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Pfingstvogel

Im Mai, wenn längst die Amsel singt
und jeder Baum sein Blätterkleid schwingt,
da ist von einem noch keine Spur –
der Pirol fehlt noch in der Natur.

Die Schwalbe kreist, der Storch ist da,
der Kuckuck ruft schon „ja, ja, ja!“,
doch der Schöne lässt sich noch Zeit,
er reist nach seiner eignen Jahreszeit.

Denn weit, weit weg im Tropenland,
am warmen afrikanischen Strand,
hat er den Winter fein verbracht
und über Bayern kaum nachgedacht.

Als echter Langstreckenpilot
scheut er kein Meer, kein Wettergebot.
Er flattert Tausende Kilometer weit
und landet schließlich zur Pfingstrosenzeit.

Dann sitzt er plötzlich im grünen Revier,
goldgelb leuchtend – ein Federjuwel hier.
Und kaum hat er den Ast erklommen,
da meint man, die Blaskapelle sei gekommen.

„Lü-li-o! Lü-li-o! Hört her, ihr Leut‘!
Der Pirol ist wieder da, seid erfreut!“
Er pfeift so laut durch Wald und Flur,
als gehöre ihm die ganze Natur.

Die Meise ruft: „Nun dämpf dich mal!“
Der Fink verzieht sich ins Seitental.
Selbst der Specht denkt: „Was für ein Ton –
der braucht ja gar kein Mikrofon!“

Doch der Pirol singt unbeirrt weiter,
fröhlich, gelb und immer heiter.
Er trällert, jubelt, pfeift und schallt,
bis sein Echo durch die Kronen hallt.

Der Spatz fragt: „Warum kommst du erst Ende Mai?“
Der Pirol blinzelt keck dabei:
„Ganz einfach – erst singt die Vorgruppe bis Mai,
dann komm ich – der Star – mit dem Höhepunkt vorbei!“

Da piepst der Spatz: „Von wegen Star!
Du bist ein Pirol, sonst nichts, ist doch klar!“
Der Pirol lacht: „Das stimmt genau –
doch hör nur hin, dann staunst du auch!“
Er pfeift und jubelt voller Kraft,
bis selbst der Specht vor Staunen gafft.
„Kein Star? Das macht mir gar nichts aus –
Hauptsache, man hört mich und spendet Applaus!“

Foto: pixabay