Sie fuhr morgens um halb sieben mit der S-Bahn. Die meisten Sitzplätze waren belegt. Die Märzsonne machte Lust auf Frühling, doch im Waggon war es kalt. Vor einer Woche hatte sie noch Schnee geschaufelt, weil das Schild Hausordnung an ihrer Türklinke gehangen hatte. Natalie Kolb interessierte sich weder für das, was sie draußen sah, noch für die auf ihr Handy blickenden, dunkel gekleideten Gestalten um sie herum, auch nicht für ihren knurrenden Magen oder die Gedanken an den Kaffee, den sie sich am Ausgang der S-Bahn-Station kaufen würde. Sie arbeitete nun schon fünfzehn Jahre in einem Reisebüro und obwohl ihr Chef das nicht gerne sah, begann sie regelmäßig zwei Stunden bevor das Geschäft geöffnet wurde, damit sie alle liegengebliebenen Fälle vom Vortag in Ruhe bearbeiten konnte. Es war nicht ihre Sache, ob ihre Kollegin während des Hochbetriebs zwischen 16 und 18 Uhr allein im Laden war. Sie wollte nur eines: So schnell wie möglich wieder nach Hause gehen.
Es schien ihr, als würde sie seit hundert Jahren mit der Bahn zur Arbeit fahren und als hätte sich in all der Zeit weder draußen noch drinnen etwas geändert. Es würde so weitergehen. Wenn nicht nun doch die Zeit der Reisebüros endgültig der Vergangenheit angehören würde.
Sie vermied es an die Zeit vor diesem Job zu denken, das war alles nicht mehr wichtig. Manchmal ließen die Gedanken sich nicht verdrängen. Sie hatte ein Café betrieben und von diesem Leben war ihr vor allem die viele Arbeit an sieben Tagen die Woche in Erinnerung geblieben, genauso wie die hohe Miete für den Laden und die Vorauszahlungen an das Finanzamt, die ihr irgendwann über den Kopf gewachsen waren. Jeden Tag fuhr sie auf dem Weg zur Arbeit an ihrem ehemaligen Café vorbei. Es hing noch ihr Schild über dem Eingang, aber es war ausgeblichen. Der Laden stand wieder einmal leer. So wie der Laden links und der rechts daneben.
Als sie ihren morgendlichen Kaffee holte, sagte die Verkäuferin zu ihr:
„Unser Geschäft schließt ab nächsten Monat. Ich weiß noch nicht, ob eine andere Bäckerei übernimmt.“
„Seit wann wissen sie das?“
„Sie haben uns gestern informiert und gleich Zettel mitgebracht, die wir überall aufhängen sollten.“
Natalie Kolb drehte sich um und sah zwei neue weiße Aushänge von hinten, einer an der Eingangstüre und einer im Schaufenster.
„Ich habe noch Resturlaub. Ich bin ab morgen nicht mehr da.“
„Ich hoffe, Sie finden bald eine gute neue Stelle.“
„Ich möchte gerne etwas anderes machen, nichts mit Menschen. Aber ich weiß nicht was“, sagte die Verkäuferin und wendete sich dem nächsten Kunden zu.
Natalie Kolb ging schweigend die letzten Schritte zu ihrem Reisebüro. Sie dachte an die Zeit, als sie eine neue Arbeit gesucht hatte und es dabei dem Zufall überlassen hatte, welche es werden würde. Gerade als ihr durch den Kopf ging, wie sie das erste Mal ihrem Chef Egon Falter gegenübergestanden hatte, überholte sie ein Fahrrad. Es war der Besitzer vom Kiosk an der nächsten Kreuzung, bei dem sie wohl zukünftig ihren Kaffee holen würde. Er hatte sich vor ein paar Tagen über Einreisebedingungen nach Kolumbien erkundigt.
Als sie das Reisebüro aufschließen wollte, war die Tür bereits nicht mehr versperrt. Im Nebenraum hörte sie Geräusche. Falter war wohl bereits da, ein kleiner, dürrer Mann um die 70, der immer die Türe zu seinem Zimmer offenstehen ließ, damit er alles mitbekam, was im Laden vor sich ging. Den ganzen Tag über zeigte er sich nicht und wenn sie einmal an seiner Türe klopfte, um sich zur Mittagspause abzumelden oder bevor sie nach Hause ging, starrte er immer auf seinen Monitor und verglich Verkaufszahlen. Natalie war es gewohnt, dass er erst lange nach ihr kam und dann ihr und ihrer Kollegin mechanisch einen guten Morgen wünschte, aber heute hing sie ihren Mantel auf, schaltete ihren Computer ein und ging dann zum Zimmer ihres Chefs.
„Guten Morgen Herr Falter, schon so früh heute?“
„Ich bin nur kurz da, ich muss zum Arzt. Danach komme ich nicht mehr zurück. Können Sie bitte ausnahmsweise bis 18 Uhr bleiben?“
„So kurzfristig geht das leider nicht“, antwortete Natalie Kolb und ging zurück zu ihrem Schreibtisch. Den Arzttermin hatte er bestimmt nicht erst an diesem Morgen erfahren.
Am Fahrradständer vor dem Schaufenster machte sich ihre Kollegin Anastasia zu schaffen. Warum waren heute alle so früh dran? Ihr Fahrradhelm schlug gegen die Glastüre und fiel ihr aus der Hand, als sie ihn an den Kleiderständer hängen wollte.
„Ich habe einen Notfall zuhause. Abfluss verstopft. Ich muss zwischendrin mal heimfahren, wenn der Handwerker kommt. Wenn hoffentlich heute einer kommt“, waren ihre ersten Worte.
Natalie Kolb zeigte mit dem Kopf auf die offene Tür des Zimmers ihres Chefs. Bevor Anastasia etwas sagen konnte, trat Herr Falter in den Raum, schloss seine Türe hinter sich ab und sagte:
„Ich komme heute nicht mehr.“
Natalie Kolb musste an die Verkäuferin denken, die heute ihren letzten Arbeitstag hatte. Einmal hatte sie erzählt, dass sie ein paar Semester Philosophie studiert hatte und seitdem für Miete und Leben in der Bäckerei arbeitete. Besser hätte sie als Putzfrau gearbeitet, da bekam man mehr Lohn und hatte nichts mit Leuten zu tun.
Anastasia fragte: „Meinst du, ich kann trotzdem heute zwischendurch mal nach Hause?“
„Was sein muss, muss sein. Das gilt bei jedem“, antwortete Natalie Kolb, die als Ältere die Verantwortung übernahm.
Er ist wirklich schon alt, dachte sie über Falter. Draußen hatte sich der Himmel zugezogen, es sah nach Regen aus. Lange dauerte es nicht mehr, dann würden die ersten Leute ihren Regenschirm aufspannen. Nicht gerade das Wetter, bei dem man eine Kreuzfahrt bucht. Oder gerade deshalb, man konnte es nie prophezeien.
Anastastia erzählte die Geschichte ihrer Verstopfung. Natalie Kolb war es unbegreiflich, wie sie es schaffte, trotz ihrer zwei kleinen Kinder den ganzen Tag über, plus samstags, hier zu arbeiten. Sie konnte so gut mit Kindern umgehen. Was zum Teufel machte sie hier?„Wenn es zu lange dauert und du danach auch nicht mehr zurückkommen kannst, dann schließen wir eben heute eher zu. ‚Wegen Krankheit geschlossen.‘ Und morgen Früh nehme ich den Zettel dann wieder von der Tür.“
Ungläubig schaute Anastasia zur Türe, so als ob der Zettel bereits dort hängen würde.
In der Mittagspause hatte Anastasia immer noch keinen Installateur gefunden und Natalie Kolb ging zum Kiosk, um ein Marillenhörnchen zu essen und einen Espresso dazu zu trinken. Das könnte bald ihr tägliches Frühstück sein. Der Besitzer war nicht mehr da, nur eine Angestellte.
„Neu hier?“, fragte sie Natalja Kolb. „Unsere Marillenhörnchen sind Legende!“, und schob einen Teller mit einer weißen Serviette, einem Hörnchen und etwas frisch darüber gestreutem Puderzucker auf Natalie Kolb zu.
„Nein. Ich komme jetzt bestimmt öfter. Die Bäckerei an der S-Bahn-Station schließt.“
„Das habe ich schon gehört. Das Marillenhörnchen ist der Beweis: Es kommt was Besseres nach.“
„Du glaubst es nicht! Ich habe tatsächlich einen Installateur gefunden, der heute noch kommen kann. Aber ich muss dann leider wirklich gehen. Das Wasser steht in der Küche und im Bad“, überfiel sie Anastasia nach ihrer Rückkehr.
„Willst du bei diesem Wetter mit dem Fahrrad fahren?“, fragte Natalie Kolb ihre Kollegin.
„Ich habe ja nicht weit und kann mich zuhause gleich umziehen.“
„Besser du bleibst danach zuhause. Bei diesem Wetter kommt eh niemand.“
Anastasia fuhr ihren Computer herunter und machte sie auf, um zu gehen. Natalie Kolb sagte:
„Im Kiosk vorne haben zwei Frauen an einem Stehtisch erzählt, dass ihr Kindergarten dringend Erzieherinnen sucht und dass es einen Seiteneinstieg über einen Lehrgang gibt, der voll bezahlt wird. Sie haben auch gesagt, was man dort verdient. Es ist mehr als bei uns.“
Anastasia schaute sie fragend an.
„Ich muss dringend los“, sagte sie.
Neben Anastasia wirkte Natalie Kolb grau, alt und bitter. Sie hatte keine Kinder, hatte nie welche gewollt, hatte keinen Partner, hätte einerseits gerne einen gehabt und andererseits auch wieder nicht. Vor ihrem Café lebte sie mit einem Mann zusammen, aber er wollte, dass sie jedes Wochenende frei hat und brach die Beziehung ab. Ihr Traum war ihr wichtiger gewesen als er. Ihm hatte ihr Traum nichts bedeutet.
Als sie ihr Café eröffnete, dachte sie: Wenn es nichts wird, habe ich es wenigstens probiert. Als sie ihr Café schloss und noch sechs Monate lang die Miete zahlen musste, dachte sie, dass ganz viele Leute mitverdienen wollen, ohne irgendetwas Wertschöpfendes beizutragen und nannte sie „Die Geier“. Sie war morgens um halb sieben mit derselben S-Bahn gefahren wie heute und abends um 10 Uhr wieder nach Hause. Danach musste sie noch zwei Kuchen backen. Als ihr Freund einmal eine Mohn-Birnen-Torte zur Hälfte seinem Kater überließ, beschloss sie nicht nein zu sagen, wenn er ausziehen wollte. Seinen Kater musste er mitnehmen. In ihrer Vorstellung hätte er sie abends nach seiner Arbeit besucht, ihr beim Aufräumen geholfen und anschließend mit ihr gemeinsam auf dem Sofa einen Film angesehen, während aus der Küche der Backduft zu ihnen herübergezogen wäre. Sie hätte ihm immer das erste Stück gegeben.
Zwei Monate später war sie wieder auf dem Weg ins Reisebüro und vor ihr schob ein Mann sein Fahrrad auf dem Gehweg. Es war der Besitzer vom Kiosk an der nächsten Kreuzung, bei dem sie seit Wochen ihren Morgenkaffee trank. Er war vor ein paar Tagen erneut wegen der Einreisebestimmungen nach Kolumbien im Laden gewesen und hatte sich noch einmal als Kioskbesitzer vorgestellt, so wie schon bei seinem Besuch vor ein paar Wochen.
„Hallo“, sagte sie. „Sie haben wirklich die besten Marillenhörnchen in der Stadt. Ich kann das beurteilen, denn ich hatte selbst einmal ein Café“, sagte sie mutig zu ihm. „Bei mir gab es die besten Zimtschnecken und jeden Tag eine warme Suppe und ich hatte den besten Kaffee der Stadt.“
Er reagierte erst gar nicht, fühlte sich wohl nicht angesprochen.
“Wenn Sie gerade Unterstützung brauchen: Ich würde das sehr gerne wieder machen“, fügte sie noch hinzu.
Jetzt erst schaute er sie von oben bis unten an. Er erkannte sie nicht.
„Ich beschäftige nur Studentinnen. Die sind schnell und außerdem freundlich zu den Leuten. Ich suche keine leidenschaftliche Bäckerin“ und stieg auf sein Fahrrad. Es waren nur noch hundert Meter bis zu seinem Kiosk.
An der Ladentüre hing seit Tagen ein Zettel. Die weiße Rückseite wies nach außen, so dass die Leute erst im Hinausgehen den Text lesen konnten: „Wir schließen zum Monatsende und bedanken uns bei unseren Kundinnen und Kunden für das langjährige Vertrauen“, stand darauf. Natalie Kolb hielt bis zum Ende die Stellung. Anastasia hatte bereits ihren Resturlaub angetreten, damit sie den Umschulungslehrgang rechtzeitig antreten konnte und Herr Falter war im Krankenstand. Sie trank voller Behagen einen Kaffee aus der Maschine in Falters Büro und packte eine Zimtschnecke aus ihrem Rucksack aus. In Skandinavien hatte jede Bäckerei ein eigenes Geheimrezept. Ihr Grundrezept war von dort und sie hatte es nach und nach verfeinert. Backen war ihre Passion. Aber beruflich wollte sie nie wieder backen. Es war schön, wenn man etwas konnte, dass man nicht kommerziell ausschlachtete.
Am letzten Tag kam Frau Falter, um sich von Natalie Kolb den Schlüssel geben zu lassen. „Der Laden war immer der Traum meines Mannes. Er hat sich hier immer sehr wohl gefühlt und ist jeden Tag gerne auf die Arbeit gegangen“, sagte sie.
Natalie Kolb dachte an den mürrischen Blick, mit dem Herr Falter jeden Morgen ins Geschäft gekommen war. Der Laden war lange nicht mehr sein Traum. Als die Leute anfingen, ihre Reisen mit dem Internet zu buchen, hatte er verkleinert und als Anastasia ging, hätte er sie nie ersetzt, auch wenn er nicht krank geworden wäre. Inzwischen ließen sich die Leute über KI-Agenten ihre Reise ausarbeiten und kamen nur noch, wenn sie sich absichern wollten. Natalie Kolb stellte sich vor, wie Herr Falter nach seiner Genesung jeden Tag weiterhin in sein Büro gehen würde, die Türe offenstehen ließ und darauf lauschte, was sich im Vorraum tat. Es würde nichts geschehen. Vielleicht würde sich sehr selten jemand nach Einreiseformalitäten nach Kolumbien erkundigen und Falter würde auf seine Erinnerung von vor sehr langen Zeiten zurückgreifen und bereitwillig Auskunft geben. Und wenn er am späten Abend nach Hause ginge, läse er auf dem Zettel an der Tür
„Wir schließen zum Monatsende und bedanken uns bei unseren Kundinnen und Kunden für das langjährige Vertrauen.“
Als Frau Falter und Natalie Kolb bereits draußen vor der Ladentüre standen und Frau Falter abgeschlossen hatte, sagte sie: „Ich bedanke mich bei Ihnen für die langjährige gute Zusammenarbeit.“ Mit ihr hatte Natalie Kolb nie eine Minute zusammengearbeitet.
Es war ein milder Frühlingsabend. Eine Dreijährige und ein Fünfjähriger fuhren mit ihren Rollern auf dem Gehweg und ihre Oma kam kaum hinterher. Natalie Kolb erinnerte sich an eine Pizzeria mit Garten, die nicht weit von ihr entfernt war. Erst wollte sie nach Hause gehen und sich umziehen und sich dann zur Feier des Tages ein Glas Chianti und eine Lasagne gönnen. Morgen konnte sie in Ruhe ausschlafen.
(c) Margit Thürauf