Es war einmal ein junger König. Von Kindheit an konnte er das Leben auf dem Schloss kaum ertragen. Ihn langweilte einfach alles: Das Treiben in Haus und Hof wie auf einem Jahrmarkt, die Leute, die dort ein- und ausgingen, die Themen, über die sie sprachen und die Überheblichkeit, mit der sie sich über andere äußerten. Sie stolzierten wie Schwäne und blöckten wie Esel. Unerträglich. Tagtäglich.
Der junge König versuchte all das zu verändern – er war ja schließlich der König. Aber die Minister, Hofdamen und Hofherren versuchten ihn davon zu überzeugen, dass schon alles seine Richtigkeit hatte. Es war schon immer so gewesen und würde auf immer so sein.
Da ging der junge König aus seinem Palast und überließ allen Prunk den Leuten um ihn herum. Als seinen letzten Befehl hieß er den Wachen, die Türen von außen fest und für immer zu verschließen. Das wäre eigentlich nicht nötig gewesen, denn die Leute wollten garnicht vor die Tore treten. Der junge König jedenfalls hatte genug von diesem Leben, in dem er sich vorkam, wie ein Schattenspieler, der nie die Quelle des Lichts sehen durfte.
Mit zügigen Schritten entfernte er sich von dem Ort, an dem er großgeworden war. Anfangs wollte er einfach nur alles hinter sich lassen, bald jedoch wurde er müde. Wo konnte er schlafen? Wo konnte er wohnen? Er hatte nichts mitgenommen.
Da traf er auf einen Hirten, der seine Schafe über die Wiesen führte. Schon dachte der junge König daran, ihm seine Hilfe anzubieten. Der Hirte konnte wohl Gedanken lesen und sagte zu ihm:
„Ich war auch einmal wie du im falschen Element unterwegs. Ich lebte auf einem Fluss auf einem Hausboot – doch das passt für einen Schäfer nicht. Ich brauche es nicht mehr. Du kannst es übernehmen.“
Der junge König schaute ihn nachdenklich an. Schließlich nickte er und ließ sich den Schlüssel geben.
Und seitdem ist es Brauch, dass alle jungen Könige auf Hausbooten die Flüsse in ihrem Land auf- und abfahren, um ihren Untertanen stets ihre Dienste anbieten zu können.
Samstag, 11.4.26, 17:05 Uhr, Bernried, im Klostergarten am See