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Bunt sind schon die Wörter

ABC – Die Katze lief im Schnee.

Von wem habe ich diesen Reim gelernt, den ich nun mit meiner Enkelin singe? Wahrscheinlich im Kindergarten. Ich war fünf Jahre alt, als ich ihn besucht habe. Gibt es frühere Reime, an die ich mich erinnern kann?

Ich bin klein, mein Herz ist rein.

Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg‘ auch keinem anderen zu.

Meine Enkelin liebt vertonte Reime. Die Katze tanzt allein, tanzt und tanzt auf einem Bein. Und dann tanzen wir gemeinsam auf einem Bein und dann auf zweien. Mit meinem Sohn habe ich schon in seinen ersten Lebensmonaten ein Fingerspiel gespielt: Das ist der Daumen, der schüttelt die Pflaumen, der hebt sie auf, der trägt sie nach Haus und der Kleine isst sie alle auf!“ Tief in mein Gedächtnis haben sich die Reime eingegraben. Als ich Oma wurde, genügte eine Wiederholung, dann konnte ich die Reime wieder aufsagen.

Von den Liedern in der Schulzeit kenne ich oft nur noch die ersten Zeilen; mehr ist nicht hängengeblieben. Aber ich erinnere mich an ein Gedicht, das ich über das Wochenende auswendig lernen musste: „Bunt sind schon die Wälder, gelb die Stoppelfelder, und der Herbst beginnt.“ Vier Strophen in einer Sprache, die ich nicht kannte. „Purpurfarbig“ hatte ich vorher nie gehört.

Plötzlich waren Gedichte schwer. Dabei kannte ich eine ganz andere Seite. Wenn meine blinde Schwester zuhause war und nicht in der Blindenschule, lagen wir abends oft in unseren Betten und ich erzählte Dinge, die sie nicht sehen konnte. Etwa, dass Tante E. und Onkel O. bussieren und der Onkel eine Isetta hatte, die sich nach vorne öffnen ließ und das Einsteigen der beiden in das Auto recht lustig aussah. Wir machten daraus ein Gedicht. „E und O – im Goggooh“. Dann kicherten wir, weil wir wussten, wir tun etwas Verbotenes. Sich über andere Leute lustig machen, darf man nicht. Auch eine Nachbarin inspirierte uns. Sie hatte einen arabischen Freund, was für damalige Verhältnisse etwas ganz Ungewöhnliches war. Selbst die Erwachsenen sprachen darüber nur hinter vorgehaltener Hand. Abends machten wir dann daraus: „Waltraud, du Blume der Oase, leihst dir manchmal eine Vase, bringst sie dann nicht mehr zurück – und uns fehlt das gute Stück.“ Dichten konnte so lustig sein.

In der Schule dagegen begegnete mir: „Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr. Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben …“ Das klang bedrohlich. Nun lernte ich etwas von Epochen, von Strophen, Versen, umarmenden Reimen, einem Metrum und einem fünfhebigen Jambus, der Worte eindringlicher macht. Im Deutschunterricht war Gedichtanalyse die Höchststrafe.

Einmal sollten wir innerhalb einer Woche die Bürgschaft von Schiller auswendig lernen. Wer es schaffen würde, könnte seine Noten verbessern. Eine Hymne auf die Freundschaft – das war wenigstens ein Thema, mit dem ich etwas anfangen konnte. Eine Ballade mit 20 Strophen zu je sieben Versen.

„Zu Dionys dem Tyrannen, schlich
Möros, den Dolch im Gewande.
Ihn schlugen die Häscher in Bande.
‚Was wolltest du mit dem Dolche, sprich!‘
Entgegnet ihm finster der Wüterich.
‚Die Stadt vom Tyrannen befreien!‘
‚Das sollst du am Kreuze bereuen.‘“


Wir waren 45 Mädchen in der Klasse. Niemand hatte es uns gesagt, doch alle Stimmen folgten dem typischen Schulgedicht-Singsang: „MÖ-ros, den DOLCH im ge-WAN-de“ Pause, obwohl der Satz noch nicht abgeschlossen ist. „ihn SCHLUG-en die HÄ-scher in BAN-de.“ Einschläfernde, wellenartige, mechanische Melodien, gleichförmiges Tempo, leicht angehobene Stimme, fast näselnd. Ein Tonfall, der nur beim Gedichtvortrag existierte und nirgendwo sonst in unserem Leben auftauchte. 45 Mal ein Vortrag, der sich dem Versmaß unterwarf, nicht dem Inhalt. Die härteste freiwillige Note meines Lebens.

Vierzig Jahre später lege ich beim Autofahren die CD „Die Lieblingsgedichte der Deutschen“ ein. Ulrich Mühe liest „Die Bürgschaft“. Kein Pausieren am Zeilenende. Ein Verweilen nach einem schönen Bild. Ein Atemholen vor wichtigen Stellen. Ich muss am Straßenrand anhalten. Die Stimme beschleunigt, wo die Handlung drängt, und verlangsamt, wo etwas Schweres gesagt wird. Die Hitze, Erschöpfung, der geschwollene Fluss – ich kann es körperlich spüren. Ich vergesse, dass ich einem Gedicht zuhöre. Folge der Geschichte, will wissen, wie sie ausgeht. Es ist, als höre ich sie das erste Mal. Immer wieder lege ich diese CD ein, und einige Gedichte kann ich bald auswendig. Einmal treffe ich in der Innenstadt auf einen Radioreporter, es ist der Tag des Gedichts. Er hält Passanten ein Mikrofon vor den Mund und fragt: „Können Sie ein Gedicht auswendig?“ „Ja“, sage ich. „Zum Beispiel den Panther von Rilke: ‚Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe …‘“, beginne ich. Und schaffe es bis zum Ende. Für den Reporter ist das fast schon zu lang. Ich bin sehr stolz auf mich.

Eine ähnliche Szene kommt mir in den Sinn: Ich gehe mit einer Freundin durch eine sommerliche Feldlandschaft. Es ist August. Irgendwie kommen wir auf Gedichte zu sprechen, und ich frage sie: „Kannst du ein Gedicht auswendig? Jetzt?“ Ohne nachzudenken spricht sie: „Schläft ein Lied in all den Dingen, die da ruhen fort und fort …“ und rezitiert alle vier Zeilen. „Eichendorff, Wünschelrute“, schließt sie. Und ich fahre fort: „Nicht müde werden. Und dem Wunder leise … – Hilde Domin“, antworte ich. Das Spiel geht hin und her. Manchmal suchen wir gemeinsam nach den Anfangsversen, ab dann läuft es. Manche Gedichte können wir beide und sprechen sie im Duett. Eine halbe Stunde pure Freude. Danach gehen wir schweigend und beseelt durch ein schattiges Waldstück.

Dann fange ich selbst an zu schreiben. Es sind auch Gedichte darunter. Die ersten, die ich aufgehoben habe, stammen aus dem Jahr 2015, da war ich sechzig Jahre alt. Es sind verdichtete Gedanken und Betrachtungen darüber, wer ich bin und wer ich sein will. Einmal lese ich in einem Schreibratgeber die Frage, wie Dichter eigentlich üben, wo sie sich doch nicht einsingen können wie ein Sänger. Es wurde empfohlen, jeden Tag ein Gedicht zu schreiben. Ein Jahr lang halte ich es durch. An manchen Tagen sind es zehn Gedichte, an anderen keines. Aber insgesamt sind es wohl für jeden Tag dieses Jahres eines. Ich habe sie abgetippt und binden lassen: nur für mich. Ich merke: Gedichte gehen mir leicht von der Hand. Und ich lese meine eigenen Gedichte auch gerne.

Bei anderen Texten ist das nicht immer so; manchmal, sicher, doch in meinen Gedichten lese ich lieber. Denn im Grunde schreibe ich oft, um mir Erkanntes und Erfahrenes wieder zugänglich zu machen. Die Erkenntnisse kommen aus dem Nichts, leuchten kurz auf, ich sehe sie, fühle sie, liebe sie und dann verglühen sie wieder, weil es so viele sind. Meine poetischen Worte sind der Versuch, diese Lichtblicke zu fassen und sie jederzeit wieder herbeirufen zu können. Meine Gedichtbände: meine ersten Experimente mit einem Feuerwerk.

Das flutschende Gedicht fühlt sich richtig an. Es liegt etwas in der Luft, das aufgegriffen werden möchte. Mit wenigen Worten beschreibe ich Unsichtbares. Dinge, die schwer zu greifen und zu begreifen sind und doch realer als manch Sichtbares. Manchmal fische ich vorher tagelang im Trüben, um im Schlamm nach einer Lotusblüte zu suchen; ich tappe im Nebel, um meine Visionen herbeizulocken; ich schließe die Augen und Ohren, um meiner Seele Raum zu geben. Unsichtbares bedarf nicht vieler Worte. Im Gegenteil: Viele Worte vertreiben die guten Geister. Poesie lockt sie an. Sie kommen immer wieder gerne und manchmal denken sie über einen Umzug zu mir nach. Sie sind stets willkommen. Ja, ich wünschte mir, die poetischen Geister fühlten sich bei mir zuhause.

Gedichte sind dichter als Texte. Bis ein kurzes Gedicht auf dem Papier steht, muss ein Thema sehr tief erforscht sein. Sonst geht es nicht. Der Prozess, der zu einer Einsicht geführt hat, spielt keinerlei Rolle mehr. Es zählt nur, was jetzt verdichtet auf dem Papier steht. Erst wenn eine Frage durchdrungen ist, komme ich mit wenigen Worten aus. Manchmal sogar mit einem Haiku. Sie sind am dichtesten. Vielleicht lese ich Gedichte deshalb so gerne: Nur die Quintessenz will ich mir immer wieder herholen können. Wie ich darauf gekommen bin, interessiert mich nicht mehr. Beim Schreiben von Texten ist es anders: Dort ist es eindeutig die Schwangerschaft und die Geburt der Gedanken, die mich fesseln.

Gedichte kommen bei jedem Menschen anders an. Mit meinen Texten stoße ich oft nicht durch – ich erfahre Widerspruch, Kritik, Tipps, wie ich es besser ausdrücken könnte oder wo ich inhaltlich falsch liege. Über Gedichte wird weit weniger diskutiert; mir wird dichterische Freiheit zugestanden. Die Verse führen über die Verstandesebene hinaus, streifen die Gefühlsebene kurz und tauchen dann noch viel tiefer ab, nämlich zum Eigentlichen, da, wo ich mich gerne herumtreibe. Meine Meerjungfrauenseite.

Oft frage ich mich, ob meine verdichteten Zeilen Gedichte genannt werden dürfen. Sie folgen keinem Reimmuster, das würde mich beschweren und mich in den Zwischenwelten des Verstandes verfangen. Entweder entstehen meine Gedichte aus dem Moment heraus – oder gar nicht. Bei mir ist das so. Manchmal reime ich trotzdem: Dann lockt mich der Reim in Grenzbereiche, die ich noch nicht kenne.

Was ich weniger mag, sind melancholische Gedichte. Traurige Augenblicke gescheiterter Lieben oder eindringliche Beschreibungen eines schlimmen Weltzustandes ohne Perspektive möchte ich nicht festhalten. Sie sind zum Zeitpunkt des Schreibens bereits durchlebt und in etwas Neuem aufgegangen. Das Transformierte ist es mir wert, erinnert zu werden. Manchmal ist es auch der Pfad des Wandels, die Irrtümer, die uns die Türen versperren, vor allem die geheimnisvolle wichtigste Tür, nämlich die nach innen. Sie führt in die Tiefe, nicht nach unten; bei mir ist die Tiefe nicht unten, sie ist innen. In der Tiefe des Herzens die Einheit zu finden, ist mein Antrieb. Innen in der Stille, wo es keine Angst und keine Sorge gibt und immer Halt und Geborgenheit.

Ob meine Gedichte nur meinem eigenen Erinnern dienen oder anderen etwas sichtbar machen können? Etwas, das sie nicht sehen, aber ahnen? Als Kind habe ich meiner blinden Schwester die Welt beschrieben. Vielleicht tue ich das immer noch. Wenn meine Gedichte wirklich zum Eigentlichen führen, dann wären sie ein Akt der Verbindung. Und es wären nicht mehr meine Gedichte, sondern Augen für andere.

Gedichte führen zum Eigentlichen.
Zu dem, was in mir wohnt,
was da schon immer war
und das beständig leuchtet.


(c) 25.4.24 // 26.3.26 Margit Thürauf