Im Tal der fließenden Farben wanderte einst ein kleines Wesen namens Lior durch Wälder und Auen. Niemand wusste genau, ob Lior ein Mensch war, ein Traum oder nur ein Gedanke, den die Welt einmal laut ausgesprochen hatte. Lior selbst wusste es auch nicht – und meist störte es ihn, etwas nicht zu wissen. Denn im Tal galt: Wer fragt, ist bereits unterwegs.
Eines Tages erschien über dem Tal ein gewaltiger Hirsch mit einem Schädel aus Licht und Farben. Seine Hörner waren wie Äste, die in den Himmel hineinwuchsen, und aus ihnen tropften Gelb, Blau und Rot wie Regen, der sich noch nicht entschieden hatte, ob er Wasser oder Erinnerung sein wollte.
Die Bewohner des Tals versteckten sich.
„Das ist ein Omen“, flüsterten sie.
„Ein Ende“, sagten andere.
„Oder ein Anfang“, murmelte Lior – und ging los.
Er stellte sich vor den Hirsch und sagte:
„Bist du gefährlich?“
Der Hirsch antwortete nicht mit Worten, sondern mit einer Frage, die direkt in Liors Brust auftauchte:
„Was genau möchtest du verlieren?“
Lior war verwirrt. „Ich wollte nichts verlieren. Ich wollte verstehen.“
Der Hirsch senkte den Kopf. Seine Augenhöhlen waren dunkel, voller Farben, die sich ständig veränderten.
„Verstehen ist immer ein Verlust,“ erklang die Stimme wieder. „Du verlierst die Möglichkeit, alles gleichzeitig zu sein.“
Lior richtete sich auf.
„Aber ich habe doch kaum etwas. Was könnte ich verlieren?“
Der Hirsch schwieg lange. So lange, dass die Sonne zweimal ihre Farbe wechselte. Dann sagte er:
„Du könntest die Geschichte verlieren, die du über dich erzählst.“
Lior erschrak. Seine Geschichte war alles, was ihn zusammenhielt: dass er klein war, suchte, unsicher war, unterwegs war. Ohne sie – was blieb dann?
„Und wenn ich sie verliere?“, fragte er leise und neigte seinen Kopf ein wenig.
Der Hirsch hob den Kopf, und aus seinen Hörnern fiel grüner Staub wie leiser Schnee.
„Dann wirst du merken, dass du nie die Geschichte warst, sondern der Raum, in dem sie erzählt wurde.“
Lior verstand nicht. Aber zum ersten Mal störte ihn das nicht.
Sie saßen lange zusammen, der kleine Wanderer und der Hirsch aus Farben. Schließlich sagte Lior:
„Ich habe Angst.“
„Natürlich,“ antwortete der Hirsch. „Angst ist der Schatten der Möglichkeit.“
„Und was soll ich jetzt tun?“
Der Hirsch begann zu verblassen, als hätte jemand beschlossen, dass seine Farben wieder gebraucht würden.
„Gehe zurück ins Tal und lebe. Und wenn du dich eines Tages wieder fragst, wer du bist – erinnere dich daran, dass die Frage größer ist als jede Antwort.“
Als Lior zurückging, bemerkte er etwas Seltsames:
Die Welt sah nicht anders aus. Die Menschen nicht. Die Wege nicht.
Nur er selbst war plötzlich größer geworden – nicht in der Größe seines Körpers, sondern in der Größe seines Staunens.
Und manchmal, wenn der Wind durch das Tal strich, glaubte Lior, ein leises Flüstern zu hören:
„Du bist nicht hier, um dich zu finden.
Du bist hier, um Platz zu schaffen.“
Und so lebte Lior weiter – fragend, staunend, verlierend und gewinnend zugleich – wie alle Wesen, die jemals begonnen haben, wirklich zu sehen.
Bild: privat, Ölpastellkreide, 2026