Die Eselin Nasja lebte in einem Pferdestall. Sie fühlte sich kleiner und dümmer als all die prächtigen Rösser um sie herum, die regelmäßig gestriegelt wurden. Die anderen störte Nasja nicht, aber sie fühlte sich fehl am Platze. Sie wusste nämlich, das sie hier nicht hingehörte.
Hoffnungsvoll begann sie jeden neuen Tag und flüsterte sich zu: Bald wird mein Traum wahr sein, und dann …
So oft sie konnte ging sie in den Offenstall, auch wenn der selten frisch eingestreut war. Aus Langeweile knabberte sie an Holzzäunen und Gattern und glaubte fest daran, eines Tages würde ein Tor aufgehen und dann …
„Meine Freunde nennen mich Nasja“, iahte sie bei jedem, der vorbeikam. Die Wahrheit war aber, dass sie allein war. Pferde und Schafe waren kein Ersatz für einen Esel. Wussten das die anderen nicht?
Sie hasste Regen. Esel haben kein wasserdichtes Fell. Sie vertrug das fette Gras der Weide nicht, sie liebte Stroh. Und Kälte vertrug sie ganz und garnicht. Trotzdem glaubte sie fest daran, dass ihr Traum in Erfüllung gehen würde, und dann …
Mit ihrem ewigen lauten I-A-Schreien nervte sie alle. „Du bist so stur!“, sagten sie. In Wahrheit war es so, dass sie vor lauter Angst manchmal einfror, wenn alle etwas von ihr wollten. „Du bist ein dummer Esel“, sagten die anderen dann.
Eines Tages fuhr über die Brücke beim Stall ein graues Auto mit einem Anhänger und darauf stand ein Esel. Lange hatte Nasja ihresgleichen nicht gesehen und auch der Eselhengst auf dem Anhänger begrüßte sie lautstark. Kaum war der Fahrer ausgestiegen. ging er auf Nasja zu. „Na, dann lass dich einmal anschauen, ob du für die Pläne meiner Chefin taugst. Das sieht auf den ersten Blick jedenfalls gut aus“, sagte er.
„Welche Pläne sind das denn?“, fragte Nasja den Eselhengst besorgt.
„Sie will eine Eselherde in Italien züchten. Warst du schon mal in Italien?“, antwortete der Hengst. „Ich heiße übrigens Otto.“
„Ja, natürlich“, sagte Nasja. Obwohl das nicht stimmte. „Ich würde sehr gerne wieder einmal nach Italien“, fügte sie noch hinzu.
„Das kann schneller gehen, also du denkst“, iahte Otto.
Und so geschah es. Der Fahrer lud Nasja auf den Anhänger und ab ging es nach Italien. Hoch oben in den Hügeln von Apulien hatte sie das erste Mal in ihrem Leben heißen, trockenen, steinigen Boden unter den Füßen. Es war ein Genuss! Hier würden sich ihre lang gewachsenen Hufe schnell abwetzen. Doch erst einmal wälzte sie sich ausgiebig im trockenen Staub.
„Jetzt sieht dein Fell wieder richtig schön aus“, sagte Otto.
Oben vom Hang wurden sie lautstark von ihresgleichen begrüßt. „Das sieht nach richtig viel Auslauf aus“, dachte sie.
Kaum war sie angekommen, kam eine Frau auf den Fahrer des Autos zu. „Danke, dass du mir die zwei Neuen gebracht hast“, sagte sie. „Ich liebe sie jetzt schon!“
„Was findest du nur an diesen Viechern?“, fragte der Fahrer.
„Bleib einfach mal eine Woche bei mir, dann wirst du es selber sehen“, antwortete die Frau. „Sie entschleunigen! Sie lassen sich nicht hetzen, sind vorsichtig mit Schwächeren, sind genügsam, treu – und fürsorgliche Mütter. Sie geben mir Halt.“
Erst jetzt begriff Nasja, dass sie in ihrem Traum aufgewacht war. Manches kommt nicht zufällig. Es wird lange gerufen.
„Otto“, sagte Nasja. „Stups mich mal.“ Aber das war gar nicht nötig. Denn sein Kopf lag bereits auf ihrem Rücken und er gedachte nicht, jemals wieder von ihrer Seite zu gehen.
Nasja rieb ihre Schultern an den seinen. Sie war nie dumm gewesen. Nur zu selten unter Eseln.
Merke: Was manche Sturheit nennen, war Nasjas Brücke vom Traum in die Wirklichkeit.
(c) Margit Thürauf, aus: Signora Leggerezza