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Paris, Januar 2026

Wir haben es wieder gemacht und wieder kam der Anstoß zur Reise von Margit und Alexander. Gerhard-Richter-Ausstellung in Paris. Nicht irgendeine, sondern sein komplettes Lebenswerk! Dieses Mal sind wir zu viert unterwegs. Anne ist auch mit on Bord bzw. Zug. Sie ist in freudiger Aufregung, während wir nun schon alte Hasen sind, aber wir freuen uns natürlich auch.

Die Züge sind pünktlich! Ausstieg an der Gare de l’Est. Sachlich betrachtet, empfängt uns Paris im selben Januargrau, wie in anderen Städten auch. Der Verkehr, die geflickten Gehsteige, die Baustelle sieht noch genauso aus, wie vor sieben Monaten. Was macht also das Flair dieser Stadt aus? Die vielen Lieder, Geschichten, Musicals etc.? Die kleinen Läden und Kneipen, das Kleine neben dem Großen? Das Gefühl mit Baguette und Rotwein gehört mir die Welt?

Ich fühle mich sofort wohl. Die Stadt ist mir vertraut. Ich kenne den Weg zum Hotel, vorbei an dem kleinen Käseladen mit der traumhaften Auswahl der tollsten Käsesorten  und zwei wundervollen Bäckereien, aus denen es duftet wie in meiner Kindheit. Beim Betrachten der Auslagen im Schaufenster der Boulangerie fällt mir sofort ein leckeres Menu ein. Gegenüber hat ein Händler mindestens drei Meter lange Tische mit farbenprächtigem Obst und Gemüse aufgebaut. Ein wunderbarer Farbkleks, der das Grau durchbricht.

Auch das Liniennetz der Metro verstehe ich schon besser. Die Gänge der Metrostationen sind alt und grau, aber die Bahnen fahren zuverlässig. Selbst hier ein gewisser Mythos. In wie vielen Krimis spielt die Metro in Paris eine Rolle. Die Schilder am Eingang zu jeder Untergrundstation sind ebenfalls die alten, aber immer im schönen Jugendstil und ich bin froh, dass sie nicht aufgehübscht worden sind.

Den Abend beginnen wir wieder mit einem Aperitif am Canal de St. Martin, in einer der vielen kleinen Kneipen, in denen wohl üblicherweise kein Champagner bestellt wird. Zum Abendessen haben wir uns wieder für das bezaubernde kleine Restaurant entschieden, in dem die jungen Besitzer so verführerische besondere Gerichte kochen können.

Auf das große Hotelfrühstück haben wir verzichtet. Stattdessen suchen wir uns ein paar frisch gebackene Leckereien in der Bäckerei gegenüber aus und ordern noch einen Espresso dazu. Ein wunderbarer Start in den Tag. Tatsächlich kommt vorsichtig die Sonne raus und auf geht’s zur Sainte Chapelle.

Wikipedia sagt mir, dass es die frühere Palastkirche der ehemaligen königlichen Residenz ist und erbaut wurde, um die Reliquien, die König Ludwig IX. verehrt und  gesammelt hat, zu beherbergen. Unter anderem hatte er für eine astronomische die Dornenkrone Christi 1239 einem findigen Kaufmann abgekauft. Diese oder was man dafür hält, liegt heute zur Hälfte in Notre Dame in einem eigens dafür angefertigten goldenen Schrein und die andere Hälfte im Vatikan. Es gibt eine Unterkapelle, die als Sitz der Pfarrei diente und eine Oberkapelle, die der königlichen Familie vorbehalten war. In der wechselvollen Geschichte ist das Inventar verloren gegangen und 1790 wäre sie beinahe abgerissen worden. Eine interessante Geschichte, die sich nachzulesen lohnt.

Alexander hat unsere Eintrittskarten online besorgt und wir kommen tatsächlich ohne Wartezeiten hinein. Allerdings gibt es eine Sicherheitskontrolle wie am Flughafen und ich werde meinen langjährigen Begleiter, ein Schweizer Taschenmesser, los. Egal, was ich hier sehen durfte, ist wirklich etwas ganz Besonderes. Die Unterkirche mit den gotischen Bögen, die im 19. Jahrhundert farbig wurden, und die trotzdem einen dunklen, aber nicht unfreundlichen mystischen Anblick vermittelt. Über ein enges Treppenhaus mit schmaler Wendeltreppe gelangt man in die Oberkirche, die nur aus unzähligen Kirchenfenstern zu bestehen scheint. Ausgeleuchtet durch viele Kronleuchter.  Bei dem Anblick fühle ich mich beinahe wie in “tausend und einer Nacht“ und das war wohl auch so gewollt.

Nach einem erneuten Besuch in Notre Dame trennen sich unsere Wege. Anne und ich spazieren bei schönstem Sonnenschein und milden Temperaturen durch die Tuilerien in Richtung Musée l‘Orangerie. Die Stadt mit ihren unzähligen dicht aneinandergereihten Prachtbauten öffnet sich plötzlich zu einem riesigen Park direkt entlang der Seine. In den Beeten zeigen sich vereinzelt schon die ersten Frühlingsboten. Da ist es wieder, das Gefühl von unglaublicher Schönheit und dem Geschenk hier sein zu dürfen.

Am Museum angekommen, gibt es die Eintrittskarten nur online über Handy. Bei mir scheitert das, weil ich meine Zahlungszugänge nicht auswendig weiß, und Annes Handy verweigert uns den Zugriff auf den Kauf. Als der junge hilfsbereite Mitarbeiter auch nicht weiterkommt lotst er uns ohne Eintritt in die Ausstellung. Ein doppeltes Glück, denn die Seerosen, von Monet extra für und in der Orangerie gemalt sind umwerfend schön. Ich bin erstaunt, denn von Nahem betrachtet sind die Seerosen nur grobe Pinselstriche. Erst wenn ich ein paar Meter zurücktrete, entfaltet sich die eigentliche Schönheit.

Ganz beseelt machen wir uns auf den Weg zum Arc de Triumph, um die anderen beiden zu treffen und mit dem Shuttle zur Gerhard Richter Ausstellung ins Louis Vuitton zu fahren. Weil die Sonne immer noch so schön scheint und es einfach wunderbar ist noch ein Stück an der Seine entlangzulaufen, beschließen wir zu Fuß zu gehen und auf die Metro zu verzichten. Im wahrsten Sinne des Wortes ein zweischneidiges Schwert. Das tolle Gefühl, als wir auf die Champs-Élysées abbiegen und die brennenden Füße.

Schließlich sitzen wir im Shuttle zur Ausstellung. Schon die Architektur des Museums ist ein Hingucker. Wieder gibt es eine Flughafenkontrolle und dann kann es losgehen. 270 Ausstellungsobjekte! Da muss man ein bisschen selektieren. Anne und ich beschließen wieder gemeinsam loszugehen und den ein oder anderen Raum, der uns nicht so interessiert, links liegen zu lassen. Es ist grandios das ungeheure Spektrum und die Entwicklung der Kunst des Gerhard Richters zu sehen. Zweifellos großes Können und manches erscheint mir wie eine unglaubliche Fleißarbeit, wie die 4900 bunten Quadrate zum Beispiel. Trotzdem gibt es nur Weniges, das mich berührt. Die Lesende und die beiden sehr reduzierten Stilleben, die Kerze und die Flasche neben dem Apfel zum Beispiel. Sehr gut gefällt mir auch ein kleiner Raum mit dem Bild der Verkündigung, das anschließend in weiteren Bildern immer mehr abstrahiert wird.

Das war ein sehr voller Tag mit ungeheuer vielen Eindrücken. Wir ruhen uns im Hotel etwas aus, bevor wir uns auf den Weg zu einer kleinen gemütlichen Weinkneipe machen. Zum Wein gibt es gutes Brot und ausgezeichneten Käse und Schinken. So, wie man sich Frankreich vorstellt. Der junge Kellner, wahrscheinlich hat er eine bessere Berufsbezeichnung für sich, hält sich für den besten Weinkenner aller Zeiten und wir lassen ihn in seinem Glauben. An den wenigen Tischen um uns herum herrscht dichtes Gedränge. Die meist jüngeren Leute trinken Rotwein, essen eine Kleinigkeit und haben viel Redebedarf. Gerne wüsste ich, worum es geht. Aber von meinem Schulfranzösich sind nur ein paar Brocken hängengeblieben. Egal, aber es erinnert mich an die Zeit, als ich selbst jung war und viele Nächte mit, meist eher billigem, Rotwein und hitzigen Diskussionen zugebracht habe. Wir wollten die Welt verbessern. Haben wir das geschafft? Ja und nein. Die vielen kontroversen Gespräche haben zumindest dafür gesorgt meinen Blick über den Tellerrand hinaus zu lenken und das eine oder andere Engagement war durchaus erfolgreich. Ich vermisse diese Zeit ein bisschen und das ist wohl der Grund, warum mir das Viertel rund um den Canal St. Martin so gut gefällt.

Als wir uns auf den Weg zum Hotel machen, regnet es. Tränen des Abschieds, denn unser Parisaufenthalt ist schon wieder fast vorbei.

Am nächsten Vormittag noch der Besuch einer Markthalle. Ich liebe Markthallen. Diese Fülle an Ständen mit riesiger Auswahl an Käse, Obst und Gemüse, Fleisch oder Fisch. Andere bieten Essen aus aller Welt an. Ein Blumenmeer empfängt uns schon gleich am Eingang. Wir versorgen uns mit ein paar Leckereien für die Zugfahrt und gehen jetzt erstmal zum Mittagessen ins Bouillon Cartier. Eine traditionelle Brasserie, stilvoll und mit nostalgischem Flair, in der es genauso aussieht, als wären hier die alten Spielfilme gedreht worden. Das Lokal ist groß und doch schnell gut gefüllt. Die vielen Kellner in schwarz-weiß gekleidet notieren die Bestellung auf der Papiertischdecke und bringen das Gewünschte sehr zügig. Es herrscht geschäftiges Treiben. Neue Gäste werden an einen Tisch geleitet, Geschirr klappert, die Kellner flitzen durch die Gänge und an den vielen Tischen entspannte Gespräche.

Paris – immer eine Reise wert. Mal sehen, wann der nächste Besuch folgt.


(c) 13.02.2026 DS