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Gottesteilchen

Der Sommer war endlich da! Viola war voller Vorfreude auf das Schwimmen im Waldteich. Eigentlich war es ein Fischteich und Schwimmen darin verboten. Doch sie war wie immer vorsichtig und sah sich vor dem Eintauchen in das erfrischende Nass gründlich um. Kein Fischer oder auch Spaziergänger war in der Nähe.

Das Wasser war smaragdgrün, die Bäume am Uferrand spiegelten sich in der Wasseroberfläche. Sie schwamm genussvoll bis in die Mitte des Teiches. Auf dem Wasser tanzten Glitzerfunken. Die Stille, das Wohlgefühl der Gewichtslosigkeit und diese zauberhafte Feenwelt rund um sie, schälten das Wort Gottesteilchen aus den Tiefen ihres Erinnerungszentrums.

Es war plötzlich in ihrem Mund, vollführte ein paar prickelnde Pirouetten auf der Zunge und durch ihren Mund entschlüpfte ein laut ausgesprochenes: „Gottesteilchen“. Sie erschauderte und Gänsehaut überzog ihren Körper – ob aus Kälte oder aus Ergriffenheit – war ihr nicht ganz klar. Sie schwamm ans Ufer, setzte sich auf einen großen flachen Stein und ließ sich von der Sonne aufwärmen. Es war ihr Lieblingsplatz. Um sie herum Bäume, Wasser, Vogelgezwitscher und freundliches Insektengesumme.

Das Wort Gottesteilchen war ihr nicht zufällig in den Sinn gekommen.Sie hatte es gestern in der Zeitung gelesen und umgehend packte sie die Poesie dieses Wortes. Eigentlich beschrieb es ein Elementarteilchen mit Materie und viel mehr hatte sie sich nicht gemerkt: doch auf eine sinnliche und spirituelle Weise erlebte sie die Bedeutung gerade. Für sie war es so etwas wie der göttliche Funke in jeder Zelle.

Sie war schon fast trocken und breitete deshalb ihre Decke auf einem grasigen Schattenplatz aus. Entspannt legte sie sich auf den Rücken und schaute in die Baumkronen um sie herum. Ihr war, als ob die Äste den Himmel kitzeln wollten.

Als Biologin wusste sie, dass Stamm, Krone und Blätter lange nicht alles sind, was einen Baum ausmacht. Es gab auch noch das mächtige Wurzelgeflecht und das unterirdische Myzel des Waldes, das wie ein Waldinternet funktionierte. Und zusätzlich gab es noch die überirdischen Botenstoffe, die sogenannten Terpene. In der Natur gab es immer mehrere Wege des Austausches und der Verbundenheit.

Durch ihren Beruf war sie es gewohnt, Details zu erfassen und trotzdem den Bezug zum gesamten Ökosystem nicht aus den Augen zu verlieren. Das feine Zusammenspiel bewunderte sie immer mehr, je tiefer sie in die einzelnen Geheimnisse vordrang. Es gab einen Blick darauf, bei dem sich die Magie der Einheit verflüchtigte und einen, bei dem sich durch die Betrachtung der Details im Kleinen das Große spiegelte.

Mit geschlossenen Augen tauchte sie bewusst wieder in die Atmosphäre des Waldes ein. In Japan war die Tradition einer harmonischen Verbindung zwischen Menschen und Natur tief im Denken verankert. Vielleicht hatten dortige Wissenschaftler deshalb in den 1980er Jahren die wohltuende Wirkung der ätherischen Öle der Bäume untersucht und ihren therapeutischen Nutzen für gestresste Menschen bewiesen. Das „Waldbaden“ wurde dort von der Regierung zum Abbau von Stress empfohlen.

Ein Rascheln riss Viola aus ihren Gedanken. Sie schaute in die Richtung des Geräusches und sah, wie sich eine junge Ringelnatter langsam wegschlängelte. Vielleicht ist das auch ihr Lieblingsplatzerl und ich störe sie in ihrem Paradies, dachte sich Viola. Sie nahm es als ein Zeichen zum Aufbruch. Sie packte ihre Sachen zusammen und schaute dabei noch einmal auf das Wasser. Ein paar vereinzelte Glitzerfunken blinzelten ihr zum Abschied zu.

Ein Funke war heute ganz sicher auf sie übergesprungen.


(c) Christine Hagelkrüys und Margit Thürauf | aus: Signora Leggerezza