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Post aus der heilen Welt

Juli 2026

Ich befinde mich nun hier in einem Bergdorf in den Walliser Bergen, vor mir das Matterhorn, ganz klein und unscheinbar, ungefähr 50 km Luftlinie weit entfernt. Wir sind in einem Chalet, das die Eltern meiner Freundin Denise vor sechzig Jahren erworben haben. Vom Balkon aus haben wir einen direkten Blick auf Weißhorn, Matterhorn und und und – lauter 4000er. Eine Schönheit und Erhabenheit bei der ich ganz stumm werde. 

Wir haben strahlend schönes Sommerwetter. Unten im Tal hatte es 37 Grad – hier oben 21 Grad – mittags. Morgens und abends trage ich Kuschelsocken und einen Faserpelz. In der Nachmittagssonne auf dem Balkon ist es nicht auszuhalten. Eine Stelle am Knie habe ich mir nicht eingecremt und mir innerhalb von zehn Minuten einen kreisrunden Sonnenbrand auf der Kniescheibe zugezogen. 

Tagsüber wandern wir viel, sind von den 2000 m auf denen wir uns aufhalten, schon einmal auf 2700 m gewesen – allerdings mit der Seilbahn, denn auf diese steinige Bergspitze kommen nicht mal mehr Steinböcke hinauf. Oben auf der Spitze haben wir das erste Mal auf den Aletschgletscher schauen können. „Ein Titan“ las ich in einer Broschüre, der größte Gletscher der Alpen. Ich fand ihn schmutzig, furchig, schmal. Aber auf einem Plateau auf der Bergspitze, spürte ich eine besondere Ruhe und Klarheit und hätte mich gerne mit einem Heft und einem Stift dort einige Stunden lang aufgehalten und geschrieben. Wir hatten aber Karten für ein Konzert, das an diesem Abend dort oben veranstaltet wurde. So saß ich später dann an einem anderen Platz längere Zeit auf der Erde, schaute mir die weißen Gipfel an und hörte der Musik zu. Diesen Abend werde ich nicht mehr vergessen: Eine schöne Frauenstimme, rockige Klänge, Alpenpanorma. Es war erstaunlich warm da oben, eine langärmeliges T-Shirt genügte. Einige tanzten sogar barfuß auf der Wiese mit nackten Schultern. Das hätte ich mich wegen der intensiven Sonne nicht getraut. Die Sonnencreme mit dem Zusatz „alpin“ fängt bei dem Lichtschutzfaktor 50 erst an.

Erst zwei Nächte bin ich hier. Es kommt mir vor, als wäre die Zeit gedehnt und langsam.

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Von unserem Bergdorf aus beginnen viele Rundwanderwege. Gerade blühen die Wiesen so schön: purpurfarbene Steinnelken, dunkelblaue Glockenblumen, gelbe Arnikablütenteppiche. Enzian und Alpenrosen sind schon verblüht. Die meisten Wege führen irgendwann hinauf. Schon hundert Höhenmeter steiler Bergpfad haben es in sich. Bis zu der Höhe, in der Kuhglocken zu hören sind, kann der Blick beim Wandern noch umherschweifen. In Murmeltierhöhe geht es auch noch. Danach wird es steiniger und der Pfad erfordert meine gesamte Aufmerksamkeit. Ich bin langsam. Zuhause steige ich die Höhen leichter. Ist es die sauerstoffärmere Luft? Der Körper bildet nun viele rote Blutkörperchen und unten im Tal werde ich dann fit sein, wie die Sportler nach dem Höhenlager. Denise erzählte mir, dass die Sportler früher auf der Höhe trainiert haben, sich das aber nicht bewährt hat. Nun trainieren sie im Tal und schlafen oben, das bringt mehr. Wir kommen bei jeder Wanderung in die Bergziegenregion oberhalb der Baumgrenzen. Darüber gibt es noch die steinige Region, in der ich nur noch Wasserrauschen höre. Ich gehe in meinem langsamen Rhyhtmus; wenn ich bei Alexander und Denise ankomme, gehen sie weiter. Ich bräuchte keine Pause, aber ich will mich in Ruhe umschauen, alles auf mich wirken lassen, weil ich beim Gehen so aufpassen muss. Innerhalb der Baumgrenze begleitet uns lebendiges Vogelzwitschern, aber oberhalb habe ich noch keine Greifvögel gesehen und auch nur einmal lange ein Murmeltier pfeifen hören – es aber nicht gesehen. Ich möchte noch viel langsamer gehen, damit ich all die Schönheit aufnehmen kann. 

Obwohl Anfang Juli und Ferienzeit in der Schweiz, trifft man nicht allzu viele Menschen. An manchen Aussichtsplätzen sehen wir mehr Leute, die Picknick machen; auf den Wegen ist es entspannt. Wenn man doch aufeinander trifft, gibt es ein freundliches „Gruezi“ und ein Lächeln. Angenehm ist, dass die Strecken für die Biker von den Wanderpfaden getrennt sind. Und wenn sie sich doch mal kreuzen, sind die Biker rücksichtsvoll. Einmal kamen wir kaum aneinander vorbei, an der einen Seite ging es hinunter, an der anderen steil hinauf, kein Platz für zwei, schon gar nicht mit Fahrrad. Ich wollte nicht am Abhang vorbeigehen, aber die jungen Leute. die uns entgegenkamen, stiegen nicht einmal vom Fahrrad ab und fuhren langsam vorbei. Eine unachtsame Handbewegung und sie wären den Abhang hinuntergepurzelt. Zugegebenermaßen weiche Wiesen – aber trotzdem. Es gibt auch eine neue Mode: Mountaincarts. Auf breiteren Wegen, egal ob Schotter oder Asphalt, rattern vorzugsweise Jugendliche und ihre Väter einen Berg hinunter. Glücklicherweise machen sie dabei ziemlich viel Lärm, so dass man auf die Seite gehen kann, wenn sie angebraust kommen. Es sieht nicht so aus, als könnten sie kurzfristig bremsen. Ein Hochseilgarten für Kinder und einer für Erwachsene hat mir mehr imponiert. Durch die Wipfel eines Nadelwaldes führt ein ausgedehnter Parcour und siebenjährige Jungs und Mädchen sah ich dort in den Baumwipfeln herumkraxeln. Die Eltern stehen am Anfang noch unten, erklären, was sie machen können, wenn sich die Seilwinde oben etwas verhakt; später sind die Kids auf sich allein gestellt. Ich kann nur staunen. Wer auf solchen Spielplätzen großgeworden ist, bewegt sich ganz anders als ich in den Bergen. 

Es gibt schon auch eine Hüpfburg für Kinder. Sie wirkt wie eine Holzperle unter Diamanten.

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Nun sage ich selbst bereits „Gruezi“ und nicht mehr „Hallo“, wenn ich anderen begegne. Gestern Morgen liefen wir duch das Dorf. Neben einer Ferienwohnung saß eine Frau an einem Tisch und las Zeitung. Sie saß nahe an der Straße, eigentlich nicht sehr idyllisch – da blickte sie auf, lachte mich freundlich an und sagte „Gruezi miteinand“. Ihr herzliches Lachen macht diese Begegnung erzählenswert. Wir wollten an diesem Tag ein Stück mit dem kleinen Elektrobus fahren, der auf eine benachbarte Alp fährt. Ansonsten fahren hier oben keine Autos, nur einige kleine, kastenförmige Elektroautos für Handwerker und  Wäschereien. Der Busfahrer begrüßt alle mit einem „Hallo“, fragt, wohin man fahren möchte, alle, die unterwegs einsteigen begrüßen ihn beim Einsteigen ebenfalls und wenn man wieder aussteigt, gibt es ein „Danke“ an den Fahrer und von ihm ein „Habt einen schönen Tag“. Unterwegs treffen wir auf einen Mann mit einer Hacke, der die Wanderwege inspiziert; auch dort ein kurzes Gespräch, ein paar freundliche Worte und weiter gehts. In der Hütte unten am See unterhalten sich zwei Tischnachbarn darüber, ob sie die geführte Gletschertour machen wollen und jemand vom Nebentisch fängt die Frage auf und sagt, dass sich diese Tour wirklich lohnt und sehr interessant ist. Dann wechselt man ein paar Sätze und dann ist wieder jeder für sich. Oder man fragt sich, wo man herkommt. Das ist alles so entspannt und normal und fällt mir nur deshalb auf, weil ich neulich zuhause im Supermarkt so ein komisches Erlebnis hatte. Zwei junge Frauen vor mir sprachen in der Warteschlange an der Kasse darüber, dass es einen bestimmten Frischkäse leider nicht in diesem Laden gibt. Ich sagte: „Doch, es gibt ihn. Er ist beim Quark eingeräumt, nicht beim Käse.“ Die beiden schauten etwas betreten und bedankten sich und drehten mir dann umgehend den Rücken zu. Später hörte ich von einer anderen jungen Frau, dass junge Menschen es eigentlich übergriffig finden, wenn die Millenials jeden anquatschen. Ja glaubten die jungen Frauen in der Warteschlange eigentlich, dass eine Glaswand zwischen ihnen und mir ist und ich nicht hören kann, was sie sprechen? Und warum waren sie nicht ehrlich erfreut über meinen Hinweis? Ich finde diese Distanziertheit so unnormal. Auch wenn ich weiß, dass nicht alle jungen Leute so sind, so empfinde ich doch diese offene Art des Umgangs hier in der Schweiz als unglaublich angenehm. Erst am dritten Tag bekam ich mit, dass unsere Ferienwohnung nie abgeschlossen ist. Für Denise ist das ganz normal. 

Das passt gut zu einem Gedicht, das ich im Winter geschrieben habe. Da empfand ich die Offenheit bei uns im Mehrparteienhaus als sehr angenehm und erinnerte mich an eine Zeit, in der ich in einem kleinem Dorf gelebt habe:

Dorfig

Weißt du? Wenn ich heimkomme,
stelle ich das Fahrrad einfach vor der Türe ab
und gehe ins Haus. Ich schließe es nie ab.

Alle Nachbarn kennen mich und ich kenne sie.
Ich weiß nicht, was in den Stuben geschieht,
doch was draußen passiert, wissen alle.

Im Sommer findet das Leben im Garten statt.
Das Klingeln im Haus hört niemand.
Nicht morgens, nicht mittags, nicht abends.

Wenn etwas passiert, helfen alle zusammen.
Man muss garnicht darum bitten.
Anfangs war mir das unangenehm.

Damals dachte ich noch,
in der Stadt wäre das nicht möglich.
Zumindest nicht in unserem Haus.
(23.1.26)

Hier in den Bergen erlebe ich eine höhere Oktave alltäglichen Umgangs miteinander. Es ist vor allem das, was ich hier nirgends sehe, nicht im Dorf, nicht auf den Almen: Keine weggeworfenen Taschentücher oder Bonbonpapierchen, keine einzige liegengebliebene Caprisonne an einem Rastplatz, obwohl es keine Abfahllbehälter gibt. Eine einzige Zigarettenkippe habe ich einmal neben einer Bank gesehen. Es gibt neben den Wanderwegen keine Stellen, wo sich Menschen erleichtert haben und nie habe ich einen Mann gesehen, der vor einem Baum stand. Was macht die Menschen hier anders?

Wenn ich das nur wüsste.

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Gestern waren wir an einem ganz besonderen Ort: Dem Aletschwald. Seit hundert Jahres ist dieser Wald Naturschutzgebiet, kein Stein und keine Pflanze darf daraus entnommen werden. Das besondere sind die Bäume: Teilweise eintausend Jahre alte Arven. Das sind Nadelbäume mit einem besonders knorzigem Holz, heller als Fichten- oder Tannenholz. Im Wallis habe ich es in den Toiletten als Wandbekleidung gesehen und nicht gewusst, um welches Holz es sich handelt. Arven sind besonders harzhaltig und beim Gehen auf dem Waldpfad erreicht mich immer wieder schwadenweise intensiver Harzduft. Die unteren Äste hängen oft abgestorben herunter, an ihnen bildeten sich Moose, die teilweise herabhängen und wie Schleiervorhänge aussehen. Es ist kein dichter Wald so nahe an der Baumgrenze, dazwischen sind immer wieder Lichtungen mit versteinerten Bäumen, aufrechten und liegengebliebenen, in der Farbe von den Felsen kaum zu unterscheiden. Schmetterlinge begleiten unseren Weg. Wir laufen am Hang, links neben uns geht es tief hinunter, doch noch gibt es immer wieder Baumgruppen am Hang, die die Sicht in die Schlucht unmöglich machen. An der Wand gegenüber fallen Wasserfälle ins Tal. Ihr Rauschen hallt bis zu uns herüber. Nach einer Biegung geben die Bäume den Blick frei auf einen Gletscher in Herzform, gegenüber am Gipfel. Ich weiß, hinter diesem Massiv ist der Jungfraugipfel. Er ist von uns aus nicht zu sehen. 

Eine Märchenwelt. Ein Ort, der keine Gedankenspaziergänge erlaubt, nur ein konzentriertes einen-Fuß-vor-den-anderen-setzen, ein Stehenbleiben, tiefes Atmen – und Staunen.

Zweimal bringen tieffliegende Düsenflugzeuge die heutige Zeit in die Zeit von gestern. Auch die Schweizer Luftwaffe übt.

Nach dem Wald mussten wir hoch auf den Grat, ein Bergziegenweg, anstrengend, insgesamt 350 m, nicht vom Aletschwald, sondern von der Alp aus. Wir hätten umdrehen und den Wald noch einmal von der anderen Seite aus erleben sollen. Ich hatte sowieso wieder viel zu wenig Zeit, diese geheimnisvolle Welt in mich aufzunehmen. Es ist so ein besonderer Ort. Ganz bestimmt ist hier der Rückzugsort aller Elfen und Waldfeen dieser Welt.

Noch keine vier Tage bin ich von zuhause fort. Ich kann es kaum glauben.

Auf dem Rückweg liegt glücklicherweise ein Lokal. Meine linke Fußsohle brennt wie Feuer. Kurz vor unserer Abfahrt ist mir ein Stein auf die Wurzel des Linken Zehs gefallen und das bereitet mir nun Schmerzen. Am Ballen bahnt sich eine Blase an. Die Pause brauche ich jetzt dringend. Die Almwirtschaft nennt sich „Restaurant Chuestall“ und ich denke mir, dass das Wort „Restaurant“ hier wohl auch anders gebraucht wird, als bei uns. Dann ist es doch eine superschöne, gepflegte Almgaststätte, mit Kaiserschmarrn, Raclette, Pommes – allem, was das Herz begehrt. Und die Aussicht ist göttlich! Rundherum Alpenpanorama, in der Ferne die Spitze des Matterhorns. Wenn ich es nicht wüsste, würde sie mir nicht auffallen, so klein erscheint sie aus dieser Perspektive. 4.478 m ist das Matterhorn hoch. Vor oüber dreißig Jahren habe ich es in Zermatt in seiner ganzen Pracht gesehen. Auch ein Eindruck, den ich nie mehr in meinem Leben vergessen werde. Aber hier geht man hundert Meter auf dem Grat und schon sieht man wieder neue Gipfel und die alten nicht mehr und dann erst das Licht- und Schattenspiel der Bergkämme beim Sonnenuntergang – jede Minute lässt das Sonnenlicht wie bei einem Scheinwerfer eine neue Bergspitze erglühen und eine andere fällt in den Schattenbereich. Jeden Abend sind die Berge anders, obwohl diese Berge hier seit fünfzig Millionen Jahren stehen.  

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Unser Turnschuhspaziergang am folgenden Tag führt uns durch ein Waldstück mit moosbewachsenen Felsen und Bäumen, von denen Flechten herabhängen. Denise erzählt uns, dass ihre Großmutter damit Wolle gelb gefärbt hat. Um uns herum flattern die schönsten Schmetterlinge. Manche bleiben auf der Haut sitzen und lassen sich ein Stück weit tragen. Wann habe ich das letzte Mal einen Schwalbenschwanz-Schmetterling um mich herumflattern sehen? Hellgelb mit schwarzer Maserung, zum Schwanz hin leuchtenblau und dann einzigartig, der Schwalbenschwanz. Hier sehe ich zwei beeinander, erst sucht der eine tänzelnd eine passende Blüte – dann kommt der zweite hinzu und beide schießen so schnell davon, wie ich Schmetterlinge noch nie habe fliegen sehen. Ich sehe hier Aurorafalter, orange mit schwarzen Tupfen. Ich erkenne ihn, weil er in einem Kinderbilderbuch war, sehe jedoch, dass es hier noch viel mehr Arten orangefarbene Schmetterlinge gibt, den sogennannten C-Falter, der eine andere Musterung hat, der Kleine Fuchs, der Monarchfalter, Distelfalter … sie sind alle ähnlich und doch anders. Ich erkenne außerdem Tagpfauenaugen und Admiral-Schmetterlinge und bedauere es, dass ich all ihre Namen vergessen habe – wohl weil sie auf unseren Wiesen kaum mehr zu sehen sind. Hier blühen die Wiesen gerade in voller Pracht, mir gefallen die Hänge voller Lupinen in vielen Farben. Sie sollen einheimische Blüher verdrängen, habe ich auf einem Plakat gelesen. Deshalb sollen sie zumindest in Gärten vor der Aussaat gepflückt werden.

Der Weg, auf dem Denise als Kind mit ihrer Oma Schlitten gefahren ist, führt uns immer weiter hinunter ins Tal, es ist eine Rodelbahn die überhaupt nicht mehr endet – und Alexander gibt zu bedenken, dass wir ja alles wieder hochlaufen müssen. Doch Denise hat einen Geheimtipp: Es gibt eine kleine Zahnradbahn, in die wir auf halber Höhe einsteigen können und die uns kostenlos mitten zur Dorfkirche bringt. Die Bahn ist gespenstisch steil, es gibt kein Seil, das sie hält. Ich steige trotzdem ein und vertraue den Schweizer Baumeistern. Wie so oft bereits. Gondelfahren ist für mich etwas, was ich nicht genießen kann, überhaupt nur über mich ergehen lasse, wenn ich die Augen schließe und beim leisesten Knacken zusammenzucke. Dann fallen mir Filmszenen ein, in denen Leute mit Hubschraubern aus Gondeln geborgen werden mussten, oder tagelang darin ausharrten, bis sich die Seilbahn wieder in Bewegung setzte. Hier bleibt mir nichts anderes übrig, als mich darauf einzulassen. Die letzten Tage war ich schon fünfmal in einer Gondel. Alexander ist auch nicht schwindelfrei; er verdreht die Augen, wenn ein Weg an einem Abgrund entlang verläuft. Gondelfahren macht ihm dagegen gar nichts aus. Nun stehen wir also vor der nächsten Herausforderung, dieser Zahnradbahn, die im Winter wohl die Skifahrer wieder nach oben auf die Piste bringt. Denise ist tapfer bis ins Dorf hochgelaufen und wird unsere Angehörigen benachrichtigen, wenn wir dieses Abenteuer nicht überleben. Gottseidank steigt eine Großmutter mit ihren zwei Enkeln ein; sie scheint einheimisch zu sein und die drei fahren ganz offensichtlich nicht das erste Mal mit dieser kleinen Bahn. Das stimmt mich etwas zuversichtlicher.

Alles geht gut und wir treffen uns oben mit Denise in einem Café zu einer Erfrischung. Es ist Nachmittag, der Himmel mit einer dünnen Wolkendecke überzogen. Wenn die Sonne weggeht, ist es gleich kalt. Egal, wie lange man unterwegs ist: Ohne Jacke im Rucksack geht es nicht. Mal sehen, ob ich morgen wieder besser laufen kann. Wir haben uns noch einmal einen leichteren Weg ausgesucht; den werde ich hoffentlich ohne Schmerzen schaffen. Zwei Tage haben wir noch, bis wir am Freitag mit dem Schweizer Postbus ins Aostatal weiterfahren.

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Ich frage mich, ob eine außerordentlich schöne Natur die Mentalität eines Landes prägt. Sind die Schweizer deshalb stabil, ruhig, ausgeglichen, weil die Umgebung so viel Lebensenergie enthält? Ich fühle mich manchmal wie ein Schwamm, der ständig in schmutzigem Spülwasser ausgewaschen wird und gar nicht mehr richtig sauber werden kann. Hier in der Natur wird mein Schwamm endlich wieder einmal tiefengereinigt. 

Es müssten nicht Berge sein. Ähnliches habe ich im Winter an der Sylter Küste erlebt. Oder vor zwei Jahren auf Fehmarn in der Ostsee. Oder letzten Sommer auf den Lofoten nördlich des Polarkreises – es war eine ähnliche Vitalisierung, nur konnte ich es da noch nicht so benennen, wie ich es jetzt erfahren habe. Hier auf der Alp ist es nicht nur die saubere Umgebung, die mich wieder durchgepustet und reingewaschen hat, auch die freundlichen Menschen die hier leben, haben dazu beigetragen. Was ich in meinem Alltag zuhause erlebe, mit dem Kopf in der Nachrichtenwelt, der Seele verstrickt in allerlei Beziehungen, dem Körper genährt durch üppige Spezialitäten – was ich alles passiv in mich aufnehme und das sich nach und nach in mir als Sorge, Unverständnis und Widerstand zusammenbraut, das macht mich zu einem ganz anderen Menschen, als ich es hier in dieser energetisierenden Natur sein kann. Hier ist es so, wie ich es als normal und natürlich empfinde. Und ich merke, dass ich mich nicht permanent mit weniger zufrieden geben sollte. Zumindest ab und zu regelmäßig auftanken – das geht sicher auch in heimischen Wäldern. 

Vielleicht ist es so, dass nichts das Majestätische der Natur besser verkörpert als ein Berg. Und dass Menschen, die in einer kraftvollen Natur zuhause sind, mit sich selbst gut auskommen. Auch, weil man ständig etwas beobachten kann, dass viel größer ist, als das, was man gemeinhin für wichtig hält. 

Morgen geht es weiter nach Italien, ins Aostatal – eine ebenso gesegnete Region in den Alpen. 

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(c) 3.7.-10.7.26 Margit Thürauf