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Yuna Park

Mit ihrer Mutter war Daniel in die Schule gegangen und nun traf er die Tochter in dem Schreibkreis, den er ins Leben gerufen hatte. Mina hatte schon als Kind mitreißende Geschichten geschrieben, aber soweit Daniel wusste, nie etwas aus ihrem Talent gemacht. Die Tochter hingegen hatte einen Roman beendet und wollte ihn veröffentlichen. Sie hatte sich bereits einen Künstlernamen zugelegt und wünschte, mit diesem Namen angesprochen zu werden: Yuna Park.

Der Roman war eine Liebesgeschichte zwischen einem Koreaner und einer jungen deutschen Schriftstellerin. Yuna las daraus vor:

In der Dating-App ploppte ein Bild auf. Verdammt! Diese Augen. So cute! Sein Name: Hwan. Während sie sich die Hände an ihrem geliebten Bubble-Tea wärmte und die Füße in den dicken Socken aneinanderrieb, ging ein Kopfkino bei ihr los. Wieso suchte ein koreanischer Mann auf einer deutschen Dating-Plattform? War er Austauschstudent? Er sah aus wie ein K-Popstar. Suchte er eine Frau, die ihn nicht durch die koreanische Erwartungsbrille sieht? Sein Blick faszinierte sie: geheimnisvoll, aufmerksam, zurückhaltend. Welche Vorstellung hatten Koreaner von deutschen Frauen? Trafen sich da zwei Menschen, die nach etwas suchten, was sie nicht kannten?

Daniels Magen zog sich zusammen. Mina war zwei Klassen über ihm gewesen und die Tochter eines koreanischen Managers. Er hatte sie auf dem Schulhof gesehen und war magisch von ihr angezogen. Ein Jahr lang waren sie ein Paar, bis sie eines Tages wieder umziehen musste. Lebte sie jetzt wieder in seiner Stadt?

Er räusperte sich. „Sehr lebendig“, sagte er, und meinte es ehrlich. Aber seine Stimme klang flacher als beabsichtigt.

Yuna sah ihn kurz an – wieder dieser direkte Blick. Er erinnerte sich an Minas Vater. Er war immer wie ein Geschäftsmann gekleidet und lächelte nie. Wenn er in der Nähe war, sprachen alle leise. Irgendwann soll er ein Verhältnis mit einer minderjährigen Angestellten gehabt haben. Es ging damals durch die Presse. Wie hatte Mina ihren Vater empfunden? Hatte sie nach allem, nach dem erneuten Umzug, nach dem Schweigen, der verlorenen Liebe – hatte sie ihr Glück gefunden?

Er wollte Yuna sagen, dass er ihre Mutter kannte. Er hatte es vom ersten Augenblick an gespürt, dass sie ihre Tochter war. Aber er schwieg, wie er es immer tat, wenn ihm eine Antwort Angst machte.

Yuna legte das Manuskript einen Moment auf den Tisch. „Ich lese jetzt die Stelle vor, die mir selbst am wichtigsten ist“, sagte sie, ohne jemanden direkt anzusehen. „Sie ist kurz. Aber sie ist der Grund, warum ich den Roman geschrieben habe.“ Sie räusperte sich und begann:

Ich fragte Hwan einmal, ob er je bereut hatte, gegangen zu sein. Er schwieg lange. Dann sagte er: „Ich bin nicht gegangen. Ich wurde weggeschickt.“

„Von wem? Und warum?“

„Von einem Wort.“

Ich wartete. Er sagte es nicht. Ich wusste, dass manche Wörter ein ganzes Leben in Bewegung setzen können – ohne dass man je darüber spricht.“

Alle im Raum waren still. Jemand hustete. Daniel starrte auf seine Hände. Ein Wort. Er wusste sofort, welches es war. Er hatte es gesagt, vor dreißig Jahren, an einem Nachmittag, auf ihrem letzten Spaziergang. Ein Wort mit einer Silbe. Er hatte es oft bereut.

Yuna sah ihn an. Diesmal länger als sonst. Halbherziger Applaus der Gruppe. Die üblichen Diskussionen über Stil und Inhalt. Sie bedankte sich und packte ihr Manuskript sorgfältig ein, als würde es zerbrechlich sein. Warum hatte niemand gefragt, wie die Geschichte weitergeht?

Daniel wartete.

„Du wolltest noch etwas sagen?“, fragte sie ihn.

„Ich kannte deine Mutter“, sagte er. „Sie war zwei Klassen über mir.“

„Ich weiß.“

„Du weißt es?“ Er schluckte. „Ich habe damals etwas zu ihr gesagt, damals als die Geschichte mit ihrem Vater war. Du kennst sie bestimmt. Ich war siebzehn und dachte, es wäre eine kluge Bemerkung. ‚Geh‘, habe ich gesagt. ‚Du musst deinen Weg allein finden.‘“

Stille.

„Ich habe es sofort bereut. Aber was einmal gesagt ist, kann nicht mehr zurückgeholt werden“, fuhr er fort.

Yuna antwortete nicht gleich. Nach einer Weile sagte sie ruhig: „Es ist dasselbe Wort, derselbe Satz wie in meinem Roman. Meine Mutter hat ihn oft gesagt. Für mich war er eine Ermutigung.“

Daniel schwieg. Er hatte geglaubt, sein Wort habe alles beendet. Aber es hatte etwas in Gang gesetzt. Etwas, das noch nicht zu Ende war. Er dachte daran, wie Sätze wandern – von Mund zu Mund, von Generation zu Generation. Wie sie ihre Kreise ziehen und ihre Bedeutung verändern. 

„Geht es ihr gut?“, fragte er leise.

„Ja. Sehr gut.“ Sie nahm ihre Tasche.

„Wie kamst du darauf, diesen Satz als Dreh- und Angelpunkt in deinem Roman zu benützen?“

„Er berührt etwas in mir. Dem habe ich nachgegeben.“

Daniel beobachtete sie beim Zusammenpacken. „Kommst du wieder?“, fragte er.

„Natürlich. Es wird noch spannend.“

Als sie gegangen war, blieb Daniel sitzen. Ein Wort, vor dreißig Jahren ausgesprochen, war um die Welt gewandert. Und als es wieder zu ihm zurückkam, verstand er, dass es nie ein Ende gewesen war.


(c) Margit Thürauf – aus: Signora Leggerezza