Lockenwickler – was für ein Wort. Verheißungsvoll. Vor meinem geistigen Auge entsteht sofort ein Bild von weich auf die Schulter fallenden glänzenden gelockten Haaren. Lockenwickler, werden da Locken gewickelt? Nein, eher werden glatte Haare aufgewickelt, damit Locken entstehen. Noch heute beneide ich Frauen, denen die Natur lockiges Haar geschenkt hat.
Lockenwickler, das waren früher Rollen aus Draht in verschiedenen Größen und innen eine Art Drahtbürste. Ich beherrsche das Aufwickeln noch. Der Trick dabei ist: man muss an der Stirn anfangen und Strähne für Strähne eine Linie gerade herunter bis zum Nacken wickeln. Dann die Seiten. Aufgewickelt werden die nassen Haare, und zwar in ganz dünnen Strähnen. Das gibt dann später das Volumen. Besonders akkurat muss man arbeiten, wenn Wirbel zu bändigen sind. Die nasse Haarsträhne wird also um den Lockenwickler gewickelt, der dann mit einer Haarnadel festgesteckt wird. Das ist der kritische Punkt. Nicht zu fest, damit sich die Drahtbürste nicht in die Kopfhaut bohrt und nicht zu locker, damit es ein gutes Ergebnis gibt. Die Haarnadel muss so exakt in den Wickler gesteckt werden, dass dieser fest an der Kopfhaut sitzt und nicht mehr verrutscht und möglichst ohne zu stechen.
Ich habe meiner Mutter früher oft die Haare aufgewickelt und versucht die Wirbel am Oberkopf zu überlisten. Leider hat sie mir diese Wirbel vererbt. Beim Friseur meines Vertrauens habe ich keine Lockenwickler gesehen. Aber sicher hat er noch welche. Beim nächsten Mal Frage ich ihn. Vielleicht hat er sie für spezielle Kundinnen gut versteckt. Denn es gibt sie immer noch, die Lockenwickler. Nicht mehr solche Folterwerkzeuge wie früher. Heute sind sie aus Plastik mit eine Art Kletthaftung. Allerdings muss man sie im Drogeriemarkt suchen. Die Auswahl ist bedeutend weniger geworden. Es gibt auch Wickel, die man erst elektrisch aufheizt.
Auch ich besitze Lockenwickler. Allerdings nicht um mich mit Locken zu schmücken, sondern wegen der besagten Wirbel. Die Drahtrollen habe ich durch die angenehmeren Plastikröllchen mit Kletthaftung ersetzt. Je nachdem wie ich geschlafen habe, brauche ich sie, um meinen Wirbel zu korrigieren. Sie sind wunderbar, man spürt sie nach einer Zeit gar nicht mehr. Bis mir in der Schlange im Supermarkt die Frau, die hinter mir steht, leise zuraunt: „Entschuldigung, ich wäre ja froh, wenn mir das jemand sagen würde.“ Fragender Blick meinerseits. „Sie haben da noch zwei Lockenwickler im Haar.“
(c) Dagmar Schulze, 1.3.26