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Der arme Ballhorn

  • Beitrags-Kategorie:Gedichte
  • Lesedauer:1 Min. Lesedauer

In Lübeck, einst vor langer Frist,
geschah etwas, das gar nicht selten ist.
Ein Gesetzbuch sollte besser werden,
zum Nutzen aller Menschen auf Erden.

Der Bürgermeister nickte weise,
der Ratsherr sprach auf seine Weise,
der Syndikus rief: „Nur Mut dabei,
danach ist alles fehlerfrei!“

Sie änderten hier, ergänzten dort,
vertauschten manches kluge Wort.
Was einst verständlich, klar und schlicht,
erkannte man am Ende nicht.

Den ganzen Wirrwarr druckte dann
der redliche Johann Ballhorn an.
Er setzte Lettern, Zeil um Zeil,
tat seine Arbeit mit Bedacht und Eil.

Doch als das neue Buch erschien,
da war es mit der Ruhe hin.
Die Leser stöhnten weit und breit:
„Was ist das für ein Unsinn heut?“

Da suchte man nach einem Namen,
dem Schuld und Spott zugutekamen.
Und weil auf dem Titel Ballhorn stand,
traf ihn das Urteil im ganzen Land.

Die Herren, die den Text verdrehten,
hat längst der Wind der Zeit verweht.
Der Drucker aber blieb im Wort
bis heute an geschichtlichem Ort.

So wurde aus dem guten Mann
ein Sprachdenkmal – irgendwann.
Wer etwas bessert, doch schlimmer macht,
hat „verballhornt“, sagt man und lacht.

Drum denke bei der nächsten Runde,
wenn jemand klagt mit ernster Munde:
Nicht immer ist, wer vorne steht,
derjenige, der den Fehler begeht.

Der arme Ballhorn, Jahr für Jahr,
trägt eine Schuld, die nie die seine war.

Foto: pixabay