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Was du siehst

Der Jüngling lächelt. Als wüsste er etwas, das er nicht teilen will – und sich dann doch umentscheidet.
„Du da“, sagt er leise, fast vertraulich, als würde er mich schon lange kennen. Doch zwischen uns liegen Epochen.
„Du wunderst dich, nicht wahr? Über meine Hände.“

„Dein Maler hat mich zu dir geführt.“ Ich schaue mich verstohlen um.  

Er neigt den Kopf ein wenig, sodass die Feder an seinem Hut zittert.
„Ist es Verwunderung? Oder Neid?“

Die Alte neben ihm kichert. Ist es ein freundliches Geräusch – oder nur eines, das so klingt? Eher ein trockenes, raschelndes Lachen, wie Papier, das zu oft gefaltet wurde.
„Der Jüngling glaubt immer, die Menschen schauen wegen ihm.“
Ihre Augen sind wach, sehr wach. Sie treffen mich.
„Aber sie schauen wegen mir.“
Sie beugt sich näher, als würde sie mir ein Geheimnis verraten wollen.
„Weil sie ahnen, dass ich sehe, was sie nicht sehen.“

„Aus deinem Mund fallen Rätsel.“
„Ich kenne dich.“
„Mich?“ Unter mir knarzt die Diele. „Nein, mich kannst du nicht kennen.“
„Täusche dich nicht.“
„Ich suche, was ich sehen will, das habe ich gelernt.“

Die Alte bleibt ungerührt. Ihre Finger drücken sich in des Jünglings Wange. Die Hand hält das Säcklein in seiner Hand – fast zärtlich, fast besitzergreifend.

Das Mädchen hebt den Blick. Ihre Bewegung ist ruhig – und seltsam entschlossen.
„Du solltest ihnen nicht zuhören“, sagt sie aus junger Kehle. Ihre Stimme ist weich und sicher.
„Sie erzählen dir immer nur die Hälfte oder das Falsche.“
Sie hebt das Glas ein wenig an, als würde sie mir zuprosten.

Der Jüngling lacht leise.
„Falsch? Wahrheit ist doch nur eine Frage des Blickwinkels.“
Er haucht das Mädchen an. „Von hier aus schaue ich bis auf den Grund deiner Seele.“

„Zu deutlich“, murmelt die alte Frau.
„Man sollte die Verführung nicht so genau betrachten. Sie könnte zurückblicken.“

Das Mädchen lächelt und hält den Liebestrank geduldig.

Ist es ein ehrliches Lächeln – oder nur eines, das so scheint?
„Du hast uns doch schon längst erkannt“, sagt sie zu mir. „Nicht wahr?“ Und greift den vollen Krug.

Die Alte schnaubt. „Erkannt? Ach was, du junges Ding. Da draußen sehen sie nur, was sie sehen wollen und das schon seit mehr als 480 Jahren.“
Sie zieht den Jüngling ein Stück näher zu sich. „Und was sie fürchten.“

Für einen Moment ist es still.
Dann sprechen alle drei gleichzeitig – aber ich kann es nicht mehr unterscheiden, wessen Stimme welche ist.
„Du bist doch nicht zufällig hier?“
„Du hast uns gesucht.“
„Oder wir dich?“
Sie stellen mich auf die Probe. Und plötzlich wirkt es, als würden ihr Blicke nicht mehr nur mich ansehen – sondern durch mich hindurch, auf etwas hinter mir. Oder in mir?

Und während ich noch versuche zu verstehen, was sie meinen, verändert sich das Bild. Kaum merklich.

Genug, um mich zweifeln zu lassen.

Ob sie mich ansehen – oder ich längst diejenige bin, die durchschaut wird?