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Kabelsalat

Ein Versuch, sich mit ihm zu arrangieren

Lange Nudeln unterm Sofa

An meinem Lieblingssofaplatz liegt ein weißes aus Plastik, damit ich das Tablet jederzeit aufladen kann. Am Lieblingssofaplatz meines Mannes neben dem Klavier, kringeln sich drei Stück, zwei weiße mit unterschiedlichen Steckern und ein geflochtenes Kabel (eine günstigere Version aus China). In derselben Steckdosenleiste steckt noch ein starres Ethernet-Kabel, das zum Drucker oder zum Router führt. Griffbereite Kabel für jeden Einsatz verschandeln die Behaglichkeit. Andererseits geht nichts ohne sie.

Muss man sich an Kabelsalat in der Wohnung gewöhnen? Wir haben uns schon viel angeschaut: Feste Kunststoffleisten als Kabelkanäle an der Wand oder der Fußleiste sind globig. Diskrete Kabelboxen aus weißem Kunststoff mit seitlichen Schlitzen, in denen komplette Steckdosenleisten und klobige Netzteile einfach verschwinden – wir haben keinen Platz dafür und wollen so ein Ding auch nicht in jedes Zimmer stellen. Klettbinder, Kabelclips, Untertisch-Kabelwannen … alles hässlich und scheußlich – und was noch schlimmer ist: innerhalb kürzester Zeit sieht alles wieder aus wie ein Teller Spaghetti unter dem Sofa.

Theaterluft

Im dritten Obergeschoss des Theaters, das übrigens als Ebene 4 bezeichnet wird, befindet sich der Besprechungsraum des Intendanten, in dem der Workshop stattgefunden hat. Uns empfing der typisch muffige Besprechungszimmergeruch, er ist im Theater nicht anders als in Firmen, Schulen oder in Rathäusern. Warum ich erwartet hatte, dass Kreativität frischer riecht? Ich nahm an dem langen, weißen, ovalen Besprechungstisch Platz und schien genau die Stelle erwischt zu haben, an der sich der trockene, muffige Geruch konzentrierte. Ich schaute mich um. Hinter mir in der Ecke lag ein eingerolltes dickes schwarzes Kabel. Die Muffquelle? Der Geruch aufgerollter, dicker Kunststoffkabel erinnert unwillkürlich an Dachboden. Einmal bin ich durch die Produktionshalle einer Kabelfirma gelaufen. Diese süßlich-beißende Kunststoffnote wie bei frisch ausgepackten Luftmatratzen habe ich lange nicht mehr aus der Nase gekriegt. Die eingerollte Riesenschlange hinter mir liegt griffbereit für einen Einsatz dort, sie ist noch nicht alt. Alte Kabel werden zusätzlich klebrig. Ich kann es nicht verbergen: Ich mag Kabel nicht.

Stollenbesichtigung

Wir besichtigen unterirdische Gänge einer Zitadelle und gehen dort, wo die Verteidiger früher Patrouillen gelaufen sind, um Feinde, die sich unter den Mauern durchgraben wollten, aufzuspüren. Es ist feucht, kalt und dunkel. Tagelang mussten Soldaten dort ausharren, essen, pinkeln, austreten, schlafen – ein gruseliger Gedanke. An den salpetrigen Wänden können wir uns nicht festhalten. Der Boden ist glitschig, führt mal nach oben, mal nach unten, mal mit, mal ohne Stufen. An der Wand ist ein dickes, schwarzes Kabel angebracht. Ein Handlauf? Noch bevor ich zu einer Antwort komme, rutsche ich auf einer Stufe aus und fange mich unwillkürlich am Kabel ab. Es blitzt, funkt – und dann geht das Licht aus. Die Gruppe steht im Dunkeln. Totenstille. Das erste Handylicht geht an. „Finden wir hier jemals wieder raus?“, fragt hinter mir ein Mann. „Wenn wir immer an dem schwarzen Kabel entlanggehen, finden wir den Ausgang bestimmt“, meint der letzte Mann hinten. Der Führer ist weit vorne. Das Licht geht wieder an.

Kabeljausalat

Wir stehen auf dem spektakulären Fußballfeld von Henningsvaer auf den Lofoten. Drohnenaufnahmen von hier gingen um die Welt, weil er auf einer winzigen Felseninsel liegt und vom offenen Atlantik und spitzen Lofotenberggipfeln umgeben ist. Es gibt keine Tribünen für Zuschauer und ich frage mich gerade, wie viele Bälle regelmäßig ins Meer fliegen. Mädchen kicken auf dem Kunstrasen. Es ist Juni, die Sonne geht nicht mehr unter. Wegen des Windes schließe ich meine Jacke. Ich höre ein hölzernes Klappern. Direkt am Spielfeldrand stehen riesige Holzgestelle. Wir bewegen uns auf sie zu.

An den ergrauten Konstruktionen aus Holz wird Kabeljau getrocknet. Senkrechte Pfosten tragen Querbalken, dazwischen hängen Fische mit dem Kopf nach unten, gleichmäßig verteilt. Der Abstand ist nicht zufällig: Er folgt Generationen von Wissen über Windrichtungen und Haltbarkeit. Die getrockneten Fische heißen Stockfische und hängen dicht an dicht, sie können bald geerntet werden. Die Fische bleiben etwa drei Monate dort hängen, jetzt ist die Nachreifungszeit, ähnlich wie bei luftgetrocknetem Schinken. Der Kabeljau ist fertig, wenn er steinhart ist, steht im Fremdenführer, mir kommt die Konsistenz eher holzartig vor. Fliegen gibt es nicht, dabei muss der Fisch doch ein gefundenes Fressen für sie sein. Es riecht nach Salz, nach Meer und sonst nach gar nichts.

FAZIT: Vielleicht sollten Ladekabel an Holzgerüsten aufgehängt werden.


(c) 24.06.2026 | Marit Thürauf | Gefunden beim Durchforsten meiner Notizbücher