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Liaison in Gehrys Glaswolke

Mit dem Taxi nach Paris – nein, es ist der Zug, der durch die Landschaft braust. Hügel, Felder, Vororte verschwimmen hinter dem Fenster, und meinem Ziel eilen Mythos, Magie und der alte Zauber der Liebe voraus. Vielleicht wartet ein Rendezvous – vielleicht auch etwas anderes.

Beinahe am Ende seines Künstlerlebens angekommen, frage ich mich: Wie muss es sich anfühlen, wenn all die Werke – jede Geduld, jede Schaffenskraft, jede Idee, jede Fertigkeit – plötzlich an einem einzigen Ort zusammenkommen?

Die Wiege von Gerhard Richter stand in Dresden. Geboren wurde er nur wenige Tage, bevor der verstorbene König Friedrich August III. in der barocken Hofkirche der Elbmetropole beigesetzt wurde und 500.000 Menschen die Straßen säumten, um seinem Trauerzug zu folgen. Richters Ausbildung lag in den fünfziger Jahren, zum Künstler wurde er in den frühen sechziger. Sein Weg begann mit Verlust: der Heimat, der Familie, der ersten Werke. Bis heute ein Leben des Experiments mit Leinwand und Farbe – und vielleicht auch mit sich selbst.

Genau diese Reise hat die Fondation Louis Vuitton gewagt: 270 Bilder von Richter an einen Ort zu bringen. Und es ist nicht irgendein Ort. Es ist ein wahrlich riesiges „Segelschiff“ im Stadtpark Bois de Boulogne, eine moderne Kathedrale aus Material und Licht, die dem Lebenswerk des Malers für 138 Tage Raum gibt. Die Ausstellung verspricht nicht nur einen Überblick über mehr als sechs Jahrzehnte künstlerischen Schaffens – sie lädt dazu ein, den Atem zu halten, innezuhalten und sich zu fragen, wie sich ein ganzes Leben in Farbe und Form anfühlt, wenn es sichtbar wird.

***

4096 Farben

Ich bleibe vor dem Bild stehen.
Nicht, weil es laut ist.
Im Gegenteil.
Es wirkt fast stiller als die anderen.
Ein großes Quadrat aus vielen kleinen Quadraten.
Ordnung, die so präzise ist, dass sie beinahe verschwindet.
Darunter ein Schild:
Gerhard Richter – 4096 Farben, 1974.

Ich trete näher.
Zuerst sehe ich nur Farbe. Viele Farben.
Ein Raster, das sich ruhig über die Fläche legt.
„Du glaubst, ich sei ein System“, sagt das Bild.
Die Stimme klingt nüchtern. Fast sachlich.

Ich gehe noch einen Schritt näher.
Jetzt erkenne ich, dass sich Farben wiederholen. Immer wieder.
Rot taucht erneut auf. Dann wieder. Und wieder.
„Viermal“, sagt das Bild leise.
„Jede von ihnen.“

Ich erinnere mich plötzlich an etwas, das ich gelesen habe:
An eine Auktion in New York. Gebote: schwindelerregend hoch.
„21,8 Millionen Dollar“, sagt das Bild.
Es klingt nicht stolz. Eher überrascht.
„Dabei begann alles ganz einfach.“

Ich beuge mich leicht nach vorn.
Die Quadrate liegen dicht nebeneinander. Kein Weiß dazwischen. Keine Pause.
„In Düsseldorf war es“, sagt das Bild. „In einem Farbenladen.“

In Gedanken stehe ich in diesem Raum.
Regale voller Farbmusterkarten. Papierstreifen mit kleinen Kästchen.
Farben, die darauf warten, gekauft zu werden.
„Sonnen Herzog“, murmelt das Bild.

Die Farben im Raster wirken plötzlich wie Erinnerungen an Karten, die auch ich kenne.
„Er sah sie dort liegen“, sagt das Bild.
„Und dachte: Das ist genug.“

Ich trete noch näher.
Jetzt verschwindet jede Komposition. Alles wird einzelne Entscheidung.
Grün. Ein anderes Grün. Ein Gelb, das fast grau ist.
„Er wollte sich selbst aus dem Bild nehmen“, sagt das Bild.
Eine kurze Pause.
„Also ließ er den Zufall entscheiden.“

Die Besucher werden mehr.
Gemurmel zieht zwischen den Wänden der Ausstellung von Raum zu Raum.
Ich bleibe.
„Früher hat er die Farben selbst angeordnet“, sagt das Bild.
„Später nicht mehr.“

Ich sehe die Fläche wieder als Ganzes.
Das Raster wirkt plötzlich wie etwas Lebendiges. Nicht streng, eher atmend.
„Du suchst nach Bedeutung“, sagt das Bild.
Aus der Architektur streift das Licht langsam über die Oberfläche.
„Aber ich bin keine Geschichte.“

Ich denke an Köln. An den Dom.
11.263 Glasquadrate in 72 Farben, die das Licht tragen.
„Ich war einmal nur ein Bild“, sagt das Werk.
Dann, fast beiläufig: „Später wurde ich ein Fenster.“

Ich gehe einen Schritt zurück.
Das Raster schließt sich wieder zu einer Fläche.
„Menschen glauben, Farbe sei Ausdruck“, sagt das Bild.
Eine lange Pause.
„Aber manchmal ist Farbe nur Farbe.“

Ich sehe noch einmal auf das kleine Schild.
1974.
Dann wieder auf die Fläche.
4096 Möglichkeiten.
Und irgendwo zwischen ihnen der Versuch eines Malers, für einen Moment nichts zu entscheiden.

„September“

Ich trete näher. Noch näher. So nah es geht.
Das Schwarz wirkt nicht mehr wie Schwarz, eher wie eine Erinnerung daran.
Grau schiebt sich darüber, als hätte jemand versucht, die Welt mit einem feuchten Lappen abzuwischen. Und irgendwo darin ein Blau, das so tut, als wäre es Himmel.

Da höre ich es. Nicht laut. Eher wie eine Stimme hinter Glas.
„Du suchst etwas“, sagt das Bild.
„Aber ich bin kein Fenster.“

Ich zoome weiter hinein. Pigmente wie Nebel. Striche, die zurückgenommen wurden.
Spuren von Entscheidungen, die der Maler vielleicht bereut hat.
„Du willst sehen, was passiert ist“, flüstert das Bild.
„Aber ich erinnere mich nur in Bruchstücken.“

Das Grau bewegt sich beinahe. Oder vielleicht bewegt sich nur mein Blick.
„Sieh genau hin“, sagt es.
„Ich zeige dir nicht den Moment. Ich zeige dir das Danach.“

Das Schwarz zieht sich wie Rauch über die Fläche. Das Weiß ist kein Licht, eher Lücke.
„Die Welt hat an diesem Tag zu viele Bilder gemacht“, murmelt das Bild.
„Zu viele klare Linien. Zu viele Sekunden, die eingefroren wurden.“
Eine Pause.
„Also hat er mich verwischt.“

Ich gehe noch näher. Jetzt sehe ich nur noch Farbe, die sich gegenseitig verdrängt. Keine Türme. Kein Himmel. Nur Bewegung.
„Du möchtest verstehen“, sagt das Bild.
„Aber Erinnerungen funktionieren nicht so.“
Das Blau schimmert kurz. Vielleicht war dort einmal Luft.
„Ich bin nicht das Ereignis“, sagt es leise.
„Ich bin der Versuch, es auszuhalten.“

Dann wird es still.
Und ich merke plötzlich, dass ich nicht mehr suche, was dort passiert ist, sondern was davon übrigbleibt, wenn das Auge aufhört zu glauben, dass Bilder die Wahrheit sagen.

***

Ich verlasse das „Segelschiff“.
Im Abschied, umgeben von der schwebenden Glaswolke des Architekten Frank Gehry, hatte ich das Gefühl, als ob die Zeit selbst in dieser Liaison zwischen Kunst, Architektur und meinem eigenen inneren Blick zum Stillstand kommen würde.

Ich verlasse die Kunst.
Dem einen käme vielleicht Friedrich August III. in den Sinn:
Bei einer Führung durch eine Gemäldesammlung soll ein Kunstexperte dem König ein Bild ausführlich und kunsthistorisch kompliziert erklärt haben. Nach all der Analyse blickte der volksnahe Monarch trocken auf das Gemälde und bemerkte:
„Ja, schön gemalt – aber mei Bäcker daheeme kann och gute Semmeln.“
Ob er das wirklich gesagt hat? Ob er die hochgelehrte Kunstwelt mit sächsischen Humor erden wollte? 

Ich verlasse Paris.
Mir kommt in den Sinn: Ja, ich hatte ein Rendezvous. Vielleicht ist es das, was große Kunst kann: Sie gibt keine Ruhe.


Titelbild: privat, Paris, Fondation Louis Vuitton

Textbilder: Gerhard Richter