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Paris – mit Siebzehn

Grenzenlose Nacht.
Eulen nach Paris tragen?
Chronos ist perplex!

Seit ich mit Siebzehn „Auf der Suche der verlorenen Zeit“ von Marcel Proust gelesen hatte, war Paris ein Sehnsuchtsort, den ich unbedingt kennenlernen wollte. Ich peppte mein Bild von Paris noch mit vielen anderen französischen Schriftstellern auf. Der Film „Noir“ hatte es mir ebenfalls angetan, Die kämpferische Simone de Beauvoir und die freche Francoise Sagan waren meine femal role models. Alain Delon und Romy Schneider in „Der Swimmingpool“ eroberten mein Herz.

Eiffelturm und Schifffahrt auf der Seine waren nicht so mein Begehr. Lieber durch die Gassen schlendern, am Seineufer sitzen, den Louvre besuchen, in einem kleinen Bistro Coq au Vin essen und ein Glas Rotwein dazu trinken. Später noch Petit Fours in einer kleinen Konditorei naschen. Einfach den Duft und die Essenz der Stadt inhalieren. Auf jeden Fall Paris bei Nacht erleben!

Ich fliege über Paris, hab den Eulenblick eingeschaltet, der eine ungewohnt scharfe Sicht auf die unter mir liegende, gut ausgeleuchtete Stadtlandschaft zulässt. Ich sehe doch tatsächlich Simone de Beauvoir im Cafe de Flore eifrig im Gespräch mit Gertrud Stein. Jean Paul Belmondo, Arm in Arm mit Tamara de Lempicka, in den Tuilerien spazierend. Marcel Proust und Oskar Werner leicht angesäuselt aus einem Taxi steigend. Albert Camus und Ödon von Horvath im Streitgespräch, mit den Händen wild gestikulierend, auf der Champs Èlysées, dem Triumphbogen zustrebend.

Auf dem Triumphbogen stehen etwas wackelig, aber mit Siegesmine, Jim Morrison, Amy Winehouse und Boris Vian. Sie spuken kichernd in die Menge.

In den engen Gassen von Montmatre singen Colette und Francis Picabia lauthals die Marseillaise. Dalida, Edith Piaf und Francoise Hardy erweitern das Duett zu einem wohlklingenden Chor. Serge Gainsbourg singt die letzte Strophe mit und hängt danach noch sein Zitat an: „Wer nicht provoziert, hat nichts zu sagen“

Ich reibe mir den Schlaf aus den Augen, mein Blick fällt auf die gewohnte lindgrüne Tapete mit den türkisen Arabesken. Im Radio spielt es „Initials BB“ von Serge Gainsbourg.


© 1978