Ja, da sitze ich im Zug nach Stuttgart, langsam schnaufend bewegt er sich Richtung Lauda. An mir vorbei ziehen Wiesen, mir fehlt der Geruch, wie seltsam denke ich und versuche mir den Duft vorzustellen, es gelingt nur für einen Augenblick. Die Sonne taucht alles in gleißendes Licht, als ob sie die Halme küssen würde. Licht und Schattenspiele voller Fantasie und Mystik. Verzaubert schaue ich aus dem Zugfenster und merke, dass wir bergauf fahren. Wie ein Drache wälzt sich der Zug keuchend und zischend bergauf. Abgeerntete Felder, Stoppeln, ein Vorgeschmack auf den Herbst. Melancholie erfasst mein Herz: was schon so bald? Aber noch ist Sommer, jeder Augenblick zählt. Meine Gedanken schweifen ab und bleiben hängen am Herbst. Beginnt der Herbst meines Lebens? Nein, er beginnt nicht, er ist schon da, hat sich eingeschlichen durch die Hintertüre. Noch fühle ich mich stark und unverwundbar, wie lange noch? Ich weiß, wie zerbrechlich ein menschliches Leben ist.
Wir halten in Osterburken. Ich suche in meinem Gedächtnis. Woher kenne ich den Namen? Langsam kommt die Erinnerung: ein Urlaub in der Nähe mit Friedrich, Maria, Götz und Wicke. Das ist so lange her, nicht mehr wahr und doch ein Teil meines Lebens. Der nächste Halt ist Bietigheim-Bissingen, eine Erinnerung an meine frühere Tätigkeit: Die AOK mit ihren Sonderwünschen, ein Schreck aller Arzthelferinnen.
Stuttgart Hbf. Wir halten auf Gleis 15, sollten doch auf Gleis 5 halten, 10 Minuten Verspätung. Ich springe aus dem Zug, renne zu meinem Anschlusszug, finde einen Sitzplatz, setze mich und merke, dass ich meinen Koffer vergessen habe. Eile zurück zu Bahnsteig 15, der Zug steht noch da. Ich stürze hinein, haste durch den ganzen Zug. Es ist kein Koffer zu finden. Der Zug fährt an, wird schneller fährt mich auf ein Abstellgleis, die Türe ist verriegelt, ich schaue, ob ich aus dem Fenster steigen kann, es ist zu hoch und unten liegt Schotter. Mein Adrenalinspiegel ist in unglaubliche Höhen geschossen. Mir bleibt nur die Türentriegelung zu lösen, ich reiße die Plombe ab und tatsächlich der Zauberspruch Sesam öffne dich wird wahr, die Tür springt auf. Nun muss ich am Rande der Gleise zurücklaufen. Ein ICE rauscht sehr nahe an mir vorbei. Erschreckt drehe ich mich zur Seite. Im Geiste höre ich meinen Vater „Katastrophen-Anni“ sagen. Trotz allem kann ich die Komik der Situation erfassen und grinse vor mich hin. Ein lockerer Stein wird mir zum Verhängnis, er bricht nach unten ab und mein rechtes Knie knackt und schmerzt. Ausnahmsweise habe ich meine homöopathische Hausapotheke nicht dabei, also weder Arnika noch Rhus tox. Mit zusammengebissenen Zähnen komme ich an Gleis 15 an, klettere den Bahnsteig hoch und gehe hinkend ins Fundbüro. Es wurde kein Koffer abgegeben, der freundliche Herr ruft beim Reise-Point an und da ist mein Koffer. Beim Abholen muss ich Name und Adresse angeben. Ich hoffe, dass keine Rückschlüsse auf eine aufgebrochene Türe und einem vergessenen Koffer gezogen werden können. Im Medienzeitalter denkbar.
Endlich kann ich mich in einem Café ausruhen und habe zwei Stunden Zeit mich zu entspannen. Meine Gedanken rasen und kommen zu dem Schluss: Jetzt komme ich doch erst um 16:15 Uhr in Konstanz an, das scheint mir ein bisschen knapp zu werden. Dabei wollte ich im hier und jetzt mit Ruhe und Muße meine Reise begehen.
Von Stuttgart nach Singen kommen wir in die Gegend in der Hermann Hesse gelebt hat. Was macht seine Faszination aus? Bücher von Hermann Hesse, bezaubern mich, alle paar Jahre lese ich Siddhartha.
Wieder werde ich von meinen Träumen zurückgeholt ins hier und jetzt, der Schaffner gibt durch, dass wir in der Zwischenzeit 12 Min Verspätung haben. Ich merke, dass es mit der Zeit eng wird und entschließe mich zu handeln. Also rufe ich das Hotel an und teile dort mit, dass ich nur ganz kurz komme, meinen Schlüssel in Empfang nehmen und im Gegenzug meinen Pass dalasse. Ich hoffe spätestens um 16:30 Uhr im Hotel zu sein.
Vorsorglich ziehe ich mich im Zugklo um. Das ist ein wildromantisches Unterfangen. Der Zug fährt in eine Linkskurve und ich fliege in die Ecke, aber dann schaffe ich das Umkleiden problemlos. Als ich auf meinem Platz zurückkomme, höre ich, dass wir in der Zwischenzeit 20 Min Verspätung haben und ich den Regionalexpress nach Konstanz nicht mehr erreichen kann. Der nächste fährt erst um 16:25 Uhr.
In Singen steige ich aus dem Zug, fliege buchstäblich zu einem Taxi, schmeiße mich auf den Sitz und sage atemlos: Konstanz, bitte so schnell wie möglich. Es ist Freitag, zäher Verkehr mit stop and go. Autos, die schleichen, als bekämen sie eine extra Prämie dafür. Irgendwie komme ich doch im Hotel an. Ich werfe meinen Pass auf die Theke, der Rezeptionier gibt mir meinen Zimmerschlüssel, inzwischen ist es 16:40 Uhr, der Hafen in 5 km Entfernung. Das Taxi hat auf mich gewartet. Ich rufe die Auskunft an und bitte um die Nummer der Hafenbehörde. Tatsächlich bekomme ich eine Verbindung mit einer Frau am anderen Ende der Leitung und ich teile ihr mit, dass ich es nicht schaffe bis 16:45 Uhr am Hafen zu sein, um das Schiff Graf Zeppelin zu erreichen. Sie ist sehr freundlich und beruhigt mich, das ist alles kein Problem, denn ich könne mit dem Katamaran nach Friedrichshafen fahren und dort nähme mich der Luxusdampfer Graf Zeppelin auf.
Am Hafen lässt mich das Taxi aussteigen, denn in das Hafengebiet gelangt man nur per pedes. Ich eile dem Pier entgegen, da spricht mich ein Herr an, ob ich die Frau Naser sei, und er stellt sich mir als Vater von Petra vor, von ihr habe ich die Karten geschenkt bekommen, weil sie nicht konnte. Ursprünglich wollte sie mit ihren Eltern in die Oper gehen. Nach 15 Min. können wir an Bord und fahren nach Friedrichshafen. Hier werden wir von der Graf Zeppelin aufgenommen. Am Tisch sind noch andere Gäste, die uns freundlich begrüßen. Das Essen ist so weit in Ordnung nichts Besonderes, der Hauptgang ist versalzen, wie schön, dass wenigstens der Koch verliebt ist. Die Fahrt auf den Bodensee ist kurzweilig, wir bekommen einen Fallschirmabsprung von der Bundeswehr als Gratiseinlage geboten.
Als wir in Bregenz ankommen, sehe ich ein imposantes Bühnenbild, eingehüllt in schwarze, dunkle, drohende Wolken; das Ganze sieht bombastisch aus. Am Ufer blinkt überall Sturmwarnung. Wir sitzen so um die fünf Minuten auf unseren Polstern, als die befürchtete Durchsage kommt, dass sich alle ins Foyer begeben sollen und abwarten, wie die Festspielleitung entscheidet.
So stehen wir schwitzend im Foyer und hoffen, dass dieser Sturm an uns vorüberzieht, aber die Festspielleitung entscheidet, dass im Hause gespielt wird und Seekarten in Hauskarten umgetauscht werden können, aber nicht genug Plätze vorhanden sind. Eine Durchsage an alle Passagiere, des Schiffes Graf Zeppelin teilt uns mit, dass wir vorzeitig abgeholt und nach Konstanz zurückgebracht werden. Also kann ich keine Karten umtauschen, sondern muss mich schnell auf den Weg zur Ablegestelle machen. Müde und leicht frustriert fahren wir nach Konstanz zurück. Um Mitternacht gibt es Gulaschsuppe als Trost für die verpasste Oper. Um 1 Uhr legen wir in Konstanz an und ich bin ziemlich erledigt, steige in ein Taxi und bin sehr froh, als ich nach dieser Odyssee im Bett liege.
Am nächsten Morgen, nach dem Frühstück, fahre ich einen Bus früher zum Bahnhof, um mich vom Bodensee zu verabschieden. Jetzt ist Ruhe in mir eingekehrt und auch der See liegt ruhig und glatt vor mir, kein Wellengang. Die Sonne weiß nicht so recht, ob sie aus dem Wolkenfeld hervorbrechen will oder sich in ihrer strahlenden Schönheit ganz zeigen soll, sie blinzelt mich an. In zehn Minuten fährt mein Zug ab. Mit einem letzten Blick versuche ich die Stimmung des Sees mit mir zu nehmen, um sie zu bewahren. Ich winke dem See zu und verabschiede mich mit den Worten: „Bis zum nächsten Mal. Ade Bodensee.“
(c) Anneliese Naser 2019. Der Clownskopf (Rigoletta) prägte von 2019 bis 2021 das Bühnenbild auf der Seebühne in Bregenz.