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Wohlfühlinsel in der Nordsee

Nur noch zwei volle Tage, danach würden sie morgens durch den kleinen Ort zum Bahnhof gehen, dann mit dem bunten Bimmelbähnchen zum Hafen fahren und schließlich mit der Fähre zurück aufs Festland. Ein paar Stunden auf der Autobahn und schwupp zurück im Alltag. Aber daran wollte sie jetzt nicht denken. Zumal sie die Buchungsbestätigung für nächstes Jahr bereits bekommen hatten und damit auch die Vorfreude auf den nächsten Besuch.

Jetzt lag sie hier in ihrem Hotelzimmer auf ihrem Bett und ruhte sich aus. Sie ließ den Blick durchs Zimmer schweifen. Die Einrichtung gefiel ihr. Schwere weiße Möbel, ausgesuchte Lampen, die langen Vorhänge mit Rosenmuster und die schweren Silberrahmen, darin Fotos, sepiafarben, von alten Segelschiffen die über die Nordsee brausten. Alles liebevoll ausgesucht und aufeinander abgestimmt. Das traf auf das gesamte Hotel zu. Alles geschmackvoll arrangiert, nichts übertrieben, einfach zum Wohlfühlen. Eine Inneneinrichtung, die maritime Eleganz ausstrahlte.

Im Frühstücksraum sind taubenblaue Sessel um die Tische gruppiert. Die vielen Fenster lassen viel Tageslicht herein und laden dazu ein, das Geschehen draußen zu beobachten. Der große weiße Kamin hat etwas heimeliges und verbreitet eine angenehme Wärme. Mit einem Lächeln begrüßt sie die junge Hausdame: „Guten Morgen Frau Schulze. Ist alles in Ordnung? Haben Sie gut geschlafen? Was darf ich Ihnen heute Morgen zum Frühstück bringen, Tee oder Kaffee? Ein weich gekochtes Ei oder Rührei mit Speck?“ Es gab ein sehr appetitanregendes Frühstücksbuffet, aber eben auch immer diesen persönlichen Service.

Gerne kam sie ein paar Minuten vor ihren Freunden zum Frühstück. Dann konnte sie noch in aller Ruhe das Treiben beobachten. Meist waren es ältere Ehepaare, die um diese Zeit auf die Insel reisten. Sie registrierte ob die Gäste elegant gekleidet waren oder eher nachlässig. Wer wen bediente und wie man miteinander umging. Zu ihrer Freude stellte sie fest, dass es bei den meisten Paaren ein sehr liebevolles Miteinander war. Die Frau am Tisch schräg gegenüber hatte heute Geburtstag und es stellte sich heraus, dass das Wochenende auf Langeoog ein Geschenk ihres Mannes war. Auf der linken Seite besprach ein Paar leise das Programm für den heutigen Tag und am Nachbartisch sorgte die Frau dafür, dass man auch etwas Gesundes zum Frühstück aß.

Das Hotel verfügte über Sauna und Schwimmbad. Letzteres befand sich genau gegenüber ihrem Zimmer. Jeden Morgen zog sie als erstes ihren Badeanzug an, kuschelte sich in den wunderbar weichen Hotelbademantel und dann rüber zum Pool. Herrlich! Ein unglaublicher Luxus. So konnte der Tag beginnen.

Auf der Insel sind Autos verboten und in der Hochsaison darf man durch die beiden Hauptstraßen des einzigen kleinen Ortes auch nicht mit dem Fahrrad fahren. Jetzt schon. Der Ort wirkt ganz verschlafen. Einige Restaurants haben Urlaub. Dafür wird in den Eisdielen geputzt, um in ein paar Tagen den Winterschlaf zu beenden. Auch die hübschen bunten Strandhäuschen werden langsam wieder auf die Saison vorbereitet.

Ihr Hotel sitzt auf einer kleinen Anhöhe, schmuck herausgeputzt mit den weiß gestrichenen Holzbalkonen. Geht man geradeaus kommt man in die Mitte des Städtchens. Wenn sie aber den Weg nach rechts geht, kommt sie nach wenigen Metern zum Dünenweg. Vorbei an dem großen reetgedeckten Haus von Lale Andersen. Langeoog war ihre Wahlheimat und Rückzugsort. Sie starb in Wien aber ihre Asche wurde auf dem Dünenfriedhof auf Langeoog begraben. Ein schlichtes Grab mit einem rötlichen Stein. Der Eingang zum Dünenfriedhof ist nur wenige Meter von ihrem Haus entfernt. Ein bisschen abseits findet sie die Gräber der 113 russischen Soldaten. Die Gefangenen des 2. Weltkrieges sollten auf der Insel einen Luftwaffenstützpunkt aufbauen und starben durch die unmenschliche Behandlung. Gegenüber die Baltengedenkstätte. 326 Baltendeutsche wurden im Februar 1945 aus einem Altenheim in Westpreußen evakuiert und landeten nach einer dramatischen Flucht auf Langeoog. Zwei Gedenkstelen symbolisieren eine Brücke zwischen den beiden Gruppen. Der Dünenfriedhof strahlt eine würdevolle Ruhe aus. Sie kommt gerne für eine kurzes Verweilen hierher.

Ein paar Meter nach dem Friedhof befindet sich der erste Düneneingang zum Strand. Das Rauschen der Nordsee hört sie schon lange vorher. Noch ein paar Meter und dann öffnet sich die Düne hinunter zum breiten Sandstrand und dem Blick auf das bewegte endlose Meer. Automatisch breitet sie die Arme aus und atmet tief die salzige Luft ein. Ein paar Möwen schaukeln auf den Wellen und am Horizont ist ein großes Schiff zu sehen. Um diese Jahreszeit gibt es nur wenige Strandläufer. Die Sonne schickt bereits wärmende Strahlen, es weht heute nur ein leichter Wind und die Nordseewellen sind heute beinahe sanft. Sonne und Meeresrauschen bereiten sich als wohliges Gefühl in ihrem Körper aus. Sie genießt diese Zeit am Meer. Der Kopf wird frei. Für ein paar Augenblicke lösen sich alle Probleme in Luft auf. Sie spürt die Kraft der Nordsee, die sich nicht bezwingen lässt. Die See macht unmissverständlich klar, dass es in ihrer ureigenen Macht steht sanfte oder tobende Wellen an den Strand zu spülen. Und immer fasziniert sie der Anblick.

Das ewige Wasser

Ich bin das ewige Wasser
meine Finger Wellen der Zeit
tief in meiner Seele schlummern
alle Arten der Geschöpfe
im früheren Leben Sünder
vom Ufer der Vergänglichkeit
berauschen sie sich am Glitzern
auf meinem endlosen Gesicht
hören im kalten Sonnenlicht
die tausend Todesschreie nicht
(Nevel Cumart)

Sie weiß, auch das gehört dazu. Das Meer ist nicht romantisch, sondern wild und eigensinnig. Aber jetzt hier mit Sonne und mildem Wind fühlt sie sich von der Natur umarmt.

Sie nimmt den hinteren Dünenausgang. Von dort gelangt man direkt zum Wasserturm. Das Wahrzeichen der Insel. Nicht schlank und filigran, sondern eher ein bisschen trutzig und in freundlichem Weiß gestrichen hält er jedem Wetter stand. Der Weg führt leicht bergab wieder in den Ort. Direkt zu dem Brunnen mit der bronzenen Laterne an der sich Lili Marleen anlehnt. Abends ist das ein besonderes Fotomotiv. Die Laterne mit Lili Marleen und dahinter der beleuchtete Wasserturm.

Bei ihrem ersten Besuch auf Langeoog haben ihre Freunde ihr das Seemannshus gezeigt. Ein denkmalgeschütztes Gebäude in dem sich das Heimatmuseum und eine Außenstelle des Standesamtes befindet. In einem kleinen Raum mit urtypischem Mobiliar kann geheiratet werden. Natürlich gibt es auch einen Raum in dem man alles über das bewegte Leben der Lale Andersen erfahren kann.

Jetzt ist die richtige Zeit für einen starken Ostfriesentee, der nirgends so guttut und schmeckt wie an der Nordsee.

So plätschern die Tage dahin. Mal ein kleiner Radausflug zum Hafen, vorbei am Vogelwärterhaus, wo sie wieder das Rangerehepaar treffen. Die wohnen eigentlich auf dem Festland und arbeiten hier von Januar bis März ehrenamtlich im Naturschutzgebiet. Sie müssen sogar ihre Unterkunft selbst bezahlen. Ein unglaubliches Engagement. Mal kleiner Bummel hier, zum Beispiel zu Anselms Dünenatelie, und ein typischer Butterkuchen dort. Ein Besuch der Inselkerk, mit dem außergewöhnlichen Altarbild, ein gestrandetes Schiff am Strand, gehört wie in jedem Jahr dazu.

Nichts zu tun, sich einfach treiben lassen und genießen. Bis man wieder ins Bimmelbähnchen steigt und mit der Fähre an Land geht. Ein Blick zurück. Wir kommen wieder, im nächsten Jahr.


Bilder: Autorin