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Gedankensammler

Im Nebel einer feuchten Wiese, dort, wo die Welt leise atmet und der Mond Schleier aus Gaze trägt, lebte seit 78 Wintern und 77 Sommern ein geheimnisvoller Mann.

Tiere begegneten ihm gelegentlich.
Sie sahen ihn aus der Luft, aus der Ferne oder von ganz nah.

Er redete nicht. Er war nur da.

Heute Nacht folgten seine Blicke einer Riesenschnecke, die sieben Raben den langen Weg zum Südpol wies.

Er war ein Hüne.
Ganz früher, sagten die Leute, stand er aufrecht wie eine Pappel.

Sein Mantel, der manchmal nach Regen oder Flieder oder Schnee roch, fiel beinahe bis auf seine braunen Lederstiefel. Noch nie hatte ihn jemand ohne seine moosgrüne Ballonmütze aus feinster Schafwolle gesehen.

Heute, sagten die Leute, war er gebeugt wie eine Weide und sein Herz war pfirsichreif, weich geworden vom vielen Erinnern.

Und immer hatte er seinen Kontrabass dabei – ein Instrument, so geheimnisvoll wie eine Katze in der Nacht.

Wenn der Mann mit seinem langen Bogen über die Saiten strich, begann die Luft zu schwingen.
Mal schnell, mal langsam.
Die tiefen Töne drangen in die Erde, die hohen fuhren zum Himmel.

In der Dunkelheit, kaum sichtbar, flimmerten staubkleine Wesen – pfeilschnell oder federzart, listig wie Zwerge oder lästig wie Mücken – durch die Luft.
Jede Nacht.

Sie verhakten und verschlangen sich.
Sie schwebten Hand in Hand.
Sie rempelten sich an, bespuckten sich.
Sie schnappten ein und wieder aus.

Mit jedem Ton aus seinem Kontrabass kamen sie: die Gedanken.

Die Menschen nannten ihn den Gedankensammler.

Die Gedanken flogen aus den Träumen der Menschen.
Sorgen, Freuden, Erinnerungen, Wünsche.

Sie kamen auf dem kürzesten Weg, nahmen einen wichtigen Umweg in Kauf oder bummelten noch ein wenig durch die Weltgeschichte.

Doch im Laufe der Nacht landeten sie alle in einer der unzähligen Manteltaschen des Gedankensammlers.
Sie drängelten sich in großen, breiten, kleinen, schmalen und solchen mit winzigen Löchern.

Auch wenn sie nicht immer ihren Lieblingsplatz fanden – einen Platz fanden alle.

Manche Menschen waren dankbar dafür, dass ihre schweren Gedanken nicht mehr bei ihnen wohnten.
Doch andere wurden leise und leer.

Manche verzweifelten, weil ihnen Gedanken abhandenkamen, an die sie noch ein wenig denken wollten.

Felia war in diesem – ihren achten Sommer – bei ihrem Großvater zu Besuch.

Das Mädchen war nicht wie die anderen. In ihren Träumen hatte sie einen Garten getragen –
einen, der in ihren Händen seine Wurzeln wie goldene Fäden durch die Luft spannte,
bevölkert von hellen Stimmen, die wie Glasglocken klangen, und von fliegenden Wesen mit schimmernden Flügeln aus Feenstaub.

Doch seit einigen Nächten war es still. Zu still.

Die schweren Gedanken waren fort, ja –
aber mit ihnen auch die, die sie trösten konnten.

Die Erinnerung an das Lachen ihrer Großmutter.
Der Wunsch, einmal bis ans Ende des Himmels zu laufen.

Alles war leichter geworden – und gleichzeitig leer.

Darum stand sie nun im Nebel.
Barfuß, mit klopfendem Herzen. Vor einem Mann, so mächtig wie eine Trauerweide.

„Gib sie zurück!“, rief sie ihm mutig zu.

„Was willst du?“, brummte der Gedankensammler und schaute sie aus erbsengrünen Augen an.

„Spiel die tiefen Töne und behalte die schlechten Gedanken in deinen Taschen. Lass die guten bei den Menschen.“

„Warum? Meine Lieder brauchen die hohen und die tiefen Töne.“

„Menschen brauchen ihre leichten Träume.“

Da merkte der Gedankensammler, dass er den Menschen etwas Wichtiges nahm.
Doch wie sollte er die schweren von den leichten Gedanken trennen?

Der Gedankensammler strich in den folgenden Nächten tiefer als je zuvor.
Doch nichts geschah.

Die Gedanken kamen wie immer zu ihm.
Schwere und leichte, dunkle und helle – sie drängelten sich, stolperten übereinander, lachten und weinten durcheinander.

„So einfach ist es nicht“, sagte er leise, beinahe verzweifelt.

In der achten Nacht versuchte er es wieder.
Er ließ den Bogen langsamer sinken, gleiten, bis die Saiten dunkel brummten.

Da geschah etwas Seltsames: Einige der flimmernden Wesen zögerten.

Die dunkleren wurden schwer – als trügen sie nasse Flügel.
Sie suchten ihren Weg und verkrochen sich in seinen Manteltaschen.

Die anderen – die leichten, hellen – tanzten weiter, als hörten sie eine andere Musik.

Noch drei Nächte vergingen. Er verirrte sich in falschen Tönen, verlor Melodien, begann von Neuem.
Manchmal kamen die schweren Gedanken nicht. Manchmal kamen sie alle.

Doch eines Nachts – als der Nebel ganz dicht war und selbst der Mond nur tastend sah –
traf er einen Ton, so tief, dass die Erde antwortete.

Und nur die schweren Gedanken folgten ihm.

So wurde aus dem Gedankensammler ein Lenker.
Schwere Gedanken fanden ihren Weg zu ihm.
Die leichten blieben bei den Menschen.

Und in Felias Träumen kehrte das Lachen ihrer Großmutter zurück.
Leise. Nach und nach.

Inzwischen waren die Raben wieder am Himmel.
Ob sie am Südpol gewesen waren?

Wer wusste das schon.

Samstag,11.04.2026, Gedanken im Kloster Bernried