Die kleine Lampe über der Tür warf ein gedämpftes Licht in den Raum. Das Zimmer roch nach Desinfektionsmittel und Lavendel. Der Monitor neben dem Bett zeigte ruhige Kurven. Vor Antonia lag ihr Mann Karl.
Seit acht Jahren waren sie verheiratet. Seine kraftvolle Stimme hatte sie sofort verzaubert. Nun war seine Stimme kaum mehr als ein Hauch.
Sie hatte die Nachtwache freiwillig übernommen. Offiziell war ihre reguläre Schicht vorbei. Die Stationsleitung hatte gezögert und sie gefragt: „Willst du dich nicht lieber ausruhen?“
Antonia hatte den Kopf geschüttelt. Nein. Es musste sein. Sie prüfte die Infusion. Legte zwei Finger an sein Handgelenk. Sie wusste, worauf sie achten musste. Sie kannte die Anzeichen und die Vorboten der Gefahren.
Vorbereitet sein war für sie wichtig. Sie wollte immer vorbereitet sein. Als Kind hatte sie nachts oft wachgelegen und den Geräuschen im Haus gelauscht. Ein Knacken konnten die Vorzeichen eines Feuers sein. Sie wusste wie viele Schritte es von ihrem Zimmer zum Ausgang waren. Gedanklich hatte sie geplant, wer von ihrer Familie zuerst hinaus musste. Noch heute studierte sie in jedem Hotel die Fluchtwege. Vorbereitet sein, hieß sicher zu sein. Sicher sein hieß: Sich auf sich selbst verlassen.
„Schlaf Liebster. Es ist alles gut. Ich bleibe bei dir“, sagte sie.
Sie erinnerte sich an die Zeit, als sie in ihre erste gemeinsame Wohnung gezogen waren. Karl hatte den Möbelwagen gefahren, die Helfer eingeteilt, verlor nicht den Überblick. Er brauchte keine Hilfe. Aber sie wollte den Ton angeben.
„Du kannst mich auch mal machen lassen“, hatte Karl gesagt, als sie ihm einen Schraubenzieher aus der Hand nahm.
„Ich kann das schneller“, hatte Antonia erwidert.
„Oder nur selbst.“
Diesen Satz hatte sie nie vergessen.
Sie wollte ihm ja vertrauen. Aber jedes Mal, wenn sie beschloss, es nun wirklich zu tun, spannte sich etwas in ihr an. Vertrauen ließ sich nicht beschließen. Es entzog sich ihrer Anstrengung und es kam auch nicht durch Mut. Es kam durch loslassen – nur fühlte sich das an wie aufgeben. Mit Karl hatte sie gelernt, dass es möglich war, sich auf einen Menschen zu verlassen, ohne abhängig zu werden. Sie musste nicht aufhören zu denken, aber sie musste auch nicht alles allein zu Ende denken.
Im Zimmer piepte nichts. Ihr Kopf arbeitete. Was, wenn die Atmung aussetzte? Wie schnell wäre sie? Wo war der Rufknopf? Sie kannte die Leitlinien. Sie wusste, wie man interveniert. Das war Umsicht.
Es war schwer für sie gewesen, ihre Selbstständigkeit aufzugeben. Nach und nach griff sie nicht mehr sofort ein, wenn eine Sache eine Wendung nahm, die sie nicht wollte. Es kam ihr vor wie Kontrollverlust und wie Abhängigkeit. Wenn er einen Schrank aufbaute, versuchte sie nicht sofort zu optimieren. Sobald es eng wurde, griff sie ein. Bei Karl gelang es ihr nach und nach besser – aber irgendwann merkte sie, dass ihr Leben zweigeteilt war. Das Weltliche steuerte sie, das Seelische delegierte sie an etwas Unbenanntes. Sie glaubte nicht an einen Gott, eher an eine Instanz, die sie nicht kontrollieren konnte und irgendwie auch nicht kontrollieren wollte. Die Liebe war eine seiner Gestalten.
Sie sah auf Karls Hände mit den Kanülen und den blauen Adern. Diese Hände hatten sie liebkost, sie gehalten, ihr Hilfe angeboten.
Unter ihrem Wunsch zu steuern, lag etwas anderes: Angst. Nicht mehr die Angst vor Feuer – die Angst vor Fehlern, davor, dass alles ganz schlimm ausgehen würde, wenn sie nichts tat.
Im Augenblick konnte sie nichts tun.
Karl atmete zögernd ein. Die Pause danach war länger als zuvor. Antonia merkt, wie ihr eigener Atem flacher wurde. Ihr Blick ging zum Monitor. Die Linie blieb ruhig. Ihre Hand hob sich automatisch. Sie wollte nachjustieren. Dann legte sie ihre Hand auf seine.
„Ich bin da“, sagte sie leise.
Der Satz war keine Zusicherung, dass alles gut wird. Vielleicht war es ein Stabilisieren. Ein Aufhören zu Kämpfen. Es ging im Moment nicht um Rettung. Es ging um Aushalten.
Sie hatte ihr Leben lang geglaubt, dass genug Wille und genug Planung den Ausschlag geben und dass man das Entscheidende nicht dem Ungewissen überlassen darf. Aber sie wusste auch, dass dann, wenn es eng wird, das Annehmen und Geschehen lassen wichtig sind.
Eines Abends war sie allein im Wohnzimmer gewesen. Karl war unterwegs. Er wollte längst zurück sein. Draußen regnete es, gleichmäßiges, beharrliches Regentropfenfallen auf das Fensterbrett. Sie hatte lange gearbeitet, eingekauft, gegessen. Mehr war nicht. Es war nichts Besonderes. Keine Krise, kein Problem. Und doch spürte sie etwas Neues, so als würde sie getragen. Sie betrachtete den Raum, sah den runden Esstisch mit den Blumen darauf und dem weichen Teppich darunter. Alles war wie immer und gleichzeitig war alles anders. Sie versuchte nicht, diesen Zustand festzuhalten, das wäre wieder Kontrolle gewesen. Sie nahm nur genau wahr. Jetzt gerade ist alles gut, dachte sie.
Der Gedanke fühlte sich an, als könnte es ab jetzt immer so sein. Sie wartete auf einen Einwand. Es kam kein „Aber“. Das Gefühl breitete sich aus, ganz unspektakulär, verlässlich wie Karl. In diesem Moment verstand sie, dass Vertrauen nichts war, das man in die Zukunft projizierte. Es war nicht die Hoffnung auf bessere Zeiten. Es war eine Erfahrung im Jetzt.
Sie stand auf. Auch jetzt regnete es draußen. Der Asphalt glänzte. Ein Auto fuhr vorbei. Ansonsten war alles still. Kein Notfall. In der Natur spürte sie Verlässlichkeit schier körperlich – auch wenn der Wind drehte oder das Wetter jederzeit anders sein konnte. Es hatte sich bisher alles gefügt. Nicht so, wie sie es geplant hatte, aber stimmig. Oft sogar besser als gedacht. Sie konnte vertrauen, dass alles gut ist, wie es ist.
Damals hatte es nicht lange gedauert, bis ihre Zweifel wieder zurückkamen. Noch am selben Abend hatte sie sich eine Liste für den nächsten Tag gemacht und wieder alles vorausgeplant. Und trotzdem blieb etwas. Es nistete sich etwas ein, das Gewicht hatte.
Antonia legte sich auf das freie Bett neben Karl. Sie musste nicht mehr verhindern, was geschah. Jetzt gerade ist alles gut, dachte sie. Zum ersten Mal schlief sie ein, ohne Fluchtwege zu entwerfen.
(c) Margit Thürauf – aus: Signora Leggerezza