Auf dem Esstisch neben Kaffee und Kuchen starrte Viktoria auf die Zeile 17b eines Formulars: „Nachweis über erbrachte Studienleistungen gemäß § 12 Abs. 3 der Prüfungsordnung – was bedeutet das?“, fragte sie ihre Großmutter.
„Das musst du in der Prüfungsordnung nachlesen“, sagte Ruth. Die findest du sicher online.“
Viktoria schluckte ihre Frustration hinunter. In Philadelphia hätte sie einfach eine Mail geschrieben: Hey, what do you need? Antwort unverzüglich. Hier kämpfte sie seit zwei Stunden mit der Webseite der Universität Freiburg.
„Oma. Im Ernst. Warum tue ich mir das an?“, fragte sie. Es war nicht das erste Mal, dass sie diese Frage stellte. Die Antwort war immer dieselbe:
„Weil ein Semester in Boston 50.000 Dollar kostet.“
„Ich hätte vielleicht doch besser einen Kredit aufgenommen …“
„Vik! Wir haben das durchgerechnet!“ Ruth hatte Mathematik studiert. Das war in den Siebzigern, als Frauen in naturwissenschaftlichen Fächern noch Exotinnen waren. Sie hatte ihr Leben lang als Versicherungsmathematikerin gearbeitet. Wenn Ruth sagte, etwas sei durchgerechnet, dann war es das.
„Es ist alles so kompliziert hier“, stöhnte Viktoria. „Mein Freunde in den USA sagen ihrem Advisor welche Kurse sie wollen und er nickt und du bist drin. Hier muss ich fünf verschiedene Nachweise beibringen und am Ende sagt mir jemand, dass die Frist gestern abgelaufen ist.“
„Das System geht davon aus, dass du lesen und recherchieren kannst und dich danach richtest. In den USA bist du Kundin, hier eine erwachsene Studentin.“ Ruths Ton war härter als beabsichtigt. Sie sagte: „Entschuldige. Das kam falsch raus. Als ich studiert habe, musste ich in drei Büros in drei unterschiedlichen Gebäuden gehen und niemand hat mich gefragt, ob ich zurechtkomme. Man hat einfach erwartet, dass ich alles herausfinde.“
„Und fandest du das gut?“, fragte ihre Enkelin.
„Nein. Ich fand es furchtbar. Aber ich habe gelernt, dass ich am leichtesten durchkomme, wenn ich vorher lese und das mache, was verlangt wird.“
Viktoria wandte sich wieder ihrem Laptop zu. Erneut stieß sie einen Seufzer aus. „Jetzt wandelt die Autokorrektur meinen Namen einfach in Victoria um. Und in den USA musste ich jedesmal dazusagen ‚Viktoria with a K‘. Ich scheine überall falsch zu sein.“
Ihr Frust berührte Ruth. Die deutsche Gründlichkeit, Sorgfalt und Ordnung machte das Leben manchmal schwer. Andererseits empfand sie das „Sich bedienen lassen“ als mangelnde Eigenverantwortung. Wenn alle Studierenden fünf Minuten vor Schluss halbfertige Anmeldungen vorlegen, muss irgendjemand in der Verwaltung den Schlamassel ausbaden. Und dann wieder ärgerte sie sich darüber, dass sie die Bürokratie rechtfertigte. Sie musste einen Mittelweg finden, damit sie ihrer Enkelin nicht Unrecht tat.
„Mom findet auch, du bist manchmal zu hart zu mir!“, sagte Viktoria unvermittelt.
Stille. Ruth war anders aufgewachsen. Sie hatte früh gelernt, auf eigenen Beinen zu stehen. Hatte ihrer Tochter das Studium finanziert und darauf bestanden, dass sie ein Auslandsjahr in den USA machte. Sie hatte sie immer unterstützt. Es war nicht leicht für sie gewesen.
„Vielleicht ist das keine Härte. Vielleicht ist es Vertrauen in dich“, antwortete sie.
Am nächsten Tag saß Viktoria in der Universitätsbibliothek vor ihrem Laptop und füllte weiter ihr Formular aus. Neben ihr saß Lukas, ein Student aus ihrem Kurs.
„Verstehst du das, was da steht?“, fragte sie ihn.
„Was?“
„Das hier.“ Viktoria zeigte auf ihren Bildschirm.
Lukas grinste: „Niemand versteht das beim ersten Mal. Du musst nach den Schlüsselwörtern suchen und den Rest ignorieren.“
Viktoria schaute ihn zweifelnd an.
„Hier schau.“ Er zeigte auf eine Passage. „Am Ende des Satzes steht ‚ist beizubringen‘. Alles davor beschreibt nur, was.“
Viktoria starrte ihn an. „Und warum schreibt man das nicht so?“
„Wenn du es einmal kapiert hast, geht alles schnell. Als ich in den USA war, hatte ich immer Angst, dass ich den Kurs nicht kriege. Weil ich nichts in der Hand hatte. Ich finde euer System auch nicht so leicht zu verstehen.“
Viktoria wandte sich schweigend wieder ihrem Formular zu. Es ging ihr aber zu viel durch den Kopf. Sie bedankte sich noch bei Lukas und machte für diesen Tag Schluss.
Als sie nach Hause kam, war ihre Großmutter noch nicht da. Viktoria rief bei ihrer Mutter in Philadelphia an.
„Es ist alles unnötig kompliziert“, klagte sie. „Aber ich glaube, ich verstehe jetzt, wie es geht. Und ich lerne dabei.“
„Ja, das System ist anders, Vik“, sagte ihre Mutter, um sie zu trösten. „Aber wichtig ist nicht, dass du die Systeme vergleichst. Wichtig ist, dass du dich zurechtfindest und das alles nicht so ernst nimmst.“
Viktoria ging durch den Kopf, dass auch bei ihrer gewohnten Mentalität nicht immer alles okay war.
„Behalte deinen Optimismus, Sweetie. Geh auf deine Art da durch, trotz der vielen Regeln. Das ist alles wie ein Neuanfang und du wirst mit jedem Tag ein bisschen mehr erwachsen, meine Kleine.“
Viktoria nickte ihrer Mutter zu und sagte: „Yes. It’s different.“
Sie öffnete das Formular noch einmal. Zeile 17b.
Diesmal begann sie am Ende des Satzes zu lesen. Für einen Moment blieb der Cursor im Namensfeld stehen. Viktoria. Mit K.
(c) Margit Thürauf – Auszug aus „Signora Leggerezza“