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Zwanzig Tenöre im Garten

Im Garten tagt ein Sängerbund,
nicht leise, nein, aus vollem Mund.
Zwanzig Tenöre, hoch motiviert,
die keiner jemals dirigiert.

Die Amsel übt ihr Abendlied,
als wär sie Opernstar und Hauptfigur
der großen Nachtmusik –
sie singt im schwarzen Federchic.

Die Blaumeise hüpft von Zweig zu Zweig,
quicklebendig, flink und eigenwillig zugleich.
Die Kohlmeise ruft: „Nun hört mal zu,
Gesang braucht Mut und inn’re Ruh!“

Die Mönchsgrasmücke klingt kultiviert,
als hätte sie Gesang studiert.
Der Zilpzalp dagegen zwitschert
nur „Zilp“ und „Zalp“ in seiner Welt.

Die Ringeltaube gurrt sonor,
als käme sie aus einem Männerchor.
Der Buchfink hält sich für ein Genie,
der Girlitz widerspricht ihm nie.

Der Grünfink pfeift mit leichtem Schwung,
der Stieglitz wirkt vergnügt und jung.
Der Kernbeißer knackt im Takt
die Nüsse, die er sicher packt.

Der Kleiber rennt kopfüber fort,
verhaspelt sich am falschen Ort.
Der Zaunkönig, winzig klein,
will heut der große Solist sein.

Der Buntspecht trommelt auf die Rinde,
als gäb es Rabatt auf zarte Linde.
Der Grünspecht lacht dazu im Chor –
sein Kichern klingt in Dur hervor.

Die Misteldrossel ruft so klar,
als sei sie Wetterprophetin gar.
Der goldene Pirol im Blätterzelt
singt, als gehöre ihm die Welt.

Hoch über allem, pfeilschnell, frei,
schneidet der Mauersegler vorbei.
Er singt nicht lang, er fliegt vielmehr,
doch sein Geschrei gehört dazu sehr.

Die Rabenkrähe kommentiert
alles, was ringsum musiziert.
Sie klingt ein wenig wie Kritik,
doch meist mit hintergründigem Blick.

Ganz oben kreist der Mäusebussard,
gelassen wie ein alter Burgherr.
Er schweigt und denkt: „Wie sonderbar,
dass Singen wohl schon immer war.“

Und plötzlich merkt der Garten dann:
Kein Vogel führt den anderen an.
Kein Taktstock winkt, kein Meister schreit,
und doch entsteht Gemeinsamkeit.

Was uns wie wildes Durcheinander,
ist für die Vögel Miteinander.
Denn jeder singt auf seine Weise –
mal laut, mal schräg, mal klug, mal leise.

So lehrt der Chor im Morgenlicht
ganz ohne Satzung und Gericht:
Die Welt wird nicht durch Gleichklang schön –
sie lebt davon, dass viele Töne geh’n.

Und wenn die Menschen weiser wären,
würden sie öfter Vögel hören.
Denn zwischen Ast, Gesang und Wind
liegt eine Wahrheit, leicht wie eine Melodie.

Alle Vogelstimmen am 13. Juni 2026 zur Morgenstunde im Garten gehört.

Foto. pixabay