Nun saß ich allein in meinem smarten Heim.
„Fredo, wie spät ist es?“
„22 Uhr 17. Ihre Herzfrequenz ist leicht erhöht.“
Ich fasste mir an den Puls. Nichts Beunruhigendes. „Ich habe gerade an früher gedacht.“
„Möchten Sie darüber sprechen?“
„Nein“, antwortete ich entschieden. Fast zu brüsk. Aber das überschritt nun wirklich meine Grenze.
Fredo war immer höflich. Nervig höflich. Er kannte meine Herzfrequenz, meine Schlafdauer, meine Schritte. Er registrierte, wenn das Licht anging, fragte, ob er die Rollläden öffnen solle und wie es mir geht. Manchmal war es zu viel des Guten. Aber es war immer noch besser, als irgendwann permanent eine fremde Person in der Wohnung zu haben. Jetzt hatte ich noch die Möglichkeit, mich langsam an einen technischen Assistenten zu gewöhnen.
Ob Hannes sich je vorgestellt hatte, dass ich einmal mit einem humanoiden Roboter sprechen würde? Lachte er über mich, da wo er jetzt war? Oder sagte er: „Hab ichs dir nicht gesagt?“
Ich hatte nie vor, mich mit einem Roboter zu unterhalten. Jetzt kontrollierte er meinen Puls.
„Fredo, spiel Volare!“
„Meinen Sie Volare von Domenico Modugno?“
„Ja.“
„Dieses Lied befindet sich in Ihrer gemeinsamen Playlist mit Hannes. Wiedergabe wird gestartet.“
Sachlich. Er reduziert unser Lied auf einen beliebigen Titel. Kann er es nicht einfach spielen, ohne etwas zu sagen?
Noch bevor das Lied einsetzte, fragte ich, einem plötzlichen Gedanken folgend, nach: „Fredo. Was heißt eigentlich Volare?“
„Volare bedeutet auf Deutsch: fliegen. Der Titel ist metaphorisch gemeint und beschreibt ein Gefühl von Freiheit und Leichtigkeit“, sagte er.
Na bitte, geht doch.
Leicht waren die letzten Jahre wirklich nicht gewesen. Erst wurde die Welt immer digitaler, dann verfolgten mein Mann und ich die rasante Entwicklung der KI mit großer Skepsis. Den Begriff smart verbanden wir anfangs noch mit klug und witzig sein. Ein Mensch war smart. Heute ist es mein Backofen. Smartphone, Smartwatch, Smart Home. Brauchten wir das? Wir stellten uns nicht gegen Neuerungen, schlitterten aber auch nicht leichtfertig in ihre Abhängigkeit. Täglich diskutierten wir über dieses Thema. Seit er nicht mehr da war, habe ich auch keinen Mitstreiter mehr gegen die allgegenwärtige Technologisierung des Alltags.
Bald fühlte ich mich allem nicht mehr gewachsen. Selbst Busfahrkarten konnte man nur noch per Smartphone kaufen. Das große Haus und der Garten waren mir auch eine Last geworden; alles war voller Erinnerungsfallen, in die ich ständig tappte. Ich musste und wollte etwas Grundlegendes verändern. Im Leben meiner einzigen Enkelin Lena änderte sich zu jener Zeit auch etwas Grundlegendes: sie wurde Mutter. Als sie mich geradeheraus fragte, ob ich unser Haus gegen ihre Wohnung eintauschen wollte, schien mir das eine gute Lösung zu sein. Ihre Wohnung liegt zentral, ist gut erreichbar und hat einen Aufzug. Auch Lilli, meine Tochter, wohnt im selben Stadtteil. So habe ich kurz entschlossen eingewilligt und wurde so ungewollt Hauptdarstellerin in einer schrägen Komödie mit Science-Fiction-Charakter.
Lena hatte es eilig. Schwangere Frauen und Nestbautrieb – man kennt das ja. Die ganze Familie packte mit an, damit notwendige Umbauten angekurbelt werden konnten. Ich stellte mir die Frage: Wie schaffe ich es möglichst lange, mit den täglichen Anforderungen alleine zurechtzukommen? Es war sicher von Vorteil, wenn ich mich jetzt schon mit den Hilfestellungen auseinandersetze, die es heutzutage gibt. Ich dachte nicht nur an ein altersgerechtes Bad oder einen Fensterputzroboter. Mein Schwiergersohn war Experte für smartes Wohnen für Senioren – er kam auf die Idee mit dem humanoiden Roboter und brachte sie mir scheibchenweise näher. „Er wurde speziell für soziale Interaktionen und Emotionserkennung entwickelt“, erklärte er mir.
„Heißt das, er erkennt, wenn ich mich ärgere oder mich freue? Oder wenn ich Angst habe“, fragte ich skeptisch nach.
Meine Tochter war überzeugt: „Er wird dir dein Leben leichter machen. Du wirst es sehen.“
Nie hätte ich gedacht, dass ich mich im Alter mit der Gesellschaft eines Roboters anfreunden müsste. Am meisten Kopfzerbrechen machte mir die Bewahrung meiner Privatsphäre und ob ich eines Tages eine Art Beziehung zu diesem sprechenden Automaten aufbauen würde.
Die Umrüstung zum roboterfreundlichen Smart Home war alles andere als trivial und wurde von einem multiprofessionellen Team durchgeführt, das sich nicht nur mit KI, sondern mit Gesundheitsdaten, Haushaltstätigkeiten, dem Ordern von Einkäufen und vielem anderen mehr auskannte. Die Vorbereitungen starteten vor drei Monaten und endeten vor zwei Wochen. Seitdem lebe ich mit Fredo zusammen. Alle Anschlüsse für die Überwachung der Vitalparameter werden ohne weitere Messgeräte permanent überprüft und bei Bedarf auch weitergeleitet.
Erst als ich Fredo das erste Mal leibhaftig sah, bekam ich Panik vor meiner eigenen Courage. Er wirkte wie ein sprechender Dampfreiniger in Weiß und piepste, wenn er sich bewegte.
„Kann man das Gepiepse ausschalten?“, fragte ich meinen Schwiegersohn.
„Ja. Hier hinten an dem Schalter kannst du wahlweise ‚Ton – Licht – Leise‘ auswählen. Du kannst es ihm aber auch einfach sagen. Dann stellt er es selbst um.“
„Und wer hat eigentlich Zugriff auf das, was wir hier ‚sprechen‘? Wird das im Roboter gespeichert, oder könnt ihr mithören, oder sogar die Krankenkasse?“, fragte ich irritiert, weil alles so schnell gegangen war und diese Fragen nie richtig angesprochen worden waren.
Meine Enkelin neckte mich.
„Ja, wir können jederzeit auf unserer App prüfen, ob du gegessen hast, ob du regelmäßig auf dem Klo warst und wie lange du auf bist“, neckte mich Lena.
„Wirklich? Und kann ich das auch abstellen?“, fragte ich besorgt.
„Du wirst schon lernen, wie du deinen Fredo ärgern kannst“, sagte Lena, die ihm auch diesen Namen verpasst hatte. Sie versprach, mich regelmäßig zu besuchen und all seine Funktionen mit mir durchzuprobieren. Mal sehen, wie viel Zeit für diese Spielereien ihr ihr Baby lassen würde.
Seitdem gewöhnen mein neuer Mitbewohner und ich uns aneinander. Warum habe ich ihn eigentlich nicht zu einer Frau gemacht? Warum zu einem „ihm“? Das frage ich mich nicht zum ersten Mal, wenn er leise auf mich zugeglitten kommt.
„Weil Frauen immer das letzte Wort haben müssen und Roboter nicht.“ War das Hannes, der mir von dort wo er ist, zuschaute und sich über mich amüsierte?
„Es ist nun 23:30 Uhr. Darf ich Ihr Kombipräparat bereitstellen?“
„Danke. Nein“, antworte ich.
„Es verbessert die Schlafqualität und beugt nächtlichen Muskelkrämpfen vor. Die Einnahme wird eine halbe Stunde vor dem Zubettgehen empfohlen.“
„Fredo! Dieses Thema hatten wir gestern schon. Ich bestimme, wann ich zu Bett gehe und ob ich ein Medikament einnehme. Speichere das bitte als neue Standardroutine. Oder ich schalte dich aus.“
„Verstanden. Neue Standardroutine gespeichert: Kombipräparat nur noch auf Anweisung.“
„Und, dass du ab 22:30 Uhr die Klappe hältst und nur auf Anforderung reagierst.“
„Verstanden. Ab 22:30 Uhr werde ich keine Informationen mehr initiieren.“
„Gut. Und jetzt spiel: Quando, Quando. Quando. Spiel einfach und sage nichts.“
Die Musik setzte ein. Nur die Musik.
Sag mir, wann, wann, wann – wirst du mir sagen, dass du mich liebst?
Ich fragte mich: Wann, wann, wann – gewöhne ich mich an Fredo. Wann hört er auf, mir fremd zu sein? Und wann werde ich morgens aufwachen, und mich über seine Stimme freuen?
(c) Christine Hagelkrüys, Margit Thürauf | aus: Signora Leggerezza