zwischen 15 und 30 Euro – je nach Marke – pro Glas. Für die Eintrittskarte dagegen haben wir erschwingliche 16 EUR bezahlt.
Ach so: Ich habe mich dann doch noch einmal umentschieden. Wenn ich ein Richter-Bild geschenkt bekäme, würde ich ein fotorealistisches Bild von seiner Frau mit Baby nehmen, eines, das mit einem „Rakel“ verwischt ist. Es entstammt einem Zyklus von acht ähnlichen Bildern, das ich bereits in Basel gesehen habe. Es wäre nach wie vor mein Favorit. Obwohl ich, wie gesagt, ja eigentlich abstrakte Kunst liebe.



(c) Margit Thürauf 3.2.2026 – eigene Aufnahmen aus der Ausstellung