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Vitoria con una T

  • Beitrags-Kategorie:Margit Thürauf
  • Lesedauer:4 Min. Lesezeit

Auf dem Esstisch neben Kaffee und Kuchen starrte Vitoria auf die Zeile 17b eines Formulars: „Nachweis über erbrachte Studienleistungen gemäß § 12 Abs. 3 der Prüfungsordnung – was bedeutet das?“, fragte sie ihre Großmutter.

„Das musst du in der Prüfungsordnung nachlesen“, sagte Ruth. Die findest du sicher auch online.“

Vitoria schluckte ihre Frustration hinunter. Sie dachte an ihre Heimat Italien. An Stimmengewirr in den Fluren. An Professoren, die Prüfungen verschoben, wenn jemand krank war. In Bari wäre sie einfach bei der Sekretärin vorbeigegangen und hätte gefragt: „Scusi, cosa devo fare? Entschuldigung, was muss ich tun?“ Jemand hätte ihr genau erklärt, was zu machen war. Hier kämpfte sie seit zwei Stunden mit der Webseite der Uni Freiburg.

„Oma. Im Ernst. Warum tue ich mir das an?“, fragte sie. Es war nicht das erste Mal, dass sie diese Frage stellte. Die Antwort war immer dieselbe:

„Weil du hier einen Studienplatz bekommen hast.“ In Bari war sie nicht angenommen worden. Es gab zu wenig Plätze. In Freiburg hatte man ihre Unterlagen geprüft und zugesagt.

„In Italien rede ich mit Menschen. Hier mit Paragraphen,“ murrte sie.

„Hier geht man davon aus, dass du liest, was verlangt wird. Und es dann machst.“ Ruths Ton war härter als beabsichtigt. Sie sagte: „Entschuldige. Das kam falsch raus. Als ich studiert habe, musste ich noch in drei Büros in drei unterschiedlichen Gebäuden gehen und niemand hat mich gefragt, ob ich zurechtkomme. Man hat einfach erwartet, dass ich alles herausfinde.“

„Und fandest du das gut?“, fragte Vitoria.

„Nein. Ich fand es furchtbar. Aber nicht zu ändern. Jedenfalls nicht von mir.“

Vitoria wandte sich wieder ihrem Laptop zu. Erneut stieß sie einen Seufzer aus. „Jetzt wandelt die Autokorrektur meinen Namen einfach in Viktoria um. Und in Italien musste ich oft dazusagen ‚Vitoria con una T.‘ Vitoria mit einem T. Ich scheine überall falsch zu sein.“

Ihr Frust berührte Ruth. Die deutsche Genauigkeit und Ordnung machte das Leben manchmal schwer. Andererseits empfand sie es umständlich und zeitraubend, alles bereden zu wollen. Sie ärgerte sich darüber, dass sie die Bürokratie rechtfertigte. Sie musste einen Mittelweg finden, damit sie ihrer Enkelin die Umgewöhnung leichter machte.

„Mom findet auch, du bist manchmal zu hart zu mir!“, sagte Vitoria unvermittelt.

Stille. Ruth war anders aufgewachsen. Sie hatte früh gelernt, alles mit sich allein auszumachen. Hatte ihrer Tochter das Studium und sogar ein Auslandssemester in Italien ermöglicht, obwohl sie alleinerziehend war.  

„Vielleicht ist das keine Härte. Vielleicht ist es Vertrauen in dich“, antwortete sie.

Am nächsten Tag saß Vitoria in der Universitätsbibliothek vor ihrem Laptop und füllte weiter ihr Formular aus. Neben ihr saß Lukas, ein Student aus ihrem Kurs.

„Kannst du mir sagen, was da steht?“, fragte sie ihn.

„Was?“

„Das hier.“ Vitoria zeigte auf ihren Bildschirm.

Lukas grinste: „Niemand versteht das beim ersten Mal. Du musst nach den Schlüsselwörtern suchen und den Rest ignorieren.“

Vitoria schaute ihn zweifelnd an.

„Hier schau.“ Er zeigte auf eine Passage. „Am Ende des Satzes steht ‚ist beizubringen‘. Alles davor beschreibt nur, was.“

Sie starrte ihn an. „Und warum sagt mir das niemand?“

„Ich sage es dir doch gerade.“

Vitoria wandte sich schweigend wieder ihrem Formular zu. Es ging ihr zu viel durch den Kopf. Sie bedankte sich bei Lukas und machte für diesen Tag Schluss.

Als sie nach Hause kam, war ihre Großmutter noch nicht da. Sie rief bei ihrer Mutter in Bari an.

„Es ist alles unnötig kompliziert“, klagte sie. „Aber ich treffe nette Leute, die mir helfen.“

„Ja, das System ist anders, Vitoressa“, sagte ihre Mutter, halb um sie zu trösten und halb im Scherz, weil sie so ein Ding aus der Sache machte. „Aber wichtig ist nicht, dass du die Systeme vergleichst. Wichtig ist, dass du dich zurechtfindest und das alles nicht so ernst nimmst.“

„Man muss genau lesen. Sonst geht es nicht.“

„Du bist schon so erwachsen!“  

Vitoria nickte ihrer Mutter zu und sagte: „È un altro modo. Es ist eine andere Art.“

Sie öffnete das Formular noch einmal. Für einen Moment blieb der Cursor im Namensfeld stehen. Vitoria. Mit einem T.


(c) 21.2.26 Margit Thürauf