Die Puppe weiß Dinge, die ihr niemand beigebracht hat.
Sie sitzt auf dem wackeligen Stuhl, die Beine ein wenig zu weit gespreizt, als hätte sie vergessen, wie man sich ordentlich hinsetzt. Ihr Lächeln ist schief, fast so, als würde es sich jede Nacht ein Stück weiter verschieben. Und doch ist es nicht die Puppe, vor der man sich fürchten muss.
Es ist das Pferd.
Blau wie ein Traum, der zu lange im Tintenfass lag, steht es auf seinen Rollen und tut so, als sei es nur ein Spielzeug. Aber manchmal – meistens in den Stunden, in denen die Welt leiser ist – bewegen sich seine Räder von selbst. Ein kaum hörbares Knarzen, ein Zittern im Holz, und dann rollt es ein Stück näher zur Puppe.
Niemand hat je gesehen, wie es begann.
Man vermutet, es sei in jener Nacht gewesen, als das Fenster offenstand und der Wind die Farben im Raum durcheinanderwirbelte. Die rote Linie über der Stirn der Puppe – sie sieht aus wie Feuer – ist am Morgen danach plötzlich da. Und das Pferd, sonst immer still, hinterlässt laute Spuren auf dem Boden.
Seitdem sind sie verbunden.
Wenn die Puppe den Kopf ein wenig zur Seite neigt, hebt das Pferd den Hals. Wenn das Pferd innehält, erstarrt die Puppe, als lausche sie einem Geheimnis, das nur sie beide kennen.
Manchmal flüstert die Puppe. Ganz leise, mit einer Stimme, die mehr Farbe als Klang hat.
Und dann rollt das Pferd los.
Nicht weit. Nie weit. Nur im Kreis, um sie herum, als würde es sie bewachen.
Und wenn jemand lange genug hinsieht, ganz still, ohne zu blinzeln, dann kann er sehen, dass die Puppe darauf wartet, dass das Pferd sie endlich fortträgt.
Bild: Autorin, Ölpastellkreide und Acryl auf Papier, nach einem Bild von Françoise Collandre